Merkwürdigerweise fühlte sich dieser klare Schnitt leichter an als die drei Jahre, in denen alles in der Schwebe gehangen hatte.
„Ja“, sagte sie ruhig. „Ich verstehe. Geh zu deiner Mutter, Florian.“
„Was?“
„Ich meine es ernst. Geh. Deine Sachen kannst du morgen holen, wenn du wieder bei dir bist. Die Schlüssel lege ich bei der Nachbarin ab.“
Florian Bergmann starrte sie an, als warte er darauf, dass sie gleich lachte, den Kopf schüttelte und alles zurücknahm. Doch Amelie Walter lachte nicht.
„Du hast keine Ahnung, was du da gerade tust“, sagte er leise.
„Doch“, erwiderte sie. „Ich weiß es sehr genau.“
Draußen im Flur verkündete Sabine Baumann mit triumphierendem Ton, sie habe es ja immer gewusst: Diese Frau besitze weder Herz noch Verstand. Markus Braun murmelte etwas Zustimmendes. Florian blieb noch einen Moment stehen, dann griff er nach seiner Jacke und verließ die Wohnung. Amelie schloss hinter ihm die Tür. Das neue Schloss rastete mit einem hellen Klicken ein.
Sie ging in die Küche, setzte Wasser auf und ließ sich am Fenster nieder. Hinter der Scheibe war es inzwischen dunkel geworden.
Zwei Tage später holte Florian seine Sachen. Er kam vormittags, während Amelie bei der Arbeit war. Er nahm Kleidung mit, seinen Laptop und einige Unterlagen. Die neuen Schlüssel, die Amelie bei der Nachbarin hinterlegt hatte, ließ er zurück. Sie lagen auf dem Küchentisch, daneben ein Zettel. Darauf stand, er brauche Zeit zum Nachdenken. Amelie las die Zeilen, faltete das Blatt zusammen und legte es in eine Schublade.
Zeit hatte sie ebenfalls. Und auch sie dachte nach. Nicht gehetzt, nicht tränenblind, sondern mit jener nüchternen Klarheit, die sich einstellt, wenn eine Entscheidung, die man viel zu lange vor sich hergeschoben hat, endlich gefallen ist.
Eine Woche später vereinbarte sie einen Termin bei einer Anwältin. Nicht, weil sie etwas überstürzen wollte, sondern weil sie wissen musste, wie die Lage tatsächlich aussah. Die Anwältin war eine ältere Frau mit kerzengerader Haltung und der angenehmen Eigenschaft, nicht um den heißen Brei herumzureden. Amelie schilderte ihr alles. Die Anwältin hörte zu, machte ein paar Notizen und fragte dann, ob es Belege über die Anzahlung sowie eine Übersicht der Kreditraten gebe.
Die Unterlagen existierten. Amelie hatte alles aufbewahrt: Kontoauszüge, Quittungen, den Vertrag zum Wohnungskauf, Schreiben der Bank. Vier Jahre Buchhaltung in einer Baufirma hatten Spuren hinterlassen; sie hatte gelernt, keinem Papier zu wenig Bedeutung beizumessen.
Die Anwältin ging die Dokumente sorgfältig durch, sah schließlich auf und sagte:
„Ihre Ausgangslage ist gut.“
Danach nahm alles seinen vorgesehenen Gang. Langsam, sachlich, über Schriftsätze, Gerichtstermine, Gutachten und die unvermeidlichen Versuche Florians, eine „einvernehmliche Lösung“ zu finden — allerdings nur zu Bedingungen, die für ihn bequem gewesen wären. Amelie erschien zu den Gesprächen, hörte sich alles an und antwortete knapp. Einmal rief Sabine Baumann an und erklärte, Amelie werde das alles noch bereuen; das Leben zahle schließlich jedem heim, was er verdiene. Amelie sagte nur, sie werde diese Einschätzung zur Kenntnis nehmen, und verabschiedete sich höflich.
Das Verfahren zog sich über drei Monate. Amelie legte ein vollständiges Paket an Nachweisen vor: den Kaufvertrag, Belege über die Herkunft ihrer privaten Ersparnisse und die Zahlungshistorie des Immobilienkredits. Daraus ging deutlich hervor, dass der überwiegende Teil der Raten von ihr geleistet worden war. Florian versuchte, die Aufteilung der Eigentumsanteile anzufechten, doch sein Anwalt konnte nur mit dem arbeiten, was vorhanden war. Und das war nicht viel.
Am Ende sprach das Gericht Amelie zwei Drittel der Wohnung zu. Florian erhielt eine finanzielle Ausgleichszahlung, die seinem tatsächlichen Beitrag entsprach. Sabine Baumann bekam gar nichts, denn sie hatte zu keinem Zeitpunkt irgendein Recht an dieser Wohnung besessen. Bisher hatte sich nur niemand die Mühe gemacht, sie daran zu erinnern.
Von der Entscheidung erfuhr Amelie an einem ganz normalen Arbeitstag in der Mittagspause. Sie las die Nachricht ihrer Anwältin, sperrte das Handy wieder und aß ihre Suppe zu Ende.
Einen Monat nachdem alles offiziell erledigt war, kaufte sie einen neuen Topf für den Ficus. Einen großen, schweren Keramiktopf in Terrakotta. Sie setzte die Pflanze um und stellte sie wieder an ihren Platz am Fenster. In den ersten Tagen ließ der Ficus die Blätter ein wenig hängen, wie Pflanzen es nach dem Umtopfen manchmal tun. Dann richtete er sich auf und wuchs dem Licht entgegen.
Amelie stand morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand davor und dachte, dass er vermutlich schon lange mehr Raum gebraucht hatte.
Es hatte ihn nur niemand umgepflanzt.
