„Mein Sohn ist bei deinem Mann gemeldet, also hat er ein Recht auf eure Wohnung!“ rief Sandra an der Tür und stürmte ungebeten in die Wohnung, gefolgt von einer Frau mit Notizblock

Unverschämte Forderungen zerstören die zerbrechliche häusliche Sicherheit.
Geschichten

— Mein Sohn ist bei deinem Mann gemeldet, also hat er ein Recht auf eure Wohnung! Ich habe mich erkundigt!

Hannah zog die Tür noch ein Stückchen weiter an sich heran, damit die Besucherin gar nicht erst auf die Idee kam, man werde sie gleich hereinbitten. Vor der Zweizimmerwohnung stand Sandra, die Exfrau ihres Mannes, in einem glänzenden Lackmantel, der für einen Julitag völlig fehl am Platz war, das Handy schussbereit in der Hand. Hinter ihr lauerte eine Frau mit Notizblock und Kugelschreiber.

— Guten Tag, — sagte Hannah ruhig.

— Nichts da mit guten Tag. Ihr setzt jetzt die Papiere auf! — Sandra machte einen Schritt nach vorn; ihr Absatz schlug hart gegen die Schwelle. — Ein Kind hat Anspruch auf den Wohnraum seines Vaters. Wenn es dort gemeldet ist, gehört ihm ein Anteil. Das hat mir ein Anwalt erklärt.

Die Frau mit dem Block nickte bedeutungsvoll und kritzelte etwas. Offenbar war sie dieser „Anwalt“.

— Schreib alles auf, Sandra, alles, — warf sie über die Schulter. — Was sie sagen, wann wir gekommen sind.

Lukas erschien in Socken im Flur, erkannte die Gäste und erinnerte sich im selben Augenblick bemerkenswert lebhaft an seinen halb ausgetrunkenen Tee in der Küche. Er drehte sich um und verschwand. Sein Status als erreichbarer Ehemann erlosch an diesem Tag sofort.

Hannah blieb allein im Flur stehen, zwei gegen eine.

— Kommen Sie herein, — sagte sie. — Dann klären wir das in Ruhe.

— In Ruhe, sagt sie! — Sandra stapfte ohne die Schuhe auszuziehen hinein und hinterließ feuchte Halbkreise auf dem hellen Linoleum. — Ich dachte, ihr wärt anständige Leute. Stattdessen nehmt ihr einem Kind weg, was ihm zusteht. Seinem eigenen Vater! Wo soll mein Junge denn sonst einen Anteil haben? Bei Fremden?

„Mein Junge“ war Elias. In den Unterlagen hieß er so, doch Sandra sprach seinen Namen aus, als trage sie eine heilige Reliquie vor sich her, mit der man jede Tür aufstoßen durfte.

Die Frau mit dem Block setzte sich ungefragt auf den Hocker im Flur und legte ihre Notizen auf die Knie.

— Ich protokolliere das, — kündigte sie an. — Fürs Jugendamt. Sandra, sag ihr das mit dem Jugendamt.

— Genau, ich gehe zum Jugendamt! — fiel Sandra sofort ein. — Und vor Gericht! Ihr werdet schon sehen. Der Junge ist auf dieser Adresse gemeldet, also gehören ihm diese Quadratmeter. Da könnt ihr euch auf den Kopf stellen.

Hannah hörte zu. Der Junge, um den es ging, war in dieser Wohnung kein einziges Mal gewesen. Kein einziges Mal in den drei Jahren, seit sie mit Lukas verheiratet war. Angemeldet worden war er hier vor vier Jahren, noch vor Hannahs Zeit, „wegen des Einzugsgebiets“, damit er an die gute Schule in der Nähe kam. Tatsächlich lebte er immer bei seiner Mutter, am anderen Ende der Stadt. Samstags traf er seinen Vater für zwei Stunden im Café, danach fuhr er wieder zurück.

Wem diese Wohnung gehörte, wusste Sandra offenbar überhaupt nicht. Sie hielt sie für gemeinsames Ehevermögen: Wenn der Mann dort gemeldet war, musste es schließlich etwas zu verteilen geben.

Hannah hatte diese Zweizimmerwohnung anderthalb Jahre vor ihrer Bekanntschaft mit Lukas gekauft.

LebensKlüber