Anschließend nahm sie Maximilian Möllers Tablet zur Hand, fotografierte den geöffneten Familienchat Seite für Seite ab und hielt jede einzelne Nachricht fest. Auch diese Aufnahmen brachte sie zu Papier.
Erst danach wählte sie die Nummer ihrer Anwältin.
„Frau Wagner? Guten Tag, hier spricht Sophia Lange. Ich brauche dringend einen Termin wegen einer Scheidung und wegen unbefugter Abbuchungen von gemeinsam angespartem Vermögen. Ja, die Kontoauszüge liegen vollständig vor. Ich bin in einer Stunde bei Ihnen.“
Am Sonntag beschloss Christina Lang, ihre „Lebenserfahrung“ zur Schau zu stellen, und kochte zum Mittagessen einen riesigen Topf Gulasch. Kaum hatten sich der Duft von Fleisch, Paprika und Gewürzen in der Wohnung ausgebreitet, erschien auch Sebastian Walter wie auf Kommando.
Gegessen wurde im Wohnzimmer. Maximilian Möller wirkte auffallend gelöst. Er schenkte allen von dem teuren Rotwein ein, den Sophia Lange selbstverständlich für Weihnachten gekauft hatte.
„Also, auf die Familie!“, verkündete er und hob sein Glas. „Das Wichtigste ist, dass wir zusammenhalten.“
Sophia rührte ihr Glas nicht an. Sie saß kerzengerade auf ihrem Stuhl, in einem schlichten dunklen Rollkragenpullover, ruhig und unbeweglich. Neben ihrem Teller lag eine dicke Pappmappe mit Gummizügen.
„Christina Lang“, begann sie, und ihre Stimme klang so klar, dass sie die gemütliche Wohnzimmeratmosphäre wie eine Messerklinge durchschnitt. „Sie wollten neulich Zugang zu meiner Banking-App. Ich habe darüber nachgedacht. Sie hatten recht. In Geldfragen sollte alles offen auf dem Tisch liegen.“
Maximilian grinste zufrieden und warf seinem Bruder einen verschwörerischen Blick zu. Christina Langs Gesicht hellte sich triumphierend auf.
„Na also! Ich habe doch gesagt, dass am Ende die Vernunft siegt. Wie in einem alten Film: Endlich habe ich dich gefunden! Dann gib mir mal dein Handy.“
„Mein Handy bekommen Sie nicht“, erwiderte Sophia. Ihre Hand legte sich auf die Mappe, dann löste sie die Gummibänder. „Ich habe etwas Besseres vorbereitet. Einen vollständigen Finanzbericht der letzten drei Jahre. Ausgedruckt. Mit allen Ausgabeposten, ganz so, wie Sie es mögen.“
Sie zog ein geheftetes Bündel Papier heraus und legte es mitten auf den Tisch, direkt neben den dampfenden Gulaschtopf.
Sebastian griff lässig danach, blätterte die erste Seite um und verschluckte sich im nächsten Moment am Wein. Seine Augen wurden groß. Oben auf dem Blatt prangte ein Farbausdruck aus ihrem geheimen Chat: „Maximilian: Mama, ich versuche, Sophia den PIN-Code zu entlocken …“
Maximilian riss seinem Bruder die Seiten aus der Hand. Innerhalb einer Sekunde verlor sein Gesicht jede Farbe und nahm den grauen Ton von schlechtem Beton an. Hastig blätterte er weiter: Kontoauszüge des Sparkontos, jede einzelne verschwundene Summe von Sophia sauber mit gelbem Textmarker markiert.
„Sophia … was soll das sein?“, brachte er heiser hervor und rückte vom Tisch ab. „Du hast in meinem Tablet herumgeschnüffelt? Das ist ein Eingriff in meine Privatsphäre!“
„Deine Privatsphäre, Maximilian, endete in dem Augenblick, in dem du angefangen hast, mein Geld zu stehlen“, sagte Sophia mit eisiger Ruhe. „Dreiundfünfzigtausendsechshundert Euro. Genau diese Summe hast du von unserem angeblichen Haus-Sparkonto abgezogen, um deinen unreifen Bruder durchzufüttern und deiner Mutter ihre Wünsche zu finanzieren.“
Christina Lang bekam rote Flecken im Gesicht. Dramatisch presste sie sich eine Hand an die Brust, als stünde sie kurz vor einem Herzinfarkt.
„Wie wagst du es!“, kreischte sie und vergaß ihre Filmzitate schlagartig. „Das ist das Geld meines Sohnes! Er darf über das Familienbudget verfügen! Sebastian steckt in Schwierigkeiten, wir mussten ihm helfen! Du bist herzlos, eine eiskalte Person! Deine Sträucher liebst du mehr als lebendige Menschen!“
„Schreien Sie nicht, Christina Lang. Wir wohnen in einem ordentlichen Haus, am Ende rufen die Nachbarn noch die Polizei“, sagte Sophia, ohne auch nur lauter zu werden. Gerade diese Beherrschung machte die anderen noch wütender. „Ihr Sohn hat keinen einzigen Cent dieses Geldes verdient. Ich finanziere ihn. Ich bezahle diese Wohnung. Ich bezahle das Auto, mit dem er herumfährt. Und hinter meinem Rücken nennen Sie mich ein Arbeitstier und besprechen, wie man Sebastians Wohnung per Dauerauftrag von meiner Gehaltskarte bezahlt.“
„Sophia, hör mir zu, lass uns das in Ruhe klären“, setzte Maximilian an und wechselte in jenen weichen, beschwichtigenden Ton, mit dem er sonst Kunden um den Finger wickelte. Er streckte die Hände nach ihr aus. „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Ich wollte eben meiner Familie helfen. Ich zahle alles zurück! Ich suche mir eine vernünftige Arbeit, ich schwöre es dir. Wir sind doch eine Familie. Wir sind so viele Jahre zusammen.“
„Deine Familie sitzt gerade links und rechts von dir, Maximilian. Für euch bin ich nur ein Geldautomat“, sagte Sophia und erhob sich. „Mein Anwalt hat am Freitag die Scheidungsunterlagen beim Gericht eingereicht. Außerdem wurde eine offizielle Forderung auf Rückzahlung der unbefugt entnommenen Beträge gestellt. Sämtliche Beweise, einschließlich eurer Nachrichten, sind der Akte bereits beigefügt.“
„Diese Summe bekommst du niemals vor Gericht zugesprochen!“, mischte sich Sebastian ein, die Augen vor Wut funkelnd. „Das war ein gemeinsames Konto!“
„Mein Anwalt sieht das anders, Sebastian. Aber das ist noch nicht einmal der interessanteste Punkt.“ Sophia griff in ihre Tasche, holte die Schlüssel des Audi hervor und legte sie an den Rand des Tisches.
