— Elias wird es schon überleben. Dann verbringt er den Sommer eben im Gartenhaus!
Maximilian stopfte verärgert seine Badehose in die Reisetasche und riss am Reißverschluss. Der Schieber blieb in der Kurve hängen. Er fluchte, zerrte noch einmal daran, beinahe hätte er die Lasche abgerissen, und warf seiner Frau einen schnellen Blick zu.
Emilia legte schweigend die T-Shirts ihres Sohnes zusammen.
— Emilia, warum sagst du denn nichts?
Maximilian richtete sich auf und stemmte die Hände in die Seiten.

— Ich erkläre es dir doch ganz klar. Mama hat Probleme mit den Gelenken. Der Arzt hat gesagt, Meeresluft würde ihr guttun. Die Reise ist verdammt teuer, für vier Personen hätten wir das einfach nicht geschafft. Ich habe mich ohnehin schon verschuldet.
— Ich habe dich verstanden, Maximilian.
Emilia strich sorgfältig eine Falte aus dem winzigen Dinosaurier-Shirt.
— Verstanden hat sie mich.
Unruhig lief er durchs Zimmer, stolperte über ein Spielzeugauto von Elias und kickte es mit dem Fuß beiseite.
— Immer machst du so ein Gesicht, als hätte ich ein Verbrechen begangen! Seit zwei Jahren verspreche ich meiner Mutter, sie ans Meer zu bringen. Sie hat uns großgezogen, sie hat doch wohl ein Recht auf Erholung. Und der Kleine ist erst sieben. An Sylt wird er sich später sowieso kaum erinnern. Deine Mutter passt im Gartenhaus auf ihn auf. Frische Luft, Beeren, Ruhe. Was braucht er denn mehr?
Erst jetzt hob Emilia den Blick zu ihrem Mann.
Vor drei Wochen hatte sie zufällig am Familienlaptop das E-Mail-Postfach geöffnet. Maximilian war morgens in Eile gewesen und hatte vergessen, sich aus seinem Konto auszuloggen. Ganz oben stand eine Nachricht des Reiseveranstalters: „Änderung des Reisenden in der Buchung bestätigt.“
Damals hatte sie keinen Streit angefangen. Sie hatte nur auf die angehängte Quittung geklickt. Dort war schwarz auf weiß eine beträchtliche Nachzahlung aufgeführt, bezahlt aus ihrer gemeinsamen Rücklage, die eigentlich für die Renovierung des Flurs gedacht gewesen war. Eine Nachzahlung dafür, den eigenen Sohn aus der Buchung zu streichen und stattdessen Katharina einzutragen.
Emilia hatte den Tab geschlossen. Dann hatte sie sich Kaffee gemacht, sich auf den Hocker am Fenster gesetzt und lange zugesehen, wie unten im Hof der Hausmeister nasses Laub zusammenkehrte. Danach hatte sie ihre Gehaltskarte aus der Tasche genommen.
— Maximilian, wir hatten es anders vereinbart.
Ihre Stimme blieb ruhig, fast erschreckend ruhig.
— Ein ganzes Jahr haben wir für diesen Urlaub gespart. Elias hat die Tage gezählt. Im Kindergarten hat er jedem erzählt, dass er mit einem großen Flugzeug ans Meer fliegen wird.
— Ach, er wird sich schon einkriegen!
Aus dem Flur glitt Katharina mit würdevoller Miene ins Zimmer. In einer bunten Baumwolljacke, mit grellem Lippenstift und einem schweren Ring am Zeigefinger sah sie keineswegs krank aus. Eher wie jemand, der bereit war, eine Schlacht zu schlagen.
— Maximilian sagt genau das Richtige.
Die Schwiegermutter presste die Lippen zusammen, in diesem belehrenden Ton, den sie so meisterhaft beherrschte.
— Ach, Emilia, mach doch kein Drama daraus. Kinder in diesem Alter quengeln am Strand nur herum. Mal wollen sie den Sonnenhut abnehmen, mal haben sie Durst, mal müssen sie zur Toilette.
