Emilia Schmitt hob nicht die Stimme. Mit zwei Fingern umfasste sie Sabine Köhlers Handgelenk, behutsam, fast sachlich, ohne hastige Bewegung, und führte die Hand von ihrem Gesicht weg.
„Ich stelle keine Bedingungen“, sagte sie ruhig. „Ich sage Ihnen nur: Fassen Sie mich nicht an. Darüber wird nicht verhandelt.“
„Wie kannst du es wagen!“ Sabine Köhler schnappte empört nach Luft. „Ich habe dich hier aufgenommen, dich an unseren Tisch gelassen, und du stößt meine Hand weg? Undankbares Mädchen!“
In diesem Moment stürmte Maximilian König in die Küche. Offenbar hatten die lauten Stimmen ihn herbeigelockt. Sein Blick erfasste alles auf einmal: Emilias gerötetes Kinn, das wutverzerrte Gesicht seiner Mutter und das Messer, das achtlos auf dem Schneidebrett lag.
„Was ist hier los?“ fragte er leise.
Doch in seiner Stimme lag etwas, das selbst ihm fremd vorkam — ein Ton, der nicht mehr ausweichen wollte.
„Deine Frau wird frech!“ rief Sabine Köhler sofort. „Ich habe ihr nur etwas wegen des Frühstücks gesagt, und schon spielt sie sich auf, schiebt meine Hände weg und tut, als hätte sie hier besondere Rechte!“
„Deine Mutter hat mein Gesicht gepackt“, erklärte Emilia schlicht. Keine Klage, keine Übertreibung, nur eine nüchterne Feststellung. „Ich habe sie gebeten, die Hand wegzunehmen. Sie hat es nicht getan.“
„Ich habe sie nicht gepackt!“ Sabine Köhler fuhr herum. „Ich habe ihr Gesicht nur zu mir gedreht, damit sie mich ansieht, wenn ich mit ihr rede. Seit wann ist das ein Verbrechen?“
Maximilian schwieg einen Augenblick. Sein Blick wanderte zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her. In seinen Zügen arbeitete etwas, als zerbräche in ihm ein altes, bequemes Bild: die Vorstellung, dass seine Mutter immer recht hatte und dass man Streit am besten mit einem Nicken und Schweigen beendete.
„Mama“, sagte er schließlich, „du hast kein Recht, Emilia anzufassen. Niemals. Nicht am Kinn, nicht am Arm, nirgendwo.“
„Maximilian!“ Sabine Köhler presste sich die Hand an die Brust, als hätte ihn seine Antwort körperlich getroffen. „Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“
„Auf der Seite des gesunden Menschenverstands“, erwiderte er. „Du setzt ihr ständig zu. Mal passt dir das Essen nicht, mal ihre Art, und jetzt wirst du auch noch handgreiflich. Damit ist Schluss.“
„Ich habe dich allein großgezogen“, kreischte sie, ihre Stimme kippte vor Entrüstung. „Dein Vater war dauernd bei der Arbeit, ich habe dir alles gegeben, und jetzt stellst du mich vor deiner Frau zur Rede?“
„Ich stelle dich nicht zur Rede“, sagte Maximilian und trat zu Emilia. Er nahm ihre Hand. „Ich verlange nur, dass du meine Frau respektierst. Das ist etwas völlig anderes, Mama.“
Sabine Köhler sank auf den Hocker, als hätten ihre Beine plötzlich nachgegeben. Dann begann sie zu weinen — laut, mit bebenden Schultern und abgehackten Schluchzern. Doch Emilia bemerkte, dass die Tränen zwar liefen, ihr Blick aber wach und prüfend blieb, als teste sie ganz genau die Wirkung ihres Weinens.
