Lukas Baumann murmelte daraufhin irgendetwas Versöhnliches und versprach, mit seinem Bruder zu reden.
Er tat es sogar. Nur stellte sich einen Monat später bei einem Grillnachmittag im Garten heraus, worauf dieses Gespräch tatsächlich hinausgelaufen war: auf ein klägliches „Paul, lass meine Frau in Ruhe, sie nimmt sich so was zu sehr zu Herzen“.
Damit war klar: Das eigentliche Problem war nie ich gewesen.
Paul Hartmann, dem man sein neues Lieblingsziel genommen hatte, suchte sich eben andere Opfer in der eigenen Runde. Zuerst bekam seine Schwester Emilia Hermann ihr Fett weg.
„Na, Emilia, hast du wieder höchstpersönlich die Stoßstange am Auto gewechselt? Bei deinem Charakter bleibt dir wohl wirklich nur noch der Schraubenschlüssel im Bett, wenn du schon keinen Mann halten konntest.“
Danach war seine eigene Frau Nora Heinrich an der Reihe, weil sie das Fleisch angeblich falsch eingelegt hatte.
„Meine ist ja sowieso zu nichts zu gebrauchen. Ohne mich würden wir wahrscheinlich nur von Instantnudeln leben.“
Die Frauen setzten wieder diese glatten Porzellanlächeln auf.
Pauls sogenannter Witz hatte etwas von einem Rasenmäher, dessen Bremse versagt hatte: laut, stumpf und immer direkt über die empfindlichsten Stellen.
Ich wollte gerade etwas sagen, doch Lukas packte unter dem Tisch meine Hand und drückte sie so fest, als könnte er mich damit festnageln.
„Bitte“, flüsterte er flehend, „mach jetzt kein großes Ding daraus.“
Ich zog meine Hand ruhig aus seiner.
„Ich mache überhaupt nichts groß. Ich gehe nur von einem Ort weg, an dem Grobheit als Humor verkauft wird.“
Dann nahm ich meine Tasche und ging zum Gartentor.
Es wirkte nicht wie eine Flucht. Eher wie ein stiller Schritt zur Seite. Ich ließ sie einfach in ihrer eigenen giftigen Brühe weiterköcheln.
Am Abend zu Hause fiel unser Gespräch kurz aus.
„Ich werde zu keinem einzigen Familientreffen mehr mitkommen, solange du diesem Brunnen aus Unverschämtheiten nicht selbst den Hahn zudrehst“, sagte ich hart. „Versuch gar nicht erst, mich zu überreden. Mein Nein ist aus Beton.“
Am nächsten Tag rief mich Lukas’ Schwester Emilia Hermann an.
„Julia Gross, danke“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte. „Wir ertragen seine Gemeinheiten seit Jahren wegen Mama, nur damit es keinen Streit gibt. Aber gestern, nachdem du gegangen bist, hat Nora Heinrich sich zum ersten Mal direkt im Auto mit ihm angelegt.“
Da begriff ich: Der Ärger hatte längst unter der Oberfläche gebrodelt. Es hatte nur der passende Auslöser gefehlt.
Ich hatte nie vorgehabt, mit Fahne und Fanfare als Retterin aufzutreten. Aber ich war auch nicht bereit, den Frieden anderer Leute mit meinen Nerven zu bezahlen.
Lukas verstand schließlich, dass ich nicht bluffte. Die Drohung hing nicht mehr über ein paar Familienfeiern, sondern über unserer Ehe.
