— Ruf sie ruhig an. Mich interessiert sogar, welche Vorstellung heute auf dem Programm steht. Tragödie? Tribunal? Flüche? Oder wieder der Vortrag darüber, dass eine Frau ihren Mann inspirieren muss, während er auf dem Sofa liegt und Kräfte sammelt?
Eine Stunde später knallte die Wohnungstür so heftig, als sei nicht eine Frau im Mantel eingetreten, sondern eine unangemeldete Kontrolle vom Finanzamt.
— Nicole! — Andrea rauschte in die Küche, ohne sich auch nur die Stiefel auszuziehen. — Was bildest du dir eigentlich ein? Du hast meinen Sohn vor dem ganzen Laden bloßgestellt!
— Bloßgestellt hat er sich selbst. Ich habe nur aufgehört, diese Aufführung zu finanzieren.
— Du darfst nicht immer nur an dich denken! Du bist verheiratet, du wohnst nicht in irgendeiner WG! Einen Ehemann unterstützt man. Man erdrückt ihn nicht.
— Ich habe ihn unterstützt. Fünfundzwanzig Monate lang. Wenn Sie möchten, hole ich Ihnen den Kalender.
— Eine anständige Ehefrau zählt so etwas nicht auf! — Andrea warf die Hände in die Luft. — Gerade in einer schwierigen Phase braucht ein Mann Vertrauen. Und du trittst noch nach. David ist sensibel.
— Sein Nacken ist ziemlich kräftig. Und fremde Hände haben es sich darauf sehr bequem gemacht. Meine eingeschlossen.
— Wage es nicht, so mit meiner Mutter zu reden! — fuhr David auf. — Mama, hörst du das? Die hat ja komplett jedes Maß verloren.
— Ich höre es, — schnitt Andrea ihm das Wort ab und wandte sich wieder Nicole zu. — Und ich sehe noch etwas: Du hältst dich für viel zu wichtig. Glaubst du, nur weil du Geld verdienst, darfst du andere in den Dreck treten? Was wärst du denn ohne Familie? Allein würdest du zwischen deinen Aktenordnern versauern.
— Das klang jetzt beinahe wie eine Drohung. Und beinahe zählt nicht.
— Ich drohe nicht, ich warne dich. Alles, was in der Ehe entstanden ist, wird geteilt. Auch Einkünfte. Wenn du meinst, du müsstest hier die Schlaue spielen, sehen wir uns vor Gericht. Dort wird man dir deine Überheblichkeit schon austreiben.
Nicole stand wortlos auf. Sie ging zum Schrank, nahm eine dicke, durchsichtige Mappe heraus und legte sie auf den Küchentisch.
— Hier sind die Unterlagen zur Wohnung. Gekauft vier Jahre vor der Hochzeit. Hier die Gewerbeanmeldung, später die Gründung der GmbH, ebenfalls alles vor der Ehe. Hier Kontoauszüge. Hier Steuerbescheide. Und hier, damit das Bild vollständig ist, die Überweisungen von meinem Konto auf die Karte Ihres Sohnes aus den vergangenen anderthalb Jahren. Sie können gern blättern. Wischen Sie sich nur vorher die Hände ab, draußen ist Schneematsch.
Andreas Gesicht verlor einen Teil seiner Farbe.
— Willst du damit sagen, David hätte hier gar nichts?
— An meinem Eigentum? Ja, genau das. In meinen Ausgaben dagegen hatte er einen sehr festen Platz. Hatte.
— Und was hast du jetzt vor? — David kniff die Augen zusammen. — Willst du mich auf die Straße setzen?
— Ich habe es nicht vor. Ich habe es entschieden. Morgen reiche ich die Scheidung ein.
— Wegen Geld? — Er lachte kurz auf, doch sein Mundwinkel zuckte. — Ernsthaft? So kleinlich bist du?
— Nein. Wegen der Lügen. Wegen deiner Gewohnheit, auf meine Kosten zu leben. Wegen deiner Überzeugung, ich müsste das alles endlos schlucken. Das Geld ist nur ein ziemlich ehrlicher Spiegel. Es zeigt alles ohne Make-up.
— Das wirst du bereuen, — sagte Andrea leise. — Eine Frau allein begreift sehr schnell, was ihr Stolz wert ist.
— Kann sein. Aber dann bereue ich wenigstens in Ruhe. Und von meinem eigenen Geld.
— David, pack deine Sachen, — presste seine Mutter hervor. — In diesem Haus werden wir nicht länger respektiert.
— Als ob ich hier bleiben wollte, — warf er hin, ging jedoch ins Schlafzimmer mit dem Ausdruck eines Mannes, dem man nicht ein Sofa, sondern einen Thron genommen hatte.
Während dort Schranktüren krachten und Plastiktüten raschelten, klappte Nicole den Laptop zu, setzte sich wieder hin und starrte ein paar Sekunden in das dunkle Fenster.
— Zufrieden? — David blieb mit einer Tasche in der Küchentür stehen. — Glaubst du, du hast gewonnen?
— Nein. Ich habe nur aufgehört zu verlieren.
— Du bist grausam.
— Und du hast dich daran gewöhnt, Sanftmut damit zu verwechseln, dass man dich versorgt und schweigt.
— Das werde ich dir heimzahlen.
— Daran zweifle ich nicht. Ohne Vergangenheit kannst du ja kaum leben. Die Gegenwart verlangt zu viel von dir.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, breitete sich in der Wohnung plötzlich eine solche Stille aus, dass Nicole das Summen des Kühlschranks hörte. Im ersten Moment verstand sie nicht einmal, was sich verändert hatte. Dann begriff sie es.
