„Bis Samstag räumt ihr euer Schlafzimmer. Laura zieht ein“ verkündete meine Schwiegermutter am Telefon, nachdem sie Laura schon den Wohnungsschlüssel gegeben hatte

Warmherzig, aber manipulativ und erbarmungslos im Kern.
Geschichten

— Emilia Meier, jetzt bitte keine hysterischen Anfälle, aber bis Samstag räumt ihr euer Schlafzimmer. Laura zieht ein. Den Schlüssel zu eurer Wohnungstür habe ich ihr schon gegeben, ihr müsst sie also nicht extra empfangen. Sie kommt allein hinein.

Anna Möllers Stimme klang am Telefon so alltäglich, als teile sie mir mit, sie habe Brötchen gekauft oder draußen habe es zu nieseln begonnen. Langsam stellte ich meine Kaffeetasse auf den Küchentisch. In mir regte sich bereits jener trockene, spöttische Beobachter, der mich bei Familienfeiern normalerweise davor bewahrte, ernsthaft einen Exorzisten zu bestellen.

Meine Schwiegermutter besaß nämlich eine bemerkenswerte Gabe: Sie spielte leidenschaftlich gern die Großzügige, Warmherzige und Verständnisvolle — allerdings grundsätzlich auf Kosten anderer Leute.

— Anna Möller, — fragte ich mit betonter Ruhe nach. — Von welcher Laura sprechen Sie bitte? Und zu welchem Schloss haben Sie ihr einen Schlüssel ausgehändigt?

— Na, welche denn wohl? Meine Freundin, Laura Huber! In ihrer Wohnung werden die Leitungen erneuert, ein kompletter Umbau, mindestens einen Monat lang. Dreck, Lärm, Handwerker überall. Soll eine ältere Frau etwa ins Hotel ziehen? Früher, in der DDR, haben die Menschen einander noch geholfen. Heute sind alle nur noch Egoisten und denken ausschließlich an sich selbst. Wenn in der Familie ein Zimmer frei ist, darf es nicht leer stehen!

— Bei uns steht kein Zimmer frei, — erinnerte ich sie an eine Tatsache, die eigentlich keiner Erklärung bedurfte. — Wir haben ein Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer.

— Ach, stell dich doch nicht so an und erfinde keine Schwierigkeiten, wo keine sind! — fuhr sie über meinen Einwand hinweg. Ich konnte förmlich sehen, wie sie in königlicher Geste die Hand hob und dabei jede Logik vom Tisch wischte. — Du und Lukas Peters könnt im Arbeitszimmer auf dem Schlafsofa liegen. Ihr seid jung, davon fallen euch schon keine Knochen ab. Laura braucht Ruhe, eine orthopädische Matratze und Schonkost. Ich habe ihr bereits zugesagt, dass du Frikadellen dämpfst, Gemüse pürierst und ihre Wäsche mitwäschst. Eure Maschine ist ja schließlich modern. Und räum deine privaten Sachen aus der Kommode im Schlafzimmer. Blamier mich nicht vor der Frau, ich habe ihr das alles schon versprochen!

— Anna Möller, in der DDR, nach der Sie sich so aufrichtig sehnen, haben die Leute vielleicht wirklich Türen für andere geöffnet. Nur waren Sie damals Lagerleiterin und haben die Türen vor allem für die geöffnet, die an begehrte Mangelware herankamen.

— Giftschlange! — kreischte meine Schwiegermutter augenblicklich empört.

Mit einem lauten Knall warf sie den Hörer auf, zischte zum Abschied noch einmal wie ein geplatzter Reifen an einem teuren Importwagen und beendete das Gespräch.

Am Abend kam Lukas Peters von der Arbeit nach Hause und wirkte ungewohnt in sich gekehrt. Er sah aus, als müsste er sich erst sammeln, bevor er etwas zur Sprache brachte.

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