„Mach es noch einmal. Das ist immer noch dreckig“ sagte seine Mutter scharf, während Lukas wie erstarrt in der Tür stand

Unbarmherzige Worte, die heimliche Hoffnung zerstören.
Geschichten

etwas zu besänftigen, von dem Lukas in diesem Augenblick zu ahnen begann, dass es sich niemals besänftigen ließ.

Er war elf Tage fort gewesen.

Elf Tage. Und so sah dieses Haus aus, sobald er nicht darin war.

Für einen Moment wollte er etwas sagen. Ihren Namen rufen. Einen Schritt in die Küche machen. Doch er blieb stehen, weil ein Teil von ihm bereits begriffen hatte, was dann geschehen würde: Sobald er sich zeigte, bekäme er nur noch die einstudierte Fassung zu sehen. Victoria Schulz’ Gesicht würde weicher werden, ihre Stimme jenen warmen Klang annehmen, den sie benutzte, wenn er in der Nähe war. Seine Mutter würde sich hastig aufrichten und behaupten, sie habe nur ein wenig mitgeholfen. Noch ehe er die Wahrheit hätte erfassen können, hätte sich alles wieder zurechtgeschoben.

Also verharrte er im Türrahmen.

Und sah zu.

Er bemerkte zuerst Victorias Fuß, noch bevor sein Verstand begriff, was sie vorhatte.

Es war kein Versehen. Nichts an der Stellung ihres Beins, an der berechneten Verlagerung ihres Gewichts oder an dem kurzen Blick, den sie auf den Eimer warf, hatte etwas Zufälliges. Dann trat sie zu. So kräftig, dass der Eimer mit einem hohlen metallischen Krachen über die Fliesen schoss. So heftig, dass das Wasser darin hochschwappte und in einem breiten Bogen hinausschlug.

Es spritzte auf den Boden. Gegen die Schränke. Auf seine Mutter.

Johanna zuckte zusammen. Ihr ganzer Körper zog sich zusammen, als hätte er durch endlose Wiederholung gelernt, sich möglichst klein zu machen. Ihre nassen Hände fuhren zur Schranktür neben ihr, die Finger krallten sich suchend an etwas Festem fest, während das Wasser ihre Bluse durchtränkte und kalt über Knie und Beine lief. Einen entsetzlichen Augenblick lang schwankte sie, verlor beinahe den Halt auf den glatten, nassen Fliesen.

Dann fand sie Halt.

Sie stabilisierte sich.

Aber sie schrie nicht. Sie sagte überhaupt nichts.

Victoria betrachtete das ausgelaufene Wasser auf dem Boden. Danach sah sie zu Johanna hinunter, die bereits wieder nach dem Lappen griff. Auch Victoria schwieg. In ihrem Gesicht lag in diesem Moment nicht einmal offene Grausamkeit — und genau das machte es auf eine eigene, eisige Weise noch schlimmer. Es war nicht einmal mehr Bosheit. Es war bloß Gleichgültigkeit. Seine Mutter dort auf dem Boden war für sie ein Ärgernis, das beseitigt werden musste, nicht anders als ein schmutziger Fleck oder ein Teller, der noch nicht gespült war.

Dann drehte Victoria sich um und ging zurück in Richtung Wohnzimmer. Ihre Absätze klackten über die feuchten Fliesen. Kein einziges Mal sah sie sich um.

Lukas’ Finger am Türrahmen waren so verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Er blieb stehen, während seine Mutter den Lappen auswrang und damit begann, das verschüttete Wasser vom Boden aufzunehmen. Und während er sie beobachtete, tauchten in seinem Kopf all die Gespräche auf, die er nie hinterfragt hatte.

Die Telefonate, in denen seine Mutter merkwürdig geklungen hatte — leiser als sonst, vorsichtiger, als müsse sie jedes Wort vorher abwägen. Dieses „Alles ist in Ordnung“ in genau jenem Tonfall, der verriet, dass sie sich selbst mit aller Kraft davon zu überzeugen versuchte. Er hatte es auf ihr Alter geschoben. Darauf, dass sie stiller geworden war. Dass sie sich eben umstellte.

Die Abende, an denen er nach Hause gekommen war und alles makellos gewesen war: das Essen fertig, jede Fläche abgewischt, seine Mutter spätestens um acht in ihrem Zimmer. Und Victoria hatte lächelnd gesagt, sie halte sich eben gern beschäftigt, du weißt doch, wie sie ist. Er hatte genickt und sich dankbar gefühlt.

Dankbar.

Und dann war da die Tatsache, dass seine Mutter sich nie beklagt hatte.

Kein einziges Mal.

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