„Du trägst deine Karriere vor dir her wie einen Heiligenschein“, sagte Elisabeth vorwurfsvoll, Laura zog schweigend den Mantel aus und räumte die Einkäufe ein

Verächtliche Erwartungen zerstören zärtliche Hoffnungen.
Geschichten

„Erklär mir, was sie damit sagen wollte, als sie behauptet hat, die Wohnung gehöre uns allen und ich hätte ohnehin keinen Ort, an den ich gehen könnte.“

Lukas wich ihrem Blick aus.

„Na ja …“ Er räusperte sich unsicher. „Ganz unrecht hat sie nicht. Die Wohnung ist eben irgendwie Familiensache. Mama hat doch damals beim Renovieren mitgeholfen.“

„Mit tausend Euro“, sagte Laura ruhig. „Vor drei Jahren. Bei einer Sanierung, die insgesamt fünfzehntausend gekostet hat.“

„Schon wieder deine Zahlen!“ Lukas sprang so abrupt vom Bett auf, als hätte sie ihn geschlagen. „Sind wir für dich Geschäftspartner oder was? Du denkst doch nur noch in Geld! Mama hat recht: In deinem Kopf läuft den ganzen Tag ein Taschenrechner. Ich gebe dir Nähe, ich gebe dir Halt, ich stehe seelisch hinter dir, und du rechnest alles in Euro um. Wo bleibt dein Vertrauen in deinen Mann? Wo ist deine Dankbarkeit dafür, dass wir dich mit deinem Charakter überhaupt aushalten?“

Er stürmte aus dem Schlafzimmer und schlug die Tür so heftig zu, dass der Rahmen vibrierte.

Laura blieb allein zurück. Eine Weile starrte sie an die helle Decke, ohne zu blinzeln. In ihr breitete sich etwas aus, langsam und lautlos, wie Frost auf einer Fensterscheibe. Kalt. Klar. Endgültig.

Dass sie sie „aushielten“. Sie, die zwei erwachsene Menschen ernährte, die Raten bezahlte, einkaufte, kochte, wusch, aufräumte und nebenbei noch funktionieren sollte. Und nun sollte sie dankbar sein, weil diese beiden sie angeblich ertrugen.

Sie stand auf und ging zum Spiegel. Die Frau, die ihr entgegenblickte, war zweiunddreißig, hatte dunkle Schatten unter den Augen und eine müde, bittere Linie um den Mund. Früher hatte diese Frau gelacht. Früher hatte sie Pläne gehabt, Wünsche, eine Vorstellung davon, wie ihr Leben aussehen könnte. Jetzt bestanden ihre Tage fast nur noch aus Pflichten.

Am Samstag traf Laura sich mit Nora Bauer. Sie saßen in einem kleinen Café in der Nähe des Parks, vor sich zwei große Tassen Latte, und redeten. Genau genommen redete Laura, während Nora zuhörte. Nora arbeitete als Psychologin, und Zuhören war nicht nur ihr Beruf, sondern beinahe eine Kunst.

„Sie saugen mich aus, Nora“, sagte Laura schließlich. „Verstehst du? Egal, was ich tue, es reicht nie. Ich verdiene das Geld — zu wenig. Ich zahle die Kreditrate — selbstverständlich. Ich kaufe ein — auch selbstverständlich. Und zusätzlich soll ich dankbar sein, bedienen, lächeln, irgendwann ein Kind bekommen und am besten noch auf Knien dafür danken, dass man mich angeblich duldet.“

Nora legte den Kopf leicht schief.

„Und Lukas? Was macht er?“

Laura lachte kurz auf, aber es klang hart.

„Lukas? Der liegt auf dem Sofa und spielt Konsole. Manchmal arbeitet er an seinem ‚Start-up‘. Das bedeutet, er klappt den Laptop auf und verschickt Präsentationen, die niemand liest. Seit drei Jahren kein einziger Auftrag. Kein einziger Euro Einnahmen. Dafür hat er, wie er sagt, Spiritualität und emotionale Unterstützung im Angebot. Weißt du, wie diese Unterstützung aussieht? Er schreit mich nicht jedes Mal an, wenn seine Mutter es gern hätte. Das ist dann schon seine große Leistung.“

„Und deine Schwiegermutter?“

„Elisabeth Möller ist ein Kapitel für sich.“ Laura rührte in ihrem Kaffee, obwohl sich der Zucker längst aufgelöst hatte. „Sie wohnt seit zwei Jahren bei uns. Seitdem erklärt sie mir täglich, wie eine ‚richtige Ehefrau‘ zu sein hat. Ich soll als Erste aufstehen, Frühstück machen, Geschirr spülen, Wäsche waschen, putzen, freundlich aussehen und den Mund halten. Weil eine Frau weich sein müsse. Und wenn ich es wage, etwas dagegen zu sagen, kommt sofort: Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen, trotz deiner Vergangenheit. Deine Mutter war allein, dein Vater irgendwo verschwunden, deine Großmutter hat dich großgezogen, also sei gefälligst dankbar.“

Nora stellte ihre Tasse vorsichtig auf die Untertasse zurück.

„Laura, hör mir bitte genau zu. Das, was du beschreibst, ist Missbrauch. Finanziell und psychisch. Du bist diejenige, die den Laden am Laufen hält, aber man hat dir eingeredet, du würdest allen etwas schulden. Du finanzierst zwei erwachsene Menschen, die dich dann noch Schmarotzerin nennen. Das ist eine klassische Verdrehung. Sie leben von dir, aber stellen es so dar, als würdest du von ihnen leben. Und weißt du, was daran am gefährlichsten ist?“

Laura sah sie an.

„Was?“

„Dass du es immer noch ein Stück weit glaubst. Du rechtfertigst dich noch immer. Du versuchst noch immer, ihnen zu beweisen, dass du gut genug bist.“

Laura senkte die Augen. In ihrer Kehle saß plötzlich ein harter Kloß. Nora hatte recht. Seit Jahren erklärte sie sich. Sie entschuldigte sich für Dinge, die sie nicht getan hatte. Sie bemühte sich, liebenswert zu sein, als müsste man Liebe verdienen wie einen Bonus am Monatsende.

Da klingelte ihr Handy.

Auf dem Display stand: Lukas.

Laura nahm ab.

„Ja?“

„Wo bist du?!“ Seine Stimme überschlug sich fast. „Komm sofort nach Hause. Mama hat etwas gefunden. Offenbar hast du unsere ganze Ehe auf Lügen aufgebaut.“

Laura erstarrte.

„Was redest du da?“

„Fahr heim, dann siehst du es. Und überleg dir schon mal eine Erklärung.“

Er legte auf.

Laura verabschiedete sich von Nora und bestellte ein Taxi. Während der Fahrt blickte sie auf die Häuser, die am Fenster vorbeizogen, und versuchte zu erraten, was diesmal der Anlass war. Sie kam nicht darauf.

Als sie die Wohnung betrat, wirkte das Wohnzimmer wie ein Gerichtssaal kurz vor der Urteilsverkündung. Auf dem niedrigen Tisch lagen ihre privaten Kontoauszüge ausgebreitet, daneben ein Ausdruck ihres Tagesgeldkontos. Elisabeth Möller stand darübergebeugt, das Gesicht vor Empörung verzerrt. Lukas saß im Sessel, die Arme vor der Brust verschränkt, und betrachtete seine Frau mit der Miene eines tief gekränkten Gerechten.

„Da haben wir die Wahrheit!“ rief Elisabeth triumphierend. „Uns zählt sie jeden Cent vor, gönnt uns nicht einmal ein ordentliches Stück Brot, und selbst hortet sie fünfzehntausend Euro! Wie Judas im Rock! Wir kämpfen hier ums Überleben, Lukas steckt seine letzten Nerven in sein Geschäft, und sie legt heimlich Geld für Diamanten zurück!“

Laura blieb in der Tür stehen.

„Das ist nicht für Diamanten“, sagte sie leise. „Das ist meine Rücklage. Für den Fall, dass ich meine Arbeit verliere, krank werde oder etwas Unvorhergesehenes passiert. Dieses Geld habe ich selbst verdient. Jeden Euro.“

„Dein Geld?“ Elisabeth machte einen Schritt auf sie zu. „In einer Ehe gibt es kein dein und mein! Du bestiehlst deinen Mann! Du wohnst hier auf gemachtem Nest in meiner Wohnung und—“

Sie brach ab. Aber das Wort war bereits gefallen und hing schwer zwischen ihnen.

Laura hob langsam den Blick.

„In Ihrer Wohnung?“

Elisabeth presste die Lippen zusammen.

„In unserer gemeinsamen Wohnung“, korrigierte sie sich hastig. „Verdreh mir nicht jedes Wort, du dumme Person. Du behandelst uns, als wären wir nichts wert. Sind wir dir also fremd? Hältst du uns für Bettler, die du aus deiner Hand fütterst?“

Lukas schwieg. Doch sein Schweigen sagte mehr, als ein Satz es gekonnt hätte.

Laura wandte sich an ihn.

„Denkst du das auch? Dass ich euch bestehle?“

Lukas atmete schwer aus.

„Ich denke, dass du Geld vor mir versteckt hast“, sagte er. „Und das ist Verrat, Laura.“

In diesem Moment klickte etwas in ihr. Der Frost, der sich um ihr Herz gelegt hatte, zersprang nicht — er wurde härter, schärfer, glasklar. Die Angst wich. Der alte Reflex, sich zu erklären, brach ab. Sie wollte nicht mehr brav sein. Nicht verständnisvoll. Nicht bequem.

„Wenn ich also die Schmarotzerin bin“, sagte sie langsam und deutlich, „wenn ich euch angeblich nur ausnehme und hintergehe, dann gibt es keinen Grund mehr, weshalb ihr weiter in meiner Wohnung leben solltet. Sie, Elisabeth Möller, sind hier nicht einmal gemeldet. Und du, Lukas, bist hier als mein Ehemann gemeldet, mehr nicht. Die Wohnung gehört mir. Sie war vor der Ehe mein Eigentum. Und ich werde dafür sorgen, dass ihr beide auszieht. Ich habe genug.“

Für ein paar Sekunden wurde es so still, dass man in der Küche den tropfenden Wasserhahn hören konnte.

Elisabeth öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut.

„Waaas?“ kreischte sie schließlich. „Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Uns rauswerfen? Deinen eigenen Mann aus dem Haus jagen? Du undankbares Miststück!“

Sie stürzte auf Laura zu, die Arme wild in der Luft. Lukas sprang auf, packte seine Mutter und versuchte, sie festzuhalten. Sofort brach ein Durcheinander aus Schreien, Schluchzen und Verwünschungen los. Laura blieb reglos stehen und sah zu, als sähe sie ein schlechtes Theaterstück. Hinter der Wand begann sogar der Hund der Nachbarn zu bellen, aufgeschreckt vom Lärm.

Als der erste Schock abgeklungen war, änderte sich der Ton. Aus Wut wurden Bitten.

Lukas kam näher, fast zu nah, und senkte die Stimme, als wolle er einen vertraulichen Moment herstellen.

„Laura, bitte. Verzeih uns. Mama ist zu weit gegangen, ja. Ich auch. Ich war aufgebracht. Es sind nur die Nerven. Lass uns einfach alle einmal durchatmen. Du bist doch ein guter Mensch. Du wirst uns nicht wirklich so behandeln. Ich liebe dich. Wer soll dich denn sonst lieben, so schwierig, wie du manchmal bist? Schätz die Menschen, die bei dir bleiben, bevor es zu spät ist.“

Laura wich einen Schritt zum Fenster zurück. Während sie sich bewegte, zog sie unauffällig ihr Handy hervor und aktivierte die Aufnahmefunktion. Die Entscheidung entstand in einem einzigen Augenblick. Wenn sie schon ihre Kontoauszüge durchwühlten, würden sie beim nächsten Mal noch weiter gehen. Sie brauchte Beweise.

Elisabeth begriff, dass Schreien nichts brachte, und wechselte die Rolle. Sie setzte sich auf das Sofa, faltete die Hände im Schoß und legte sich eine Miene leidender Weisheit zu.

„Kindchen“, begann sie weich, „du musst doch verstehen. Wir haben dich aufgenommen. Mit deiner ganzen Geschichte. Deine Mutter allein, dein Vater verschwunden, deine Großmutter musste dich großziehen. Da sollte man dankbar sein. Diese Wohnung ist unser Zuhause, ich habe hier meine Seele hineingelegt. Gib uns lieber das Geld von deinem Konto, für Lukas. Dann vergessen wir diesen Unsinn. Treib uns nicht hinaus. So etwas verzeiht einem der liebe Gott nicht.“

Lukas nickte sofort.

„Ja, Laura. Mach keinen Fehler. Zerstör nicht unsere Ehe. Wir sind eine Familie. In einer Familie gehört alles allen.“

Laura sah erst ihren Mann an, dann seine Mutter.

Familie. Gemeinsam. Dankbarkeit.

So saubere Wörter. Und was für faulige Bedeutungen sie ihnen gaben.

„Damit hier also wieder Frieden herrscht“, fragte sie, „soll ich euch fünfzehntausend Euro geben und mich entschuldigen?“

„Nicht uns, du dummes Ding, der Familie!“ Elisabeth beugte sich vor, erstarrte aber plötzlich. Ihr Blick blieb an Lauras Handy hängen. „Und hör auf mit diesen Aufnahmen. Nimmst du uns etwa auf?“

Elisabeth wurde erst bleich, dann stiegen ihr rote Flecken ins Gesicht. Laura legte das Handy ruhig mit dem Display nach oben auf den Couchtisch. Die Aufnahme lief weiter.

„Ich gebe euch eine Woche, um eure Sachen zu packen und auszuziehen.“

LebensKlüber