„Sie ist nicht meine.“ presste ich heiser hervor, das DNA-Ergebnis zitternd zwischen meinen Fingern

Diese entsetzliche Ungewissheit zerreißt mein verblendetes Vertrauen.
Geschichten

Dann kam Emma manchmal angerannt, warf mir die Arme um den Hals und fragte mit ihrer hellen Stimme:

„Papa, spielst du mit mir?“

Ich strich ihr über das Haar, zwang mich zu einem Lächeln und in meinem Kopf hämmerte nur ein Gedanke: Du gehörst nicht zu mir. Du bist das Kind eines anderen.

Vor einer Woche hielt ich es nicht mehr aus und vereinbarte einen Termin bei einem Psychologen. Thomas Baumann hieß er; ein Freund hatte ihn mir empfohlen.

Ich erzählte ihm alles. Ohne etwas auszulassen. Auch die Testergebnisse legte ich ihm vor.

Thomas Baumann hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Erst als ich fertig war, sah er mich aufmerksam an und fragte:

„Was empfinden Sie im Moment für das Kind?“

Ich brauchte eine Weile, bis ich antworten konnte.

„Ich weiß es nicht. Früher habe ich sie geliebt. Und jetzt… jetzt sehe ich Emma an und denke nur noch an den Verrat meiner Frau.“

„Glauben Sie, dass Sie dieses Kind irgendwann wieder lieben können?“

„Ich weiß es wirklich nicht.“

Thomas Baumann beugte sich ein Stück nach vorn.

„Jonas Walter, ich sage Ihnen das ganz offen: Sie sind nicht verpflichtet, das Kind eines anderen Mannes großzuziehen.“

Ich erstarrte.

Er sprach ruhig weiter:

„Man hat Sie getäuscht. Acht Jahre lang wurden Sie in die Rolle eines Vaters gedrängt, obwohl das Kind biologisch nicht von Ihnen ist. Sie haben jedes Recht, zu gehen.“

„Aber Emma Köhler kann doch nichts dafür“, brachte ich hervor.

„Nein, sie trägt keine Schuld. Aber daraus entsteht nicht automatisch Ihre Verantwortung. Sie hat einen leiblichen Vater. Ihre Frau soll ihn suchen. Er soll Unterhalt zahlen und sich um seine Tochter kümmern.“

„Und wenn sie ihn nicht findet?“

„Dann ist das ihr Problem. Nicht Ihres.“

Ich sagte nichts mehr. Seine Worte sanken langsam in mich hinein.

Thomas Baumann fuhr fort:

„Wenn Sie bleiben, werden Sie jeden Tag dieses Kind ansehen und sich an den Betrug erinnern. Können Sie ihr wirklich geben, was ein Vater geben sollte, wenn Sie wissen, dass sie nicht Ihre Tochter ist?“

„Vermutlich nicht“, murmelte ich.

„Kinder spüren so etwas. Immer. Emma wird aufwachsen und merken, dass der Mann, den sie Vater nennt, sie innerlich ablehnt. Das kann sie für ihr ganzes Leben verletzen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Ehrlicher ist es, zu gehen, als zu bleiben und das Kind durch Kälte kaputtzumachen.“

Nach dem Gespräch verließ ich die Praxis wie betäubt. Auf dem Heimweg dachte ich an die vergangenen acht Jahre. Ich hatte Emma in den Kindergarten gebracht, später zur Schule, zu Kursen und Terminen. Ich hatte ihr abends vorgelesen, sie gepflegt, wenn sie Fieber hatte, und sie getröstet, wenn sie weinte.

Aber sie war nicht meine Tochter. Ich hatte das Kind eines anderen großgezogen, während Anna all die Jahre geschwiegen hatte.

LebensKlüber