„Ich habe den Handwerker abbestellt und die Lieferung der Rohre gleich mit. Du wirst am Wochenende eben ohne Wasser auskommen müssen – dann begreifst du vielleicht endlich, wer in diesem Haus der Mann ist.“
Sebastian Mayer warf mir diese Worte in den Rücken, mit der Stimme eines gestrengen Gutsherrn, der seinen Leibeigenen gerade den Zugang zum Brunnen sperrt.
„Ich fahre übers Wochenende zu meiner Mutter. Ein bisschen Erholung von deinen endlosen Bitten wird mir guttun. Versuch zur Abwechslung mal, ein Männerproblem allein zu lösen. Das Leben soll dir ruhig beibringen, den Menschen zu schätzen, der hier alles auf seinen Schultern trägt.“
Im Flur stand er bereits mit gepackter Reisetasche. Die Brust hatte er so weit vorgestreckt, als verberge sich unter seiner Windjacke ein Orden für die Rettung des Universums.
Seit Jahren verkaufte Sebastian Mayer jede eingeschraubte Glühbirne als Heldentat von nationaler Tragweite und jeden Baumarktbeleg wie eine amtliche Auszeichnung.

Offenbar erwartete er nun, dass ich die Hände rang, mich an sein Bein klammerte und ihn anflehte, mich nicht schutzlos dem defekten Wasseranschluss unseres Wochenendhauses auszuliefern.
Stattdessen ließ ich meinen Blick schweigend von seinen blank geputzten Schuhen zu dem Käfig in der Zimmerecke wandern.
Dort saß Theo Bergmann auf seiner Stange und ordnete sein Gefieder – ein stattlicher Graupapagei, mein persönlicher gefiederter Staatsanwalt, ausgestattet mit einem unheimlichen Gedächtnis für fremde Dummheiten.
Theo Bergmann musterte Sebastian Mayer mit einem runden gelben Auge und gab ein vielsagendes Krächzen von sich.
„Gute Reise, Sebastian“, sagte ich gelassen. „Ein Tapetenwechsel soll ja die beste Erholung sein.“
Männliche Unersetzlichkeit ist eine Ware mit äußerst kurzem Haltbarkeitsdatum: Man muss nur ein einziges Mal ohne sie zurechtkommen, und schon zerfällt sie vor aller Augen zu schlichter Unfähigkeit.
Das wusste Sebastian Mayer allerdings noch nicht. Er schnaubte laut, knallte die Wohnungstür so heftig zu, dass Kalk von der Decke rieselte, und verschwand dramatisch zu seiner Mutter, Magdalena Lorenz.
Kaum waren seine Schritte im Treppenhaus verklungen, schaltete ich den Computer ein.
Der Reparaturauftrag lief auf seine Telefonnummer, bezahlt werden sollte er jedoch mit unserer gemeinsamen Karte.
Im Browserverlauf des Rechners, den mein Mann in seinem theatralischen Abgang auszuschalten vergessen hatte, hing noch der stornierte Lieferschein für eine neue Pumpe, Rohre und Verbindungsstücke.
Direkt daneben war ein Chatfenster geöffnet.
Ich starrte auf den Bildschirm, und mein leichtes Schmunzeln verwandelte sich binnen Sekunden in eiskalte Wut.
In der Unterhaltung mit seinem Lieferantenfreund stand eine kurze Nachricht meines Mannes: „Lass Sophia ruhig ein paar Tage ohne Wasser sitzen, danach läuft alles genau so, wie ich es brauche.“
