Stattdessen verlangte er nach dem Safe.
„Mach ihn auf. Ich nehme das Bargeld mit.“
„Morgen um elf kommt Ulrich Winter“, antwortete ich. „Dann öffnen wir ihn in seiner Anwesenheit, erstellen ein Verzeichnis, und du bekommst deinen Umschlag gegen Unterschrift.“
„Anna, hör auf mit dieser Inszenierung. Das ist mein Geld.“
„Eben darum wird alles protokolliert. Damit du später nicht behaupten kannst, ich hätte etwas herausgenommen.“
Er trommelte mit den Fingern hart auf die Tischplatte, riss sich aber zusammen. Offenbar fielen ihm die Aufnahme und der Anwalt rechtzeitig wieder ein.
„Ich stecke tiefer in Schulden, als du glaubst.“
„Einen Teil der Forderungen habe ich bereits in deiner Mappe gesehen. Du hattest sie neben meinen Unterlagen und neben dem Darlehensvertrag liegen, den du mir unterschieben wolltest.“
„Nach dem Deal hätte ich alles beglichen.“
„Dieser Deal sollte mit meinem Geld zustande kommen. Und dieses Geld habe ich dir nicht gegeben.“
Er verzog den Mund zu einem Lächeln, doch von Überlegenheit war darin nichts mehr zu erkennen.
„Mit einem einzigen Code hast du mich erledigt.“
„Nicht der Code hat dich erledigt, Markus. Er hat dich nur daran gehindert, meine Papiere zu nehmen und das Ganze anschließend Familienhilfe zu nennen.“
Gegen acht rief Jonas erneut an. Markus ging hinaus in den Flur, ließ die Tür jedoch einen Spalt offen. Das Gespräch dauerte nicht lange. Jonas erklärte, er werde nicht länger warten; von Anfang an sei klar gewesen, dass die vollständige Summe heute fällig sei. Markus versuchte etwas von einer „Verzögerung in der Familie“ zu erklären, doch ohne mein Darlehen interessierten seine Ausreden niemanden mehr.
Als er zurückkam, war der alte Druck aus seiner Haltung verschwunden.
„Ich werde Privatinsolvenz anmelden müssen“, sagte er. „Anders komme ich da nicht mehr heraus.“
„Dann such dir einen Fachanwalt dafür. Heute hat kein Gericht dich für insolvent erklärt, und mein Geld gehört nicht zu deinem Verfahren.“
„Du redest sogar jetzt noch wie eine Ärztin auf Visite.“
„Ich rede wie jemand, der nicht länger für die Entscheidungen anderer bezahlen will.“
Eine Weile schwieg er. Dann fragte er, ob eine Entschuldigung noch etwas retten könne. Ich bat ihn, genau zu sagen, wofür er sich entschuldige. Zuerst murmelte er etwas von den Tabletten. Danach fügte er hinzu, er hätte seine Mutter stoppen müssen. An seinen Satz über die Küche erinnerte er sich erst, nachdem ich ihn darauf hinwies.
„Ich stand unter Druck“, sagte er.
„Und ich war frisch operiert. Der Unterschied ist: Du hast an deinen Deal gedacht. Ich daran, wie ich meine Behandlung wieder in Ordnung bringe.“
Damit war das Gespräch beendet. Nicht, weil alles geklärt gewesen wäre, sondern weil es keinen Sinn mehr hatte, dieselben Sätze im Kreis zu drehen. Ich sagte Markus, er könne bis zur Ankunft des Anwalts im Gästezimmer bleiben. Am Morgen würde er die nötigsten Sachen und sein Bargeld nach Inventarliste erhalten. Alles Weitere solle er mit Ulrich Winter klären.
Spät am Abend kam eine Nachricht von Elisabeth Krüger: „Ich wollte nur dein Bestes. Undankbar bist du.“ Ich leitete sie an den Anwalt weiter und antwortete lediglich: „Die Schadensforderung wird durch meinen Vertreter zugestellt.“ Danach schrieb sie an diesem Tag nicht mehr.
Am nächsten Morgen stand Ulrich Winter pünktlich um elf vor der Tür. Markus wartete bereits im Arbeitszimmer, die Tasche neben den Füßen. Den Safe öffnete ich selbst. Unter Aufsicht des Anwalts nahmen wir Markus’ Mappe heraus, zählten sein Bargeld, trugen den Betrag in die Liste ein und übergaben ihm den Umschlag gegen Unterschrift. Meine Unterlagen, der Ehevertrag, die medizinischen Papiere und der nicht unterschriebene Darlehensvertrag blieben im Safe.
Markus setzte seine Unterschrift mit hartem Druck unter das Protokoll, widersprach aber nicht, solange der Anwalt dabeisaß. Er steckte den Umschlag in die Tasche, nahm zwei Hemden, ein Ladegerät und die Mappe zu dem Geschäft, das inzwischen gescheitert war.
An der Wohnungstür blieb er noch einmal stehen.
„Dir ist klar, dass ich das allein nicht schaffe?“
„Ja.“
„Und trotzdem hilfst du mir nicht?“
„Nicht mit Geld. Nicht nach allem, was passiert ist.“
Er ging leise. Kein Türknallen, kein gewohntes „Das wirst du noch bereuen“. Vermutlich hatte er begriffen, dass jeder solche Satz inzwischen keine private Auseinandersetzung mehr war, sondern ein weiterer Baustein für die anwaltliche Korrespondenz.
Eine Stunde später brachte ein Kurier die neuen Medikamente. Ich verglich jede Packung mit der Verordnung, sortierte alles in einen neuen Medikamentenplaner und stellte ihn ins Arbeitszimmer, neben den Ordner mit den Kopien der Schadensforderung, der Klageunterlagen und des Ehevertrags. Den Code zum Safe kannte nur noch ich.
Am Abend schickte Ulrich Winter den Entwurf des Anspruchsschreibens an Elisabeth Krüger sowie eine Liste der Unterlagen für die Scheidung. Ich prüfte das Datum, hängte den Beleg über 1.486 Euro an und schrieb darunter: „Freigegeben.“
Im Haus war es stiller geworden. Es gab weniger Stimmen, weniger Forderungen und keine fremden Hände mehr in meinen Sachen. Markus hatte nicht nur den Deal verloren. Verloren hatte er vor allem das, worauf er sich all die Jahre verlassen hatte: den Zugriff auf mein Geld, getarnt als familiäre Pflicht.
