»Na ja«, brachte Anton schließlich hervor und wich ihrem Blick aus. »Meine Mutter geht davon aus, dass du ihr ein wenig zur Hand gehst. Du gehörst jetzt schließlich zu unserer Familie.«
»Zur Familie«, wiederholte Hannah leise. »Oder meinst du: als kostenlose Pflegerin?«
»Jetzt mach daraus bitte kein Drama.« Anton hob abwehrend die Hände. »Solche Dinge liegen Frauen nun einmal mehr. Ihr habt dafür ein besseres Gefühl. So etwas wie Fürsorge, mütterlicher Instinkt, du weißt schon.«
Hannah erhob sich ohne Hast und ging zum Schrank. Aus dem Koffer nahm sie ihr leichtes Sommerkleid, strich mit der Hand über den Stoff und hängte es sorgfältig auf einen Bügel.
»Und was ist, wenn ich mich weigere?«
Antons Stirn verdunkelte sich noch mehr.
»Dann bleibt es an mir hängen. Dann muss ich Urlaub nehmen, verliere meine Quartalsprämie, lasse meine Kollegen im Stich, die sich auf mich verlassen, und enttäusche meine Mutter, die seit drei Jahren darauf wartet, endlich eine Schwiegertochter zu haben.«
In seiner Stimme lag nun nicht mehr nur Ärger, sondern auch gekränkte Anklage. Hannah legte Badeanzug und Strandpantoletten langsam zurück in den Koffer, als müsste jede Bewegung ganz genau sitzen.
»Versuchst du gerade, mir Angst zu machen?«
»Ich erkläre dir nur, wie die Lage ist. Unsere Reise kann man verschieben. Meine Mutter braucht aber jetzt Unterstützung.«
Hannah klappte den Koffer zu und drehte sich zu ihm um. Ihr Gesicht blieb ruhig. Keine Tränen, kein Zittern, keine Szene.
»Anton, ich habe diese Reise von meinem eigenen Geld bezahlt. Ein halbes Jahr lang habe ich dafür gespart. Seit ich ein Kind war, habe ich davon geträumt, einmal Urlaub am Meer zu machen.«
»Und?« Er zuckte mit den Schultern. »Ist meine Mutter etwa weniger wichtig als irgendein Kindheitstraum?«
»Deine Mutter ist deine Mutter«, sagte Hannah. »Und das Meer war unsere Hochzeitsreise. So etwas gibt es nur einmal.«
Anton trat näher, legte ihr die Hand auf die Schulter und bemühte sich plötzlich um einen weicheren Ton.
»Hannah, bitte. Mathilda ist eine alte Frau. Sie ist krank. Sie ist allein. Wir dagegen sind jung. Uns steht noch das ganze Leben offen. Ans Meer können wir noch hundertmal fahren.«
»Hundertmal ans Meer vielleicht«, entgegnete sie. »Aber kein einziges Mal mehr auf unsere erste Hochzeitsreise.«
Er zog die Hand zurück. Die Wärme verschwand aus seinem Gesicht, als hätte jemand das Licht gelöscht.
»Ich bleibe hier. Wenn du willst, fahr allein. Wenn du willst, sag alles ab. Das ist deine Entscheidung.«
Hannah nahm die Tickets vom Tisch, steckte ihren Ausweis dazu und schob alles in ihre Handtasche. Dann griff sie nach ihrer Jacke und stellte den Koffer aufrecht neben sich.
»Ich habe mich entschieden.«
»Wohin willst du?«
»Zum Flughafen. Der Flug geht morgen früh.«
Anton verzog den Mund zu einem überlegenen, fast mitleidigen Lächeln.
»Du willst wirklich allein fliegen? Im Ernst? Was sollen denn die Leute dazu sagen?«
»Vermutlich, dass mein Mann in der ersten Ehewoche seine Mutter seiner Frau vorgezogen hat. Den Rest darf sich dann jeder selbst zusammenreimen.«
Hannah verließ die Wohnung, ohne die Tür zu knallen. Im Treppenhaus war es still; nur das dumpfe Summen des Aufzugs hing in der Luft. Unten blieb sie für einen Moment vor dem Ausgang stehen.
Zum ersten Mal seit drei Tagen Ehe konnte sie frei atmen. Niemand verlangte Erklärungen. Niemand schob ihr Schuldgefühle zu. Niemand zwang sie, zwischen sich selbst und dem gesunden Menschenverstand zu wählen.
Am Dortmunder Flughafen nahm Hannah sich ein Zimmer in dem Hotel unweit des Terminals. Ihr Telefon schwieg bis zum Abend. Erst gegen zehn Uhr erschien Antons Name auf dem Display.
»Hannah, wo bist du?«
»Dort, wo ich gesagt habe. Am Flughafen.«
»Du meinst das ernst? Du willst tatsächlich ohne mich fliegen?«
»Ich bin nicht mehr dabei, es zu wollen. Ich bin schon unterwegs. Morgen früh um sieben geht die Maschine.«
