DIE LETZTE HEIMKEHR
TEIL I — DIE ÜBERRASCHUNG
Seit vierzehn Tagen hatte Lukas Lorenz diesen Augenblick im Kopf vorbereitet.
Die Besprechungen in Chicago waren einen Tag früher beendet gewesen als geplant. Ohne lange zu zögern, hatte er den nächstmöglichen Flug gebucht und seine Rückkehr für sich behalten. Er sagte es niemandem: nicht seiner Assistentin, nicht den Kollegen und erst recht nicht seiner Frau. Er wollte unangekündigt in der Tür stehen. Er wollte sehen, wie sich auf ihren Gesichtern erst Verblüffung zeigte und dann Freude. Er stellte sich das Lachen seiner Mutter vor, das Lächeln seiner Frau, den vertrauten warmen Geruch des Hauses, in dem er seit elf Tagen nicht gewesen war.
Leise zog er den Koffer über den Weg zum Eingang. Unter den Rollen knirschte der Kies nur gedämpft. Aus der Manteltasche holte er den Schlüsselbund. Das späte Nachmittagslicht lag weich und goldfarben auf allem. Es war ein guter Tag, um nach Hause zu kommen.

Mit bedächtiger Vorsicht schob er den Schlüssel ins Schloss. Noch immer genoss er den Gedanken an die Überraschung, noch immer grinste er vor sich hin, fast jungenhaft. Dann drückte er die Tür nur so weit auf, dass er unbemerkt hineinschlüpfen konnte.
In diesem Moment hörte er ihre Stimme.
Sie klang hart. Scharf. Wie eine Klinge, die gar nicht erst versucht, harmlos zu wirken.
„Mach es noch einmal. Das ist immer noch dreckig.“
Lukas erstarrte auf der Schwelle. Eine Hand lag an der Tür, der Koffer befand sich halb im Hausflur, halb noch draußen. Die Stimme war aus der Küche gekommen. Er rührte sich nicht. Irgendetwas Kaltes schob sich ihm zwischen die Rippen, tief in die Brust, auch wenn er in diesem Augenblick noch nicht benennen konnte, was es war.
Er redete sich ein, es müsse eine Erklärung geben. Vielleicht hatte er den Ton falsch verstanden. Vielleicht war der Satz anders gemeint gewesen. Ganz langsam öffnete er die Tür noch ein kleines Stück und blickte den Flur hinunter zur Küche.
Dann sah er seine Mutter.
TEIL II — WAS ER SAH
Johanna Lorenz war achtundsechzig Jahre alt. Nachdem Lukas’ Vater gegangen war, hatte sie ihren Sohn allein großgezogen. Jahrelang hatte sie zwei Arbeitsstellen gleichzeitig bewältigt, ihm Pausenbrote für die Schule gemacht und nachts wachgelegen, bis sie hörte, wie sein Schlüssel sich im Schloss drehte, wenn er spät nach Hause kam. Ihre Hände hatten ein ganzes Leben lang ehrliche Arbeit getan — kräftige Hände, verlässliche Hände, Hände, die nie vor Mühe zurückgeschreckt waren.
Jetzt zitterten diese Hände.
Sie kniete auf den Küchenfliesen und führte einen Lappen in langsamen, kleinen Kreisen über den Boden. Ihr silbergraues Haar hatte sich gelöst; an den Schläfen klebte es feucht. Auf den Ärmeln ihrer hellblauen Bluse zeichneten sich dunkle Flecken ab — Wasser, Schweiß oder beides zugleich. Dass die Haustür geöffnet worden war, hatte sie nicht bemerkt. Zu sehr war sie auf die Fliesen vor sich konzentriert, darauf, alles richtig zu machen und keinen weiteren Anlass für Tadel zu liefern.
Über ihr stand Victoria Schulz.
Lukas’ Frau war gekleidet, wie sie zu Hause fast immer gekleidet war: gepflegt, makellos, bis ins kleinste Detail kontrolliert. Mit verschränkten Armen stand sie da, das Gewicht lässig auf eine Hüfte verlagert, und sah auf die alte Frau am Boden hinab, als betrachte sie einen Fleck, bei dem man noch überlegte, ob er die Mühe des Entfernens überhaupt wert war.
Lukas bewegte sich nicht.
Sein Lächeln war verschwunden. Er hätte nicht sagen können, in welchem Moment genau. Noch immer lag seine Hand am Türrahmen, und seine Finger drückten sich so fest ins Holz, dass er es selbst kaum bemerkte. Er sah, wie seine Mutter den Lappen ein weiteres Mal langsam und mit beinahe schmerzhafter Sorgfalt über die Fliesen zog und sich dabei verzweifelt bemühte.
