„Du bist schließlich meine Frau und keine beliebige Fremde.“ forderte Erik in der Küche, das Handy in der Hand, während seine Mutter hinter ihm stand

Diese rücksichtslosen, selbstsüchtigen Forderungen sind zutiefst beschämend.
Geschichten

„Und das alles wegen sechstausend Euro?“

„Nein“, sagte Anna Lange leise. „Nicht wegen des Geldes. Wegen der Lügen. Wegen deines Satzes, ich solle meine Sachen packen. Und weil du selbst jetzt nicht meinetwegen hier bist, sondern weil du dein altes bequemes Leben zurückhaben willst.“

„Ich liebe dich.“

Anna ließ den Blick auf den Blumenstrauß sinken.

„Du liebst es, wenn ich die Nebenkosten bezahle, am Tisch schweige und ohne Nachfragen Geld überweise.“

„Das ist nicht fair.“

„War es fair, mich eine Mitesserin nennen zu lassen?“

Erik Gross riss den Kopf hoch.

„Das habe ich nie gesagt.“

„Deine Mutter hat es gesagt. Und du hast nichts erwidert. Für mich war das Antwort genug.“

Mit einer abrupten Bewegung warf er die Rosen auf die Bank.

„Dann leb eben allein. Mal sehen, wie lange du das durchhältst.“

„Lange genug.“

„Mit deinen Kleidchen?“

„Ja. Mit meinen Kleidern.“

Er ging davon, hastig, beinahe fluchtartig. Anna bückte sich nicht nach dem Strauß. Kurz darauf trat eine Nachbarin aus dem Haus, musterte die Rosen und fragte:

„Gehören die Ihnen?“

„Nein“, antwortete Anna. „Da hat sich jemand in der Adresse geirrt.“

Im September erhielt sie eine Einladung, im städtischen Handwerkszentrum einen Nähkurs zu leiten. Es war nur eine kleine Gruppe, ganz gewöhnliche Frauen, die lernen wollten, Kleidung für sich selbst zu nähen. Anna stand vor ihnen, das Maßband locker um den Hals, und merkte plötzlich: Niemand fragte, wem sie für diese Möglichkeit dankbar sein müsse. Niemand tat ihre Arbeit als Spielerei ab. Niemand verlangte, dass sie ihr Geld für den Traum eines anderen opferte.

Nach der Stunde kam eine Frau von etwa sechzig Jahren zu ihr.

„Sie erklären das, als hätten Sie Ihr Leben lang unterrichtet.“

Anna lächelte müde.

„Nein. Ich habe nur sehr oft wieder von vorne anfangen müssen.“

Die Frau nickte.

„Das merkt man. Im guten Sinn.“

Noch am selben Abend kaufte Anna sich einen neuen Koffer. Keinen teuren, aber einen stabilen, dunkelgrünen, mit einem Griff, der nicht wackelte. Den alten grauen warf sie trotzdem nicht weg. Sie stellte ihn in Marie Schmitts Abstellkammer.

„Er soll dortbleiben“, sagte sie. „Immerhin hat er mich hierhergebracht.“

Marie lachte.

„Und der neue? Wohin darf der?“

„Nach Frankfurt. Ich habe mich für eine Stoffmesse angemeldet.“

„Allein?“

„Allein.“

Im Oktober wurde die Ehe ohne großes Theater geschieden. Erik erschien zusammen mit Sabine Beck. Im Flur saß sie dicht neben ihrem Sohn und tat so, als existiere Anna nicht. Doch als Erik ans Fenster trat, beugte sich seine Mutter plötzlich zu ihr hinüber.

„Zufrieden?“

„Ruhig“, sagte Anna.

„Erik ist deinetwegen völlig am Ende.“

„Nein. Er hat nur aufgehört, auf meine Kosten zu leben.“

Sabine Becks Mund wurde schmal.

„Du bist eine harte Frau.“

Anna steckte ihren Ausweis in die Tasche.

„Nein. Ich gehöre nur nicht mehr zu Ihnen.“

Sabine Beck wollte etwas erwidern, doch Erik kam zurück. Er sah wütend aus und zugleich verloren.

„Anna, ich frage dich jetzt zum letzten Mal. Willst du wirklich nicht vernünftig mit mir reden?“

„Worüber?“

Er wich ihrem Blick aus.

„Na ja… wenigstens könntest du helfen, die Raten fürs Auto abzulösen. Wir waren doch so viele Jahre zusammen.“

Anna betrachtete ihn ruhig.

„Erik, du wolltest von mir sechstausend Euro für deine Mutter. Danach habt ihr beide so getan, als hätte ich diese Ehe zerstört. Und jetzt soll ich auch noch deine Autoschulden begleichen. Bist du ein einziges Mal zu mir gekommen, nur um dich ehrlich zu entschuldigen?“

Er presste die Lippen aufeinander.

„Ich habe doch gesagt, dass ich überreagiert habe.“

„Das ist keine Entschuldigung.“

„Was willst du denn noch?“

„Nichts mehr. Genau das ist der Unterschied.“

Nach der Scheidung trat Anna vor das Gerichtsgebäude. Der Tag war trocken und kühl. Kein Sonnenstrahl brach dramatisch durch die Wolken, keine Musik spielte irgendwo, kein Zeichen fiel vom Himmel. Es war einfach nur ein Tag, an dem eine lange Geschichte zu Ende gegangen war.

Sie ging bis zur Bushaltestelle, stieg aber nicht in den ersten Bus. Stattdessen rief sie Marie an.

„Es ist vorbei.“

„Wie geht es dir?“

Anna sah ihr Spiegelbild in der Scheibe des Wartehäuschens: kastanienbraunes Haar zu einem Knoten gesteckt, der Mantel ordentlich geschlossen, in der Hand der neue dunkelgrüne Koffer für die Reise.

„Stabil“, sagte sie.

„Komm vorbei. Wir feiern mit Tee.“

„Ich komme. Aber zuerst muss ich noch in die Werkstatt. Dort wartet ein Auftrag.“

Marie seufzte amüsiert.

„Du bist nicht zu retten.“

„Doch“, sagte Anna. „Genau das bin ich jetzt.“

Eine Woche später schickte Erik eine kurze Nachricht: „Mama meint, du könntest Lea Lang trotzdem helfen. Sie kann nichts dafür.“

Anna las den Satz und spürte zum ersten Mal seit langer Zeit nicht den Zwang, eine Antwort so zu formulieren, dass niemand gekränkt wurde. Sie tippte nur:

„Mein Geld löst die Probleme eurer Familie nicht mehr.“

Dann schob sie das Telefon zurück in ihre Tasche.

In der Werkstatt roch es nach frischem Stoff und nach dem heißen Dampf des Bügeleisens. Auf dem Zuschneidetisch lag der Schnitt für ein dunkelblaues Kleid, bestimmt für eine Frau, die nach ihrer Pensionierung beschlossen hatte, in einem Laientheater auf der Bühne zu stehen. Anna strich mit der Hand über den Stoff, prüfte die Schulterlinie und lächelte.

Draußen vor dem Fenster stritt jemand laut. Im Nebenraum lachten die Kursteilnehmerinnen. Das Leben ging weiter — ohne Erik Gross, ohne Sabine Beck, ohne dringende Überweisungen und ohne fremde Schulden.

Anna knipste die Lampe an.

Die Schere lag fest und sicher in ihrer Hand.

Der alte graue Koffer gehörte der Vergangenheit an. Und die sechstausend Euro lagen noch immer auf ihrem Konto. Nicht als Rache. Nicht als Beweis. Sondern als stille Stütze einer Frau, die die Wahrheit rechtzeitig gehört hatte — und endlich sich selbst wählte.

LebensKlüber