— Verschwinde hier! Du gehst mir längst auf die Nerven — schleichst herum, glotzt, schnüffelst überall! — Elisabeth König drehte sich nicht einmal um, während sie das sagte. Sie stand mit dem Rücken zu ihrer Schwiegertochter am Fenster und redete, als spräche sie nicht mit Anna, sondern mit der Straße draußen. — Das ist immerhin die Wohnung meines Sohnes. Wenn wir wollen, setzen wir dich einfach vor die Tür!
Anna Werner blieb mitten im Flur stehen. In der Hand hielt sie eine Einkaufstüte, in ihrem Gesicht zuckte kein Muskel. So etwas hatte sie gelernt. In zwei Jahren Ehe hatte sie vieles gelernt.
Ihre Schwiegermutter war vor acht Monaten bei ihnen eingezogen. Zuerst hieß es, nur „für ein paar Wochen“, angeblich wegen Renovierungsarbeiten in ihrer alten Plattenbauwohnung. Irgendwann war die Renovierung abgeschlossen, doch Elisabeth König machte keinerlei Anstalten, wieder auszuziehen. Sie blieb einfach. Wie ein Möbelstück, das man hereingetragen und dann vergessen hatte hinauszuschaffen.
Die Wohnung hatte zwei Zimmer und lag in einem Neubau in der Lindenstraße. Den Kredit dafür zahlte Anna — Monat für Monat, pünktlich, ohne eine einzige Auslassung, von ihrem Gehalt als Managerin in einem Reisebüro. Ihr Mann Paul Lehmann arbeitete in einer Autowerkstatt, doch sein Geld war auf unerklärliche Weise immer schon weg, bevor es an die Rate ging. „Da ist etwas dazwischengekommen“, „die Prämie wurde verschoben“, „ich musste eine alte Schuld begleichen“ — jedes Mal eine andere Erklärung. Anna hatte längst aufgehört, richtig hinzuhören.
Am Freitagabend brachte Elisabeth König Besuch mit. Drei Personen: ihre Freundin Greta Kraus mit ihrem Mann und irgendein Mann namens Emil Roth, den Anna in ihrem Leben erst zum zweiten Mal sah. Sie machten es sich in der Küche bequem, stellten Flaschen auf den Tisch und drehten den Fernseher so laut auf, dass man ihn in der ganzen Wohnung hörte.

Anna kam um halb neun nach Hause. Auf dem Tisch stapelten sich noch die schmutzigen Teller vom letzten ähnlichen Abend, der Aschenbecher quoll über, und auf dem Boden klebte eine längst eingetrocknete Spur von etwas Verschüttetem.
— Paul. — Sie sah ins Zimmer hinein. Ihr Mann lag auf dem Sofa und wischte mit dem Daumen über den Bildschirm seines Handys. — Hast du gesehen, wie es in der Küche aussieht?
— Na ja, Mama ist eben mit Leuten gekommen, — sagte er nur und zuckte mit den Schultern. — Was ist denn dabei?
— Was dabei ist, — wiederholte Anna leise. — Gar nichts.
Sie wandte sich ab, ging ins Bad und schloss die Tür hinter sich. Im Spiegel blickte ihr eine einunddreißigjährige Frau entgegen: dunkle Schatten unter den Augen, die Haare hastig irgendwie zusammengebunden. Im Reisebüro war gerade Hochsaison. Sie arbeitete von neun bis sieben, manchmal bis acht, und kam nach Hause, als hätte man sie ausgepresst. Und dort erwartete sie genau das.
Aus der Küche drang Elisabeth Königs Gelächter herüber — laut, rollend, aufdringlich, als stünde sie auf einer Bühne. „Ach, Greta, du bist unmöglich, was du wieder erzählst!“ Anna drehte den Wasserhahn weiter auf.
Elisabeth König war eine Frau, die man wohl als durchtrieben bezeichnen konnte. In Gesellschaft war sie der Mittelpunkt jeder Runde: herzlich, lachend, freigiebig, sie schenkte ein, umarmte, erzählte Witze. Doch das galt nur vor anderen. Zu Hause verwandelte sie sich. Sie kommandierte, nörgelte, räumte fremde Dinge um und warf weg, was ihr nicht gefiel. Einmal hatte sie Annas neue Turnschuhe entsorgt — angeblich, weil sie „nur Platz im Regal wegnahmen“.
— Ich habe für diese Schuhe sechzig Euro bezahlt, — hatte Anna damals gesagt.
— Und? Sie waren hässlich, — erwiderte die Schwiegermutter und ging ins Wohnzimmer, um ihre Serie weiterzuschauen.
Paul war bei diesem Gespräch dabeigewesen. Er hatte geschwiegen.
Anna saß danach lange im Auto vor dem Haus. Einfach nur da. Und dachte nach.
Mit der Zeit erkannte sie ein Muster: Sobald sie versuchte, etwas anzusprechen oder Grenzen zu setzen, fing Elisabeth König augenblicklich an zu weinen. Wirklich auf Kommando — Tränen, gerötete Augen, zitternde Lippen. „Ich habe meinem Sohn mein ganzes Leben geopfert, und jetzt jagt man mich fort.“ Paul eilte sofort zu ihr, tröstete sie, und Anna bekam diesen vorwurfsvollen Blick ab, der sagte: Siehst du, was du angerichtet hast?
Es war eine Kunst. Eine echte.
An einem Apriltag fuhr Anna morgens zum Bürgeramt.
Nicht, weil an diesem Tag etwas Besonderes passiert wäre. Es war einfach so weit. Sie hatte schon lange darüber nachgedacht — seit dem vergangenen Sommer, als Elisabeth König zum ersten Mal laut und vor Greta verkündet hatte: „Diese Wohnung gehört Paul, das soll sie bloß nicht vergessen.“ Anna hatte damals nichts erwidert. Sie hatte es sich nur gemerkt.
Im Bürgeramt wartete sie vierzig Minuten. Dann ließ sie sich einen aktuellen Grundbuchauszug geben. Als sie auf das Papier sah, stand dort alles eindeutig, schwarz auf weiß. Eigentümerin: Anna Werner. Nur sie. Denn der Immobilienkredit war auf ihren Namen abgeschlossen worden. Die Anzahlung — zweitausenddreihundert Euro — hatte sie aus ihren eigenen Ersparnissen geleistet. Und Paul hatte damals gesagt: „Du schaffst das schon, dein Einkommen ist stabiler.“
Anna fotografierte den Auszug mit dem Handy und schob das Dokument anschließend in ihre Tasche.
Danach ging sie in das Café gegenüber, bestellte sich einen Cappuccino und rief ihre Mutter an.
— Mama, ist das Sofa im Gästezimmer frei?
— Natürlich ist es frei. Kommst du?
— Vielleicht. Nicht sofort. Aber bald.
Ihre Mutter stellte keine überflüssigen Fragen. Sie hatte schon immer gespürt, wann man besser schwieg.
Die Entscheidung fiel am Samstag.
Elisabeth König war seit dem Morgen schlecht gelaunt. Offenbar hatte Greta Kraus am Telefon etwas gesagt, das ihr missfallen hatte; was genau, blieb unklar. Seitdem lief sie durch die Wohnung, seufzte demonstrativ, schob Töpfe hin und her und schlug Schranktüren zu. Anna saß mit einem Kaffee und Arbeitsunterlagen am Küchentisch. Bis Montag mussten mehrere Buchungen kontrolliert werden.
— Du könntest hier wenigstens mal sauber machen, — warf die Schwiegermutter ihr im Vorbeigehen hin.
Anna hob den Blick.
— Ich räume heute Abend auf.
— Heute Abend! Hört ihr das, heute Abend räumt sie auf! — Elisabeth König fuhr herum, und in ihrer Stimme lag bereits dieser besondere Ton: laut, schneidend, mit Nachdruck, als spräche sie nicht in einer Wohnung, sondern auf einem Wochenmarkt. — Begreifst du eigentlich, wie du hier lebst? Überall Dreck, überall Chaos, und für Paulchen kocht auch niemand…
— Stopp.
