„Meine Mutter braucht Pflege, nicht deine Strände!“ sagte Anton scharf, während Hannah fassungslos vor den gepackten Koffern stand

Seine eiskalte Gleichgültigkeit fühlte sich verräterisch an.
Geschichten

Hannah las die Nachricht ein zweites Mal, dann löschte sie sie kommentarlos. Anton hatte also noch immer nichts begriffen.

Die Maschine landete am Abend in Düsseldorf. Vom Flughafen aus nahm Hannah ein Taxi nach Hause. In der Wohnung war es still; Anton war nicht da. Auf dem Küchentisch lag nur ein Zettel.

»Bin über Nacht zu meiner Mutter gefahren. Komme morgen früh zurück.«

Hannah stellte den Koffer im Flur ab, räumte ihre Sachen aus, duschte lange und setzte sich danach mit einer Tasse Tee an den Küchentisch. Am Kühlschrank hingen noch immer die Hochzeitsfotos: lachende Gesichter, ihr weißes Kleid, der Blumenstrauß in ihren Händen.

Vor drei Wochen hatte sie geglaubt, einen Mann geheiratet zu haben, der an ihrer Seite stehen, sie schützen und unterstützen würde. Jetzt sah sie klarer: Ihr Mann war bereit, seine Ehefrau dem Seelenfrieden seiner Mutter zu opfern.

Am nächsten Morgen kam Anton mit zerknirschter Miene nach Hause. In der Hand hielt er einen Strauß Chrysanthemen, offenbar hastig an einem kleinen Stand um die Ecke gekauft.

»Es tut mir leid, dass ich dich nicht abgeholt habe«, begann er. »Mama ging es die ganze Nacht schlecht.«

»Ich verstehe«, sagte Hannah ruhig, nahm ihm die Blumen ab und stellte sie in eine Vase.

»Und? Konntest du dich trotzdem erholen?«

»Sehr sogar.«

»Habe ich dir gefehlt?«

»Nein.«

Anton setzte sich an den Tisch und musterte sie aufmerksam, als suche er in ihrem Gesicht nach einem vertrauten Zeichen.

»Hannah, wir müssen reden. Und zwar ernsthaft.«

»Gut.«

»Du musst verstehen: Eine Ehe besteht nicht nur aus Romantik. Man trägt Verantwortung. Auch für die Menschen, die einem nahestehen. Und meine Mutter gehört nun einmal dazu.«

Hannah setzte sich ihm gegenüber. Ihre Hände lagen gefaltet auf der Tischplatte.

»Deine Mutter ist deine Verantwortung. Ich bin deine Frau. Merkst du den Unterschied?«

»Aber wir sind jetzt eine Familie!«

»Familie bedeutet, dass Mann und Frau füreinander einstehen. Nicht, dass die Frau zur Pflegerin der Schwiegermutter gemacht wird.«

Antons Stirn legte sich in Falten.

»Du denkst nur an dich. Das ist egoistisch.«

»Nein. Ich denke an uns. An unsere Ehe. In fünf Jahren wird Mathilda wieder etwas finden, womit sie dich an sich bindet, und du wirst dich wieder für sie entscheiden.«

»Meine Mutter denkt sich nichts aus! Sie ist krank!«

»Sie manipuliert dich. Und du lässt es zu.«

Anton sprang vom Stuhl auf und begann, in der Küche auf und ab zu laufen.

»Heißt das, du willst meiner Familie nicht helfen?«

»Ich will unsere eigene Familie aufbauen. Für deine Mutter könnt ihr eine Pflegekraft organisieren. Oder sie lässt sich stationär behandeln.«

»Das ist herzlos.«

»Nein. Das ist ehrlich.«

Eine Weile standen sie einander schweigend gegenüber, getrennt durch den schmalen Küchenraum. Jeder wartete darauf, dass der andere nachgab.

»Also gut«, sagte Anton schließlich gepresst. »Dann machen wir es eben so, wie du willst. Aber wenn meiner Mutter etwas passiert, musst du damit leben.«

»Und wenn unsere Ehe daran zerbricht, wirst du damit leben müssen«, erwiderte Hannah.

Anton verließ die Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Hannah blieb sitzen und sah wieder zu den Hochzeitsbildern am Kühlschrank.

Die Flitterwochen waren vorbei. Doch die eigentliche Prüfung hatte gerade erst begonnen. Und ihr Ergebnis zeichnete sich bereits ab.

Wenn ein Mann schon im ersten Monat der Ehe seine Mutter über seine Frau stellt, wird sich daran später kaum etwas ändern. Wahrscheinlicher ist, dass es nur schlimmer wird.

Hannah zog die Flugtickets aus ihrer Tasche – die Rückreise aus Hamburg. Auf einem stand ihr Name. Auf dem anderen der Name ihres Mannes, der diesen Flug nie angetreten hatte.

Diese Reise hatte tatsächlich gezeigt, wer wer war. Und ebenso deutlich war nun, welchen Weg sie weitergehen musste.

LebensKlüber