„Du hast keinerlei Recht, irgendetwas dafür zu unterschreiben.“ sagte Anna fassungslos und nahm den Topf vom Herd

Schamloses Vorgehen, das mein Leben rücksichtslos entwertet.
Geschichten

— Das Atelier deiner Tante überschreiben wir auf meine Mutter. Ich habe die Unterlagen bereits unterschrieben, — erklärte Lukas und strich sich dabei seelenruhig Butter aufs Brot.

Anna stand mit einem kleinen Topf in der Hand am Herd. Die Milch schwoll schon zu einer weißen Kuppel an und drohte jeden Moment überzulaufen, doch sie war wie festgenagelt.

— Was genau hast du unterschrieben?

— Eine Vorvereinbarung. — Ihr Mann sah nicht einmal auf. — Der Notartermin ist am Donnerstag um zehn. Du kommst mit, setzt deine Unterschrift darunter, und damit ist die Sache erledigt.

Da zischte es auch schon. Die Milch lief über, spritzte auf die heiße Platte, und sofort hing ein angebrannter Geruch in der Luft.

Anna nahm den Topf vom Herd, stellte ihn auf den Untersetzer und trocknete sich ungewöhnlich langsam die Hände am Geschirrtuch ab. In ihr war es hohl geworden, dumpf und leer wie in einem Treppenhaus mitten in der Nacht.

Vor sechs Jahren, nach dem Tod ihrer Tante Rosa, hatte Anna deren Zweizimmerwohnung in einem alten Haus in der Gartenstraße geerbt. Kein Palast, gewiss nicht. Knarrendes Parkett, hohe Decken, Fenster zum Innenhof, in dem Linden standen.

Aus dieser Wohnung hatte Anna ein Atelier gemacht. Sie hatte eigenhändig Tapeten von den Wänden gerissen, Lampen ausgesucht, Regale aufgebaut und drei Jahre lang vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, bis „Der Faden“ zu einem Ort geworden war, für den Kundinnen aus der ganzen Stadt anreisten.

Und nun sprach ihr Mann darüber, als ginge es um ein übrig gebliebenes Stück Käse, während er ein Butterbrot in der Hand hielt.

— Lukas, — ihre Stimme klang ihr fremd. — Das Atelier läuft auf meinen Namen. Es ist mein Erbe. Du hast keinerlei Recht, irgendetwas dafür zu unterschreiben.

— Fang jetzt bitte nicht wieder an. — Er seufzte in genau jenem Tonfall, bei dem sich ihr jedes Mal der Kiefer verkrampfte. — Mama hat alles durchdacht. Marie hat keine richtige Wohnung, sie zieht mit ihren beiden Jungs von einer Mietwohnung in die nächste. Wir verkaufen den Laden und kaufen ihr eine kleine Einzimmerwohnung. Familie hilft einander nun mal.

— Familie, — wiederholte Anna leise.

— Ja, natürlich. Und nähen kannst du auch woanders. Dann mietest du eben irgendeinen Kellerraum an, das ist sowieso günstiger.

Im Flur klickte das Schloss.

Anna kannte dieses Geräusch auswendig. So öffnete in dieser Wohnung nur eine einzige Frau die Tür: hart, bestimmt, mit dem Anspruch einer Hausherrin, als wollte sie schon mit dem Schlüssel ankündigen, dass alle Platz zu machen hatten.

Ihre Schwiegermutter.

Sabine kam in die Küche, im Morgenmantel, das Handy in der Hand. Die Wohnung gehörte ihr — drei Zimmer im fünften Stock, in denen Anna und Lukas seit Beginn ihrer Ehe lebten. „Warum sollt ihr etwas mieten, wenn hier doch genug Platz ist“, hatte Sabine damals gesagt. Anna hatte zugestimmt. Und genau das konnte sie sich bis heute nicht verzeihen.

— Was riecht denn hier so verbrannt? — Sabine rümpfte die Nase. — Annalein, hast du schon wieder die Milch überkochen lassen? Man fragt sich wirklich, wo du manchmal deine Hände hast.

— Mama, ich habe es ihr schon gesagt, — warf Lukas ein.

— Wegen Donnerstag? — Sabine wurde sofort munter und ließ sich am Tisch nieder. — Sehr gut. So ist es richtig. Annalein, mach dir keine Sorgen, das dauert nicht lange. Andrea ist eine zuverlässige Notarin, zu der gehe ich schon seit Ewigkeiten.

Anna setzte sich ihr gegenüber. Langsam, wie jemand, der sich nicht mehr sicher ist, ob der Boden unter den Füßen noch trägt.

— Sabine, das Atelier gehört mir. Ich habe es von meiner Tante bekommen. Es war schon vor der Ehe mein Eigentum.

— Und? — Ihre Schwiegermutter lächelte beinahe zärtlich. — Annalein, stell dich doch nicht an wie ein kleines Kind. In einer Familie gibt es kein „meins“ und „deins“. Es gibt nur „unser“. Ich lasse dich seit sechs Jahren in meiner Wohnung wohnen und halte es dir ja auch nicht ständig vor.

Lasse dich wohnen. Nicht: Ihr wohnt bei mir. Nicht: Ihr seid hier zu Hause.

— Ich bezahle die Nebenkosten, kaufe Lebensmittel und habe die Renovierung in Küche und Bad bezahlt, — sagte Anna ruhig.

— Ach, jetzt wird abgerechnet! — Sabine schlug die Hände zusammen und wandte sich an ihren Sohn. — Lukas, hörst du das? Sie stellt mir Rechnungen aus. Das nennt man also Dankbarkeit.

Lukas schwieg. Wie immer in solchen Augenblicken. Er saß da, stocherte mit der Gabel auf seinem Teller herum und wartete, bis das Gewitter über dem Küchentisch vorübergezogen war.

Anna betrachtete ihren Mann und begriff plötzlich etwas ganz Einfaches.

Er hatte es gewusst. Nicht erst seit heute. Auch nicht seit gestern. Er wusste es schon lange.

All die Monate, in denen Sabine auf einmal Fragen zum Wert der Immobilie gestellt hatte. In denen Marie beiläufig wissen wollte, was man „im Notfall“ wohl für die Räume bekommen würde. In denen Lukas ihren Ausweis „für die Versicherung“ mitgenommen und erst am nächsten Tag zurückgebracht hatte.

Das hier war kein Streit. Das war eine vorbereitete Aktion.

— Lukas, — sagte Anna. — Sieh mich an.

Er hob den Blick. Schuldbewusst, wie ein Junge, den man mit fremdem Kleingeld in der Tasche erwischt hat.

— Seit wann besprecht ihr das?

— Na ja … seit dem Winter, — murmelte er.

Seit dem Winter. Ein halbes Jahr. Sechs Monate lang hatte sie für ihn gekocht, seine Hemden gebügelt, seine Mutter zu Arztterminen gefahren. Und währenddessen hatten sie hinter ihrem Rücken ihr Atelier aufgeteilt.

— Annalein, warum ziehst du eigentlich so ein Gesicht? — Sabine lehnte sich bequem zurück. — Du bist vierunddreißig. Keine Kinder, kein Nutzen. Nur diese Stofflappen von dir. Marie hat immerhin zwei Jungen großgezogen, und du? Du bist eine Mitesserin, nichts weiter. Du wohnst in einer fremden Wohnung und führst dich auf, als gehörte dir die halbe Welt.

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