„Verschwinde hier! Du gehst mir längst auf die Nerven — schleichst herum, glotzt, schnüffelst überall!“ sagte Elisabeth König ohne sich umzudrehen, Anna blieb reglos im Flur

Diese gedemütigte Stille ist zutiefst ungerecht.
Geschichten

Das war zu schaffen. Sie hatte die vergangenen drei Jahre allein durchgehalten, also würde sie auch die restlichen vier schaffen.

Ihre Mutter kam mit einem Teller geschnittenen Käse herein, stellte ihn wortlos neben sie und ging wieder. Anna ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie dieses Gefühl lange nicht mehr gekannt hatte: Stille ohne Anspannung. Eine Stille, in der man nicht darauf wartete, dass gleich eine Tür knallte oder irgendeine giftige Bemerkung fiel.

Am Donnerstag schrieb Paul Lehmann ihr: „Mama ist bereit auszuziehen. Lass uns treffen und reden.“

Anna las die Nachricht zweimal. Das Wort „bereit“ blieb ihr unangenehm im Kopf hängen. Als würde Elisabeth König ihr einen Gefallen tun und nicht etwas in Ordnung bringen, das sie selbst verursacht hatte. Aber darüber wollte Anna sich jetzt nicht aufhalten.

Sie tippte zurück: „Gut. Morgen Abend, sieben Uhr. Café in der Lindenstraße.“

Neutraler Boden. Das war wichtig.

Das Café war unscheinbar: kleine Tische an den Fenstern, leise Musik, der Duft nach Kaffee und frischem Gebäck. Paul war schon da, als Anna eintrat. Er saß an einem Tisch in der Ecke und sah erschöpft aus. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, seine Jacke war zerknittert.

— Hallo, — sagte er.

— Hallo.

Anna setzte sich ihm gegenüber und bestellte bei der jungen Bedienung, die an den Tisch trat. Paul schwieg und knetete eine Papierserviette zwischen den Fingern.

— Sie zieht am Wochenende aus, — sagte er schließlich. — Ich helfe ihr mit den Sachen.

— In Ordnung.

— Anna… — Er hob den Blick. — Kommst du zurück?

Sie sah ihn an. Diesen Mann, mit dem sie vier Jahre verheiratet gewesen war. Eigentlich war er kein schlechter Mensch. Nur bequem. Bequem für alle — außer für sie.

— Ich überlege es mir, — antwortete sie ehrlich.

— Das ist kein Ja.

— Aber auch kein Nein.

Langsam nickte er. Er nahm es hin. Und das war neu. Früher hätte er sofort versucht, sie zu überreden, Mitleid zu wecken oder noch am Tisch seine Mutter anzurufen, um sich Rat zu holen.

Der Kaffee wurde gebracht. Draußen rollten Autos vorbei, am Nebentisch lachte eine kleine Gruppe.

— Ich habe nicht begriffen, dass es dir so schlecht ging, — sagte Paul leise.

— Doch, — entgegnete Anna ohne Schärfe. — Du hast es gewusst. Es war nur angenehmer, es nicht zu sehen.

Er widersprach nicht. Auch das war etwas Neues.

Anna trank einen Schluck Kaffee und blickte zum Fenster hinaus. In ihrem Kopf hatte sich bereits ein Gedanke festgesetzt, nicht panisch, eher sachlich: Sie musste prüfen, ob es in der Wohnung noch etwas gab, von dem sie nichts wusste. Irgendetwas an Elisabeth Königs Worten hatte sie stutzig gemacht — dieses „menschlich gesehen ist es seine Wohnung“. Zu sicher ausgesprochen, um bloß dahergesagt zu sein.

Viel zu sicher.

Am Freitagabend fuhr Anna zur Wohnung. Nicht, um hineinzugehen. Nur, um nachzusehen. Sie parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blieb etwa zehn Minuten im Wagen sitzen. In den Fenstern brannte Licht. Hinter dem Vorhang bewegte sich ein Schatten; Elisabeth König lief im Zimmer auf und ab.

Anna nahm ihr Handy und rief einen bekannten Anwalt an: Felix König. Sie hatten zusammen studiert und sprachen gelegentlich beruflich miteinander.

— Felix, kurze Frage. Wenn eine Wohnung auf eine einzige Eigentümerin eingetragen ist, das Darlehen ebenfalls auf ihren Namen läuft und die Anzahlung von ihr kam — kann dann noch jemand anderes Anspruch auf einen Anteil erheben?

Für einen Moment schwieg er.

— Während der Ehe gekauft?

— Ja. Aber der Ehemann hat nicht gezahlt. Gar nicht.

— Gibt es Belege? Kontoauszüge, Zahlungsnachweise?

— Drei Jahre lang Quittungen. Alles auf meinen Namen.

— Dann lässt sich bei einer möglichen Aufteilung sehr überzeugend darlegen, dass die Immobilie aus deinen eigenen Mitteln finanziert wurde. Besonders, wenn er nicht einmal die Anzahlung geleistet hat. Worauf willst du hinaus?

— Auf noch nichts, — sagte Anna. — Ich will nur wissen, wie die Lage ist.

— Verstehe. — In seiner Stimme hörte man ein Lächeln. — Dann liegst du mit deiner Einschätzung richtig. Bewahr die Unterlagen gut auf.

— Die sind bei mir.

Der Samstag begann mit einer Nachricht von Paul: „Komm um zwölf. Mama packt.“

Anna kam um halb eins. Paul öffnete ihr die Tür. Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugetan. Aus dem Zimmer drang Poltern; dort wurde offenbar etwas Schweres verschoben.

Im Flur standen eine große karierte Reisetasche und zwei weitere Taschen. Anna betrachtete sie schweigend.

— Das Wichtigste hat sie gepackt, — sagte Paul gedämpft. — Den Rest holt sie später.

— Wann später?

— Anna…

— Ich frage nur.

Elisabeth König trat mit einer weiteren Tasche aus dem Zimmer, dunkelblau und bis zum Bersten gefüllt. Als sie Anna sah, blieb sie stehen.

Drei Sekunden lang sahen sie einander an. Dann schnaubte die ältere Frau und wandte den Blick ab.

— Da ist sie ja.

— Da bin ich, — bestätigte Anna ruhig.

— Freu dich. Du hast bekommen, was du wolltest.

Anna antwortete nicht. Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Aus dem Flur hörte sie, wie Paul leise auf seine Mutter einredete und wie diese gereizt, abgehackt zurückgab.

Die Küche sah aus, als hätte seit einer Woche niemand mehr aufgeräumt. Auf der Fensterbank klebten eingetrocknete Ränder von Gläsern, auf dem Tisch lagen Krümel, der Herd war mit Flecken unbekannter Herkunft übersät. Anna betrachtete alles und dachte, dass sie am Abend einen Lappen nehmen und die Küche wieder in Ordnung bringen würde. Ohne Wut. Ohne Drama. Einfach, weil es nötig war.

Aus dem Flur drang Elisabeth Königs Stimme, diesmal lauter:

— Ich habe diesem Kind übrigens viele Jahre meines Lebens geopfert! Und sie spielt sich hier als Hausherrin auf!

— Mama, bitte leiser, — bat Paul.

— Gar nichts leiser! Sie soll es ruhig hören! Die Papiere hat sie! — Ihre Stimme bekam einen höhnischen Klang. — Na und? Was bedeuten schon Papiere? Ich bin seine Mutter!

Anna kam aus der Küche und blieb in der Tür zum Flur stehen.

— Elisabeth König, die Papiere bedeuten sehr wohl etwas, — sagte sie gleichmäßig. — Sie bedeuten, dass ich hier Entscheidungen treffe. Nicht Sie.

Ihre Schwiegermutter fuhr herum.

— Du…

— Acht Monate lang habe ich geschwiegen, — fuhr Anna mit derselben ruhigen Stimme fort.

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