– Überweise meiner Mutter noch heute 6.000 Euro. Und bitte ohne Diskussion, Anna Lange. Du bist schließlich meine Frau und keine beliebige Fremde.
Erik Gross stand mitten in der Küche, das Hemd tadellos gebügelt, das Handy in der Hand, als hätte er den Streit bereits für sich entschieden. Auf dem Display leuchtete die Nachricht von Sabine Beck: „Mein Junge, schieb es nicht länger auf. Mir ist das vor den Leuten unangenehm.“
Anna stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch zurück.
– Vor welchen Leuten denn?
– Vor anständigen Leuten, – schnitt Erik ihr das Wort ab. – Mama hat schon mit den Handwerkern gesprochen. Ihre alte Wohnung im Nachkriegsbau fällt ihr bald über dem Kopf zusammen, und du hockst auf deinen Ersparnissen wie auf einem Schatzkästchen.

– Das ist das Geld von meinem Vater.
– Und was soll daran jetzt der Unterschied sein? – Erik lachte kurz und trocken auf. – Wir sind eine Familie. Also sind auch die Probleme gemeinsam. Oder bist du nur dann eine gute Ehefrau, wenn es nichts kostet?
Anna sah ihn schweigend an. Sie war zweiundvierzig, Erik vierundvierzig. Seit elf Jahren waren sie verheiratet. In dieser Zeit hatte sie gelernt, jede Schattierung seiner Unzufriedenheit zu erkennen: wann er wirklich selbst wütend war, wann er lediglich die Sätze seiner Mutter nachsprach, und wann er sie einfach so lange unter Druck setzen wollte, bis sie nachgab.
Diesmal sprach nicht nur er.
Hinter seiner Schulter stand Sabine Beck. Klein, gepflegt, mit silbergrau gelegtem Haar und diesem ewigen Blick, mit dem sie ihre Schwiegertochter musterte, als sei Anna eine Angestellte, die man aus reiner Gnade duldete.
– Annchen, – zog Sabine gedehnt, – warum klammerst du dich denn so daran? Ich verlange doch keine Million. Nur 6.000 Euro. Erik gibt sie dir später zurück.
– Wann?
– Sobald er kann.
– Und schreiben Sie mir dafür eine Quittung?
Erik riss den Kopf zu ihr herum.
– Meinst du das ernst?
– Vollkommen.
– Meine Mutter soll dir eine Quittung ausstellen? Meine Mutter, die leibliche Mutter deines Mannes?
Sabine Beck stieß einen leisen, gekränkten Laut aus und legte sich die Hand an die Brust. Nicht aus Schmerz. Nicht aus Schwäche. Nur wirkungsvoll. Sie hatte immer verstanden, es so aussehen zu lassen, als sei Anna die Schuldige.
– Lass nur, Erik, – sagte sie. – Ich habe ja gewusst, dass es so kommen würde. Fremdes Blut bleibt eben fremdes Blut.
Anna erwiderte nichts. Sie nahm ihr Handy, öffnete die Banking-App und blickte auf ihr Erspartes. Die 6.000 Euro lagen auf einem separaten Konto. Kurz vor seinem Tod hatte ihr Vater knapp gesagt: „Wirf nicht alles in den gemeinsamen Topf. Behalte etwas, worauf du dich stützen kannst.“ Damals hatte sie sich verletzt gefühlt. Jetzt begriff sie, dass er Menschen nur sehr genau durchschaut hatte.
– Ich überweise es, – sagte sie.
Erik entspannte sich sofort.
– Na also. Geht doch, wenn du dich normal benimmst.
– Ich muss nur kurz ins Schlafzimmer. Das Limit muss bestätigt werden.
– Dann mach schnell. Mama geht eben für eine Minute zur Nachbarin, danach fahren wir zusammen zu ihr.
Sabine Beck presste die Lippen zusammen.
– Johanna Peters wartet unten vor dem Haus auf mich. Ich habe ihr versprochen, ihr die Schlüssel zum Kellerraum zu geben.
Anna ging in den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen. Sie setzte sich auf die Bettkante, überwies jedoch nichts. Ihre Finger verharrten über dem Display. Aus der Küche hörte sie, wie Erik seiner Mutter leise Tee einschenkte. Kurz darauf fiel die Wohnungstür ins Schloss.
Ihre Schwiegermutter war hinausgegangen.
Anna wollte die App gerade schließen, da drang durch das gekippte Fenster Sabine Becks Stimme zu ihr herauf. Die Küchenfenster gingen zum Hof hinaus, und die Bank vor dem Hauseingang stand genau darunter.
– Und? – fragte die Nachbarin. – Gibt sie es her?
– Wohin soll sie denn ausweichen? – spottete Sabine Beck. – Erik wird sie schon weichklopfen. Sie ist ja so eine Nachgiebige. Läuft ständig herum, als müsse sie sich für alles entschuldigen.
– Und wenn sie das Geld zurückfordert?
– Soll sie doch fragen. Sie überweist es selbst, ohne Vertrag. Hinterher sage ich, es sei ein Geschenk gewesen. Hilfe für eine ältere Frau. Von Schulden war nie die Rede.
Anna saß vollkommen reglos da.
– Und die Renovierung findet wirklich statt? – erkundigte sich Johanna Peters.
– Welche Renovierung? – Sabine lachte leise. – Ich habe Lea Lang das Geld für die erste Rate versprochen. Das Mädchen will heiraten, sie braucht es dringender. Und diese hier soll froh sein, dass Erik überhaupt noch mit ihr zusammenlebt. Eine Schwiegertochter ohne Kinder, ohne besondere Schönheit, mit durchschnittlichem Gehalt. Eine Mitesserin mit Stolz.
– Weiß Erik davon?
– Erik weiß das Wichtigste: Seine Mutter rät ihm nichts Schlechtes. Ich habe ihm gesagt, dass es Zeit ist, Anna an ihren Platz zu erinnern. Gibt sie das Geld, wird sie folgsam. Gibt sie es nicht, gehört sie nicht zur Familie.
Die Worte fielen gleichmäßig. Sie schlugen nicht zu. Sie brannten nicht. Sie zogen Anna nur den alten Schleier von den Augen.
Anna schloss die Banking-App. Dann öffnete sie die Notizen und tippte eine einzige Zeile: „6.000 Euro nicht überweisen.“
In der Küche lief Erik bereits ungeduldig auf und ab. Seine teure Uhr blitzte neben seinem Gesicht auf. Immer wenn er wirken wollte wie ein Mann, der das Leben beherrschte, fuchtelte er mit der Hand.
– Was ist denn jetzt? – rief er.
Anna kam zurück.
– Es wird keine Überweisung geben.
Zunächst schien er sie gar nicht zu verstehen.
– Was heißt, es wird keine geben?
– Das heißt, dass ich deiner Mutter kein Geld überweise.
– Fängst du schon wieder damit an?
– Nein. Genau damit bin ich fertig.
Erik machte einen Schritt auf sie zu.
– Anna, spiel keine Spielchen. Mama wartet.
– Ich habe ihr Gespräch mit Johanna Peters gehört.
Für einen Augenblick wirkte die Küche, als sei sie enger geworden. Erik blinzelte. Dann verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
