„Du bist schließlich meine Frau und keine beliebige Fremde.“ forderte Erik in der Küche, das Handy in der Hand, während seine Mutter hinter ihm stand

Diese rücksichtslosen, selbstsüchtigen Forderungen sind zutiefst beschämend.
Geschichten

– Und? Was willst du da gehört haben? Alte Frauen reden viel, wenn der Tag lang ist.

– Dass es keine Renovierung geben wird. Dass das Geld an Lea Lang weitergereicht werden soll. Dass niemand vorhat, mir irgendeine Quittung zu unterschreiben. Und dass ich hier nur geduldet werde.

– Sie war vielleicht aufgebracht.

– Dafür klang sie erstaunlich ruhig.

Erik Gross schleuderte sein Handy auf die Tischplatte.

– Also so läuft das jetzt? Wegen ein paar dahingesagter Sätze lässt du meine Mutter hängen?

– Nicht wegen Sätzen. Wegen der Wahrheit.

– Du hast wohl jedes Maß verloren, Anna. Elf Jahre lebst du in meiner Familie, trägst meinen Namen, und jetzt geizt du bei sechstausend Euro für die Mutter deines Mannes.

– Deine Mutter, Erik. Nicht meine.

Er lachte hart auf.

– Da ist sie ja endlich. Deine wahre Seite.

Im Flur klackte das Schloss. Sabine Beck trat ein, mit einem Gesicht, als habe sie bereits gespürt, dass ihr Plan ins Wanken geraten war.

– Erik?

– Sie überweist nicht.

Langsam zog seine Mutter das Tuch vom Hals.

– Weshalb?

– Weil ich Ihr Gespräch mit Johanna Peters vor dem Haus mitbekommen habe.

Sabine Beck sah Anna an. Nicht erschrocken. Nur verärgert.

– Lauschen gehört sich nicht.

– Lügen auch nicht.

– Ach, auf einmal sind wir streng moralisch. Aber elf Jahre lang neben meinem Sohn zu leben, das war angenehm genug? Er hat dich doch die ganze Zeit mitgetragen.

Anna warf ihrem Mann einen kurzen Blick zu.

– Erik, zeig deiner Mutter die Zahlungen der letzten acht Monate. Nebenkosten, Einkäufe, die Raten für dein Auto, ihre Medikamente, wenn sie wieder darum gebeten hat.

– Fang jetzt nicht mit deiner Buchführung an.

– Doch. Denn „mitgetragen“ ist hier ein ziemlich großes Wort.

Sabine Beck stellte ihre Tasche auf einen Stuhl.

– Eine Frau unterstützt ihren Mann.

– Und ein Mann betrügt seine Frau gemeinsam mit seiner Mutter?

Erik schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

– Schluss jetzt! Du überweist das Geld, und damit ist die Sache erledigt.

– Nein.

– Dann pack deine Sachen.

Sabine Beck hob kaum merklich das Kinn. Sie wartete auf das Gewohnte: dass Anna den Blick senkte, sich rechtfertigte, bat, man solle sich nicht hineinsteigern. So war es früher gewesen. Nach Streitigkeiten. Nach Demütigungen bei Familienessen. Nach Sätzen über „weibliche Klugheit“, womit Sabine Beck im Grunde Schweigen meinte.

Doch Anna drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.

Erik folgte ihr bis zur Tür.

– Was soll das werden?

– Ich packe.

Er blieb abrupt stehen.

– Du willst tatsächlich gehen?

– Es war dein Vorschlag.

– Ich wollte dir Angst machen!

– Hat nicht funktioniert.

Aus dem oberen Schrankfach holte Anna Lange den grauen Koffer. Alt war er, mit einem abgeschabten Griff. Vor Jahren hatte sie ihn für knapp zehn Euro vor ihrer ersten Dienstreise gekauft. Erik hatte sich immer darüber lustig gemacht.

– Mit diesem Schrott willst du losziehen? – fragte er. – Passt ja irgendwie.

– Er ist praktisch. Man nimmt damit nichts Unnötiges mit.

Sie legte ihre Unterlagen hinein, ein paar Kleider, den Laptop, die kleine Schachtel mit der Uhr ihres Vaters und eine Mappe voller Belege. Keine blaue, keine besondere. Nur ein einfacher Pappordner mit Gummiband.

Erik stand daneben und sah zu.

– Heute Abend bist du wieder hier.

– Nein.

– Morgen dann.

– Auch nicht.

– Anna, wer braucht dich denn mit deinen Prinzipien?

Sie zog den Reißverschluss zu.

– Ich.

Im Flur wartete Sabine Beck. Obwohl sie kleiner war, musterte sie Anna von oben herab.

– Jetzt hältst du dich wohl für klug. Na schön. Aber komm später nicht angekrochen. Erik ist weichherzig, ich lasse dich nicht wieder rein.

– Das wird nicht nötig sein.

– Ach, so ist das also.

– Genau so.

Anna verließ die Wohnung, ohne die Tür zu knallen. Im Treppenhaus roch es nach Farbe und altem Staub. Vor dem Aufzug nahm sie ihr Handy heraus und rief Marie Schmitt an, ihre Freundin aus den Jahren im Atelier.

– Marie, ist dein Zimmer noch frei?

– Ja. Was ist passiert?

– Erzähl ich dir später. Kann ich für ein paar Wochen kommen?

– Komm her.

– Ich zahle dir was.

– Komm erst mal an.

Vierzig Minuten später saß Anna in Maries Küche. Marie stellte ihr wortlos heißen Tee hin und schob einen Teller mit Käse zu ihr. Keine Fragen. Kein mitleidiges Gesicht. Genau das war tröstlicher als jedes gut gemeinte Reden.

– Sechstausend Euro? – fragte Marie, nachdem Anna alles berichtet hatte.

– Ja.

– Und du warst schon kurz davor?

– Die Banking-App war offen.

Marie betrachtete sie eine Weile.

– Dein Vater hat dich aus dem Jenseits am Handgelenk festgehalten.

Anna zog den Ring vom Finger und legte ihn neben die Tasse.

– Nein. Ich habe mich selbst festgehalten.

Am nächsten Tag kam Eriks erste Nachricht: „Mach keinen Unsinn. Komm zurück.“

Eine Stunde später folgte die zweite: „Meiner Mutter geht es schlecht wegen dir.“

Bis zum Abend schrieb er ein drittes Mal: „Du zerstörst unsere Familie wegen Geld.“

Anna antwortete nicht. Sie fuhr zur Arbeit, erledigte die eiligen Aufträge und ging nach der Mittagspause zur Bank. Dort legte sie die sechstausend Euro auf ein Konto mit Sperre für schnelle Verfügungen und entzog Erik den Zugang zu dem gemeinsamen Sparkonto, auf das sie früher ohne viel Nachdenken ihr Gehalt überwiesen hatte.

Danach setzte sie sich in ein kleines Café am Fenster und schlug die Mappe mit den Quittungen auf.

Das Ergebnis war schlicht. Und bitter.

Erik Gross hatte sich in den letzten Monaten kaum noch an den gemeinsamen Ausgaben beteiligt. Einen Teil seines Gehalts überwies er regelmäßig seiner Mutter.

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