— Grobheit, Paul, ist wie billiges Deo: Wer es benutzt, ist fest überzeugt, wunderbar zu duften. Allen anderen wird nur übel davon, — sagte ich und ließ nur ein schmales Lächeln über meine Lippen gleiten.
Dann beugte ich mich ein wenig vor.
— Jahrelang hast du dir genau die Menschen ausgesucht, die nicht zurückschlagen. Kaum haben die Frauen aufgehört zu lachen, wurde plötzlich klar: Du bist kein witziger Kerl. Du bist einfach feige.
Am Tisch stieß einer der Männer ein kurzes, deutlich hörbares Schnauben aus. Dieses kleine Lachen — nicht mit ihm, sondern über ihn, über den großen Familienkomiker — traf Paul härter als jede lange Rede.
Er sprang auf, der Stuhl kippte hinter ihm polternd um.
— Lukas! Sag deiner Frau, sie soll sich entschuldigen! Sonst seht ihr mich hier nie wieder! — brüllte er.
Lukas sah seinen Bruder an. Ruhig. Kühl. Ohne die geringste Unsicherheit.
— Julia hat nur ausgesprochen, was wahr ist. Wenn sich hier jemand entschuldigen muss, dann du. Bei ihr. Bei Nora. Und bei Emilia.
Meine Schwiegermutter, die ihr Leben lang nach dem Grundsatz „Ihr seid doch Familie, seid vernünftiger“ gehandelt hatte, versuchte es zunächst noch aus alter Gewohnheit:
— Paul, jetzt ist aber gut.
Doch er stand da, atmete schwer, verlangte weiter nach Rückhalt, nach Empörung, nach einer Entschuldigung, die ihm niemand geben wollte.
Da strich seine Mutter plötzlich die Serviette neben ihrem Teller glatt und sagte mit müder Deutlichkeit:
— Geh dich abkühlen. Du hast mir den Abend verdorben.
Der Held des Familienfestes blieb mitten im Zimmer stehen. Offenbar wartete er darauf, dass jemand aufsprang, ihn beschwichtigte, ihm nachlief, erklärte, alles sei nur falsch verstanden worden.
Aber keine der Frauen sagte ein Wort.
Nora schob ihren Teller von sich weg und sagte leise:
— Ich fahre mit dem Taxi nach Hause. Warte nicht auf mich.
Paul fuhr herum, stürmte aus der Wohnung und schlug die Tür so heftig zu, dass das Geschirr auf dem Tisch leise klirrte.
Niemand rannte ihm hinterher. Und seltsam: Schon nach einer Minute löste sich die erstickende Spannung im Raum. Emilia atmete hörbar auf, Lukas schenkte seiner Mutter Mineralwasser ein, und Nora lächelte zum ersten Mal an diesem Abend offen, weich und ohne Angst.
Beim nächsten Familienessen blieb Paul fern. Keiner rief ihn an, niemand bat ihn zurückzukommen. Nora erschien gemeinsam mit Emilia. Und ohne den sogenannten Spaßvogel am Tisch redeten alle zum ersten Mal miteinander, ohne ständig auf die nächste Demütigung zu warten.
Es hatte nur eines gebraucht: Die Frauen hörten auf zu lachen. Und der gefeierte Familienclown entpuppte sich als gewöhnlicher Grobian, den niemand mehr an den Tisch zurückholen wollte.
