Ein Zuhause, aus dem die eigene Großmutter ihn nicht einfach hinauswerfen konnte.
Helena Vogel ließ sich schwer auf den Hocker sinken. Die Angriffslust, die eben noch in ihr gebrannt hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick. Vor ihnen saß plötzlich keine herrische Hausherrin mehr, sondern eine alte, verängstigte Frau.
„Das kann nicht sein …“, hauchte sie. „Georg … er hätte sich niemals getraut … Ich … ich werde Anzeige erstatten! Gegen dich und gegen diesen … diesen Notar ebenfalls!“
Laura blieb vollkommen ruhig. „Der Notar, der das Testament beglaubigt hat, ist vor drei Jahren gestorben. Aber in seiner Kanzlei existiert ein Archiv. Dort liegt eine Ausfertigung. Sie können jederzeit Akteneinsicht beantragen.“
Sie wusste sehr genau, wovon sie sprach. Georg Engel, ihr verstorbener Schwiegervater, war weit vorausschauender gewesen, als irgendjemand ihm zugetraut hätte. Etwa ein Jahr vor seinem Tod, als Helena Vogel einige Tage in ihrem Ferienhaus verbrachte, hatte er Laura zu einem langen Gespräch gebeten. Er hatte von seiner Einsamkeit gesprochen, von der tyrannischen Art seiner Frau und von seiner Angst, sie werde eines Tages auch seine Schwiegertochter vollständig zermalmen. „Du bist ein anständiges, stilles Mädchen, Laura“, hatte er damals mit heiserem Husten gesagt. „Sebastian ist kein schlechter Junge, aber er hat kein Rückgrat, wenn es um seine Mutter geht. Sie hat ihn völlig unter sich begraben. Ich mache mir Sorgen um euch. Wenn erst ein Enkelkind da ist, wird sich alles ändern. Dann wirst du einen Grund haben, stark zu sein.“
Eine Woche später hatte er sie zu einem „Spaziergang“ eingeladen und sie zu einem alten Freund gebracht, einem Notar. In dem kleinen, stillen Büro, das nach altem Papier, Staub und Siegelwachs roch, war das Testament aufgesetzt worden. „Aber kein Wort darüber, mein Kind“, hatte Georg Engel beim Abschied gesagt und ihr die Mappe in die Hand gedrückt. „Schweig, bis es gar keinen anderen Ausweg mehr gibt. Du wirst merken, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist. Helena darf davon nichts erfahren. Sie würde dich bei lebendigem Leib zerreißen.“
Und nun war genau dieser letzte Ausweg erreicht.
„Ich … ich zeige dich an!“, stieß Helena Vogel hervor. In ihren Augen flackerte erneut blanker Hass auf. „Du bist eine Betrügerin! Du hast ihn um den Verstand gebracht, du hast ihn eingewickelt!“
„Beruhigen Sie sich“, erwiderte Laura leise. „Sie hatten einen Infarkt. Aufregung ist gefährlich für Sie.“
Ausgerechnet diese Warnung, ausgesprochen in Lauras ruhiger Stimme, brachte ihre Schwiegermutter wieder zur Besinnung. Helena verstummte. Nur ihr pfeifender Atem war noch zu hören.
Sebastian stand mitten in der Küche, als hätte jemand den Boden unter seinen Füßen weggezogen. Die Welt, die ihm bis zu diesem Moment so klar und selbstverständlich erschienen war, zerbrach vor seinen Augen. Da war nicht mehr die strenge, aber angeblich immer im Recht befindliche Mutter. Und da war nicht mehr die stille, fügsame Ehefrau, die alles hinnahm. Plötzlich zeigte sich, dass alles auf Lügen gebaut gewesen war. Seine Mutter war keine unantastbare Herrin des Hauses, sondern eine gierige, grausame Frau. Seine Frau war kein gehorsames Schaf, sondern ein Mensch mit Würde, der all die Jahre eine verborgene Waffe in der Hand gehalten hatte. Und sein Vater … sein Vater hatte alles gesehen. Und alles verstanden.
„Morgen gehe ich zu einem Anwalt“, sagte Sebastian dumpf. „Wir werden das anfechten.“
Laura zuckte nur leicht mit den Schultern. „Wie ihr meint. Ihr solltet nur wissen, dass es im Testament noch eine weitere Klausel gibt. Falls Sie oder Ihre Mutter versuchen, es gerichtlich anzufechten, wird ein Zeuge eingeschaltet.“
Sebastian hob ruckartig den Kopf. „Was für ein Zeuge?“
„Georg Engels Cousin. Oskar Krause. Aus Bremen.“
Bei diesem Namen zuckte Helena Vogel zusammen. In ihrem Blick erschien etwas, das weit über Wut hinausging: echte Furcht.
„Oskar?!“, zischte sie. „Was hat dieser … dieser Verbrecher damit zu tun?“
„Er ist kein Verbrecher, sondern Geologe“, stellte Laura sachlich klar. „Und er war der beste Freund Ihres Mannes. Georg Engel hat ihm eine Kopie des Testaments geschickt, zusammen mit einem Brief, in dem er alles ausführlich erklärt hat. Er bat ihn, auszusagen, falls es nötig werden sollte. Über die Verhältnisse in dieser Familie. Ich glaube, dazu wird er einiges sagen können.“
Helena wurde noch bleicher. Oskar Krause — oder Onkel Oskar, wie Sebastian ihn als Kind genannt hatte — war ein Mann, gerade und unbeugsam wie ein Baumstamm. Er war der Einzige gewesen, der sich nie vor Helena gefürchtet hatte und ihr stets ohne Umschweife ins Gesicht sagte, was er dachte. Vor zehn Jahren war er zuletzt hier gewesen, bei Georgs Jubiläum. Damals hatte er einen gewaltigen Streit ausgelöst, weil er Helena vorgeworfen hatte, aus seinem Bruder einen eingeschüchterten Pantoffelhelden gemacht zu haben. Seit diesem Tag durfte sein Name in diesem Haus nicht mehr erwähnt werden.
Laura nahm ihr Telefon vom Tisch.
„Ich habe seine Nummer. Soll ich ihn anrufen?“
Das war der endgültige Schlag. Helena Vogel begriff, dass sie verloren hatte. Langsam erhob sie sich, wobei sie sich schwer auf die Tischkante stützte.
„Ich hasse euch“, presste sie hervor und starrte Laura an. „Ich hasse euch alle.“
Dann schleppte sie sich in ihr Zimmer. Gebückt, mit schlurfenden Schritten, ohne jede Spur ihrer früheren Macht. Sie wirkte nicht mehr wie die gefürchtete Herrscherin dieses Hauses, sondern wie ein geschlagenes, altes Tier.
Sebastian blieb zurück und starrte ins Leere.
„Warum hast du das getan, Laura?“, fragte er leise. „Warum hast du all die Jahre geschwiegen?“
Laura sah ihn mit einem bitteren Lächeln an.
„Hatte ich denn eine Wahl?“
