„Mama hat deine Hormontabletten weggeworfen“, sagte Markus Vogel, ohne sich überhaupt die Jacke auszuziehen

Unverschämt, diese rücksichtslosen Eingriffe in meine Autonomie.
Geschichten

„Mama hat deine Hormontabletten weggeworfen“, sagte Markus Vogel, ohne sich überhaupt die Jacke auszuziehen. „Schluss mit dieser Schauspielerei und damit, diesen Dreck zu schlucken. Komm in die Küche, Anna Werner. Ich habe morgen einen Vertragsabschluss, ich brauche ein ordentliches Abendessen.“

Ich stand an der Arbeitsplatte und starrte auf den leeren Medikamenten-Organizer. Am Morgen hatte dort noch mein kompletter Plan für die Zeit nach der Operation gelegen: fünf Fächer, kleine Aufkleber mit den Einnahmezeiten, die Anleitung obenauf, der Apothekenbeleg in einer separaten Lasche. Jetzt lag neben der Spüle nur noch die zerknitterte Packungsbeilage, und mein Entlassungsbericht aus der Klinik klemmte unter einem Schneidebrett.

Hinter Markus Vogel trat Elisabeth Krüger in die Küche. Sie war sechsundsiebzig, doch wenn es um fremde Schränke, fremde Regale und fremde ärztliche Verordnungen ging, fand sie immer erstaunlich viel Kraft. In der Hand hielt sie eine leere Apothekentüte und sah mich an, als müsste ich ihr gleich dankbar um den Hals fallen.

„Ich habe hier endlich Ordnung gemacht“, erklärte sie. „Das ist doch keine Wohnung, das ist ein Tablettenlager. Alles Chemie, alles Unsinn. Eine Frau soll vernünftig essen und sich nicht mit importiertem Zeug vergiften.“

„Wo sind die Medikamente?“, fragte ich.

Elisabeth Krüger machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung Balkon. Die Balkontür stand offen. Auf dem Boden neben dem Wäscheständer lag noch ein einzelner Blister, der sich am Beinchen verfangen hatte. Vom Rest fehlte jede Spur.

Der Kassenbon lag unter dem Klinikbericht. 1.486 Euro. Doch der Betrag war nicht einmal das Schlimmste. Diese Mittel gehörten zu meiner Rehabilitation nach einem schweren Eingriff, und man konnte das Schema nicht einfach abbrechen, nur weil meine Schwiegermutter es für richtig hielt. Seit dreiundzwanzig Jahren leitete ich die endokrinologische Abteilung und wusste nur zu gut, welchen Preis solche „familiären Entscheidungen“ haben konnten.

„Elisabeth Krüger, Sie haben mir verordnete Medikamente entsorgt“, sagte ich ruhig. „Das waren keine Vitamine aus der Fernsehwerbung und auch nicht irgendein Kräuterratschlag von Ihnen.“

„Sprich nicht in diesem Ton mit meiner Mutter“, mischte Markus Vogel sich ein. Er zog endlich die Jacke aus, warf seine Schlüssel auf den Tisch und sah auf die Uhr. „Du bist zu Hause, du läufst herum, du redest. Also kannst du dich auch ums Abendessen kümmern. Mutter war den ganzen Tag unterwegs, und du machst wegen ein paar Schachteln ein Theater.“

Ich betrachtete ihn genauer. Markus Vogel wirkte nicht erschrocken. Er fragte nicht, welche Folgen das für mich haben könnte. Er schlug nicht vor, sofort zur Apotheke zu fahren. Ihn störte nur eines: Meine Behandlung hatte seine gewohnte Ordnung durcheinandergebracht, jene Ordnung, in der er etwas verlangte, ich mich anpasste und Elisabeth Krüger in meiner Küche das Kommando führte.

„Markus Vogel, deine Mutter hat eine Therapie weggeworfen, die mir nach der Operation verschrieben wurde“, wiederholte ich.

„In der Klinik kannst du die Chefin spielen“, sagte er. „Zu Hause musst du dich nicht als Abteilungsleiterin aufspielen. Morgen ist ein wichtiger Tag, und du kommst schon wieder mit deinen Tabletten.“

Elisabeth Krüger setzte sich auf meinen Stuhl und zog die Apothekentüte näher zu sich heran, als wolle sie prüfen, ob nicht doch noch etwas darin versteckt war.

„Ich bin älter als ihr beide“, sagte sie. „Ich weiß, was Gesundheit bedeutet. Von Tabletten wird alles nur schlimmer. Anna Werner ist es eben gewohnt, dass alle um sie herum springen.“

Bis zu diesem Tag hatte ich mir lange eingeredet, Markus Vogel sei erschöpft, er habe finanzielle Sorgen, Elisabeth Krüger sei alt und daran gewöhnt, Befehle zu erteilen. Nach der Operation fehlte mir die Kraft für große Auseinandersetzungen. Ich wollte mich erholen, meine Krankschreibung beenden, in die Abteilung zurückkehren und zu Hause nicht noch eine zweite Front eröffnen. Doch jetzt war klar: Es ging weder um Müdigkeit noch um Alter. Für sie war meine Behandlung ein Hindernis, und mein Geld war offenbar eine familiäre Ressource.

„Ich werde den Schaden jetzt dokumentieren“, sagte ich und nahm mein Handy.

Markus Vogel zog die Stirn kraus.

„Was für ein Schaden? Anna Werner, mach dich nicht lächerlich. Mama wollte helfen.“

„1.486 Euro laut Beleg. Dazu der Eingriff in eine ärztlich angeordnete Behandlung.“

Ich öffnete die Kamera und filmte den leeren Organizer, den Kassenbon, den Entlassungsbericht, die zerknitterte Anleitung und die geöffnete Balkontür. Elisabeth Krüger fuhr ruckartig von ihrem Stuhl hoch, doch da hatte ich das Telefon bereits wieder gesenkt.

„Willst du etwa gegen die eigene Mutter deines Mannes Anzeige erstatten?“, fragte Markus Vogel.

„Zuerst rufe ich meinen Arzt an. Danach die Apotheke. Und anschließend einen Anwalt.“

„Einen Anwalt?“ Er lachte kurz auf. „Wegen Tabletten?“

„Nicht nur wegen der Tabletten.“

Markus Vogel begriff es nicht sofort. Dann veränderte sich sein Gesicht. Ihm fiel dasselbe ein wie mir: Am nächsten Morgen wollte er Unterlagen für den Kauf eines Anteils an einem Serviceunternehmen unterschreiben. Eigenes Geld reichte ihm dafür nicht. Im Safe lagen seine Barreserven für die Anzahlung, die Mappe zu dem Geschäft und der Entwurf eines Darlehensvertrags, nach dem ich ihm 50.000 Euro geben sollte.

Ich hatte diesen Vertrag nicht unterschrieben. Eine Woche zuvor hatte Markus Vogel mir die Unterlagen bereits vorgelegt.

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