Ein Zuhause, aus dem sie nicht einmal von der eigenen Großmutter hinausgeworfen werden konnte.
Sabine Lorenz ließ sich schwer auf den Küchenhocker sinken. Die Angriffslust, die eben noch in ihr gebrannt hatte, erlosch mit einem Mal. Vor ihnen saß keine unantastbare Herrscherin mehr, sondern eine alte, verängstigte Frau.
– Das kann nicht sein… – brachte sie heiser hervor. – Michael… Er hätte sich das niemals getraut… Ich… ich werde Anzeige erstatten! Gegen dich und gegen diesen Notar gleich mit!
– Der Notar, der das Testament beurkundet hat, ist seit drei Jahren tot – erwiderte Luisa Ludwig ruhig. – Aber seine Kanzlei führt ein Archiv. Dort liegt die beglaubigte Zweitschrift. Sie können jederzeit Akteneinsicht beantragen.
Sie wusste sehr genau, wovon sie sprach. Michael Böhm, ihr verstorbener Schwiegervater, war weit vorausschauender gewesen, als man ihm je zugetraut hätte. Ein Jahr vor seinem Tod, als Sabine Lorenz einige Tage in ihrem Ferienhaus verbrachte, hatte er Luisa zu einem langen Gespräch gebeten. Er sprach von seiner Einsamkeit, von der herrischen Art seiner Frau und von seiner Angst, Sabine könne die Schwiegertochter eines Tages völlig zermalmen. „Du bist ein anständiges, stilles Mädchen, Luisa Ludwig“, hatte er hustend gesagt. „Johann Schubert ist kein schlechter Junge, aber er steht viel zu sehr unter dem Pantoffel seiner Mutter. Sie hat ihn vollkommen in der Hand. Ich mache mir Sorgen um euch. Wenn erst ein Enkelkind da ist, wird alles anders. Dann hast du etwas, wofür du stark sein musst.“
Eine Woche später bat er sie unter dem Vorwand eines Spaziergangs, ihn zu begleiten, und führte sie zu einem alten Freund, einem Notar. In jenem stillen Büro, das nach vergilbtem Papier, Holzpolitur und Siegelwachs roch, wurde das Testament aufgesetzt. „Aber du schweigst darüber, mein Mädchen“, sagte er zum Abschied und drückte ihr die Mappe in die Hände. „Bis zum äußersten Notfall. Du wirst spüren, wann dieser Moment gekommen ist. Sabine darf nichts davon erfahren. Sie würde dich bei lebendigem Leib auffressen und keinen Knochen von dir übrig lassen.“
Nun war dieser äußerste Notfall eingetreten.
– Ich… ich zeige dich an! – röchelte Sabine Lorenz, und in ihren Augen flackerte erneut blanker Hass auf. – Du Betrügerin! Du hast ihn umgarnt, ihm den Kopf verdreht, ihn gegen uns aufgehetzt!
– Beruhigen Sie sich – sagte Luisa Ludwig leise. – Sie hatten einen Herzinfarkt. Aufregung ist für Sie gefährlich.
Die Warnung, ausgesprochen in diesem sachlichen Ton, wirkte auf ihre Schwiegermutter wie ein kalter Guss Wasser. Sabine verstummte und sog nur noch stoßweise Luft in ihre Lungen.
Johann Schubert stand mitten in der Küche und wirkte, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Welt, die ihm bisher so klar und geordnet erschienen war, zerbrach vor seinen Augen. Da war eine Mutter gewesen, streng zwar, aber angeblich immer im Recht. Da war eine Frau gewesen, still, fügsam, beinahe unsichtbar. Und nun zeigte sich, dass all das nur eine Fassade gewesen war. Seine Mutter war keine allmächtige Hüterin des Hauses, sondern eine gierige, erbarmungslose Frau. Seine Ehefrau war kein gehorsames Schaf, sondern ein Mensch mit Würde – und mit einer verborgenen Waffe in der Hand. Und sein Vater… sein Vater hatte alles gesehen. Und alles verstanden.
– Morgen gehe ich zu einem Anwalt – sagte Johann dumpf. – Wir werden das anfechten.
– Wie ihr meint – Luisa Ludwig hob kaum merklich die Schultern. – Ihr solltet nur wissen, dass im Testament noch eine weitere Klausel steht. Falls Sie oder Ihre Mutter versuchen, es gerichtlich anzufechten, wird ein Zeuge eingeschaltet.
– Was für ein Zeuge? – Johann hob ruckartig den Kopf.
– Der Cousin von Michael Böhm. Ignaz Schröder. Aus Berlin.
Bei diesem Namen zuckte Sabine Lorenz zusammen. In ihrem Blick blitzte nicht mehr Wut auf, sondern echte Furcht.
– Ignaz?! – zischte sie. – Was hat dieser… dieser Kerl damit zu schaffen?
– Er ist kein Kerl, und schon gar kein Verbrecher. Er ist Geologe – korrigierte Luisa sie. – Außerdem war er der engste Freund Ihres Mannes. Michael Böhm hat ihm eine Abschrift des Testaments geschickt und einen Brief beigelegt, in dem er alles ausführlich erklärt hat. Er bat ihn, im Ernstfall auszusagen. Über die Verhältnisse in dieser Familie. Ich glaube, dazu wird er einiges sagen können.
Sabine wurde noch bleicher. Ignaz Schröder – oder Onkel Ignaz, wie Johann ihn als Kind genannt hatte – war ein Mann, gerade und unbeugsam wie ein alter Baumstamm. Er war der Einzige gewesen, der sich nie vor Sabine gefürchtet hatte und ihr stets ohne Umschweife ins Gesicht sagte, was er dachte. Vor zehn Jahren war er zuletzt bei ihnen gewesen, zu Michaels Jubiläum, und hatte einen gewaltigen Streit ausgelöst, weil er Sabine vorwarf, aus seinem Verwandten einen willenlosen Pantoffelhelden gemacht zu haben. Seit diesem Tag durfte sein Name im Haus nicht mehr fallen.
Luisa Ludwig nahm ihr Telefon vom Tisch.
– Ich habe seine Nummer. Soll ich ihn anrufen?
Das war der Schlag, der Sabine endgültig traf. Sie begriff, dass sie verloren hatte. Langsam stemmte sie sich hoch, mit beiden Händen auf die Tischkante gestützt.
– Ich hasse euch – presste sie hervor und starrte Luisa Ludwig an. – Euch alle.
Dann schleppte sie sich in ihr Zimmer, gebeugt, mit schlurfenden Schritten. Sie war nicht länger die gefürchtete Gebieterin dieses Hauses, sondern wirkte wie ein geprügeltes Tier.
Johann blieb zurück und sah ins Leere.
– Warum hast du das getan, Luisa? – fragte er leise. – Warum hast du all die Jahre geschwiegen?
– Hatte ich denn eine Wahl? – Luisa Ludwig sah ihn an, und ihr bitteres Lächeln schnitt tiefer als jeder Vorwurf. – Wenn ich früher damit herausgerückt wäre, hätte sich für mich nichts zum Guten gewendet.
