„Du trägst deine Karriere vor dir her wie einen Heiligenschein“, sagte Elisabeth vorwurfsvoll, Laura zog schweigend den Mantel aus und räumte die Einkäufe ein

Verächtliche Erwartungen zerstören zärtliche Hoffnungen.
Geschichten

Der Freitagabend hätte ruhig werden sollen. Laura Ludwig kam später als sonst nach Hause, in beiden Händen schwere Einkaufstaschen, aus denen Glasflaschen mit Olivenöl und Dosen mit italienischen Tomaten leise gegeneinanderschlugen. Nach der Arbeit war sie extra noch auf den Markt gefahren, um ordentliches Rindfleisch und frische Kräuter zu besorgen. In einer der Taschen steckte außerdem ein Geschenk für Lukas Heinrich: eine Flasche gereifter Malbec, nach der er seit einem halben Jahr gesucht hatte. Laura hatte gehofft, ein stiller Abend mit gutem Wein würde ihnen endlich die Gelegenheit geben, miteinander zu reden. Nicht nebenbei, nicht zwischen Vorwürfen und Ausreden. Richtig.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Kaum hatte sie die Wohnungstür geöffnet, schlug ihr der Geruch von angebranntem Fett und Zwiebeln entgegen. Im Flur stand bereits Elisabeth Möller, ihre Schwiegermutter. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

„Da bist du ja endlich, Nachtschwärmerin. Das Essen ist längst hinüber, die Frikadellen sind zäh wie Gummi. Bei einer vernünftigen Ehefrau steht der Tisch pünktlich bereit, aber du treibst dich irgendwo herum.“

Laura sagte nichts. Sie zog den Mantel aus, hängte ihn ordentlich auf einen Bügel. Die Taschen schnitten ihr in die Finger.

„Ich habe gearbeitet, Elisabeth Möller. Die Besprechung hat länger gedauert.“

„Ach, deine Besprechungen kenne ich.“ Die Schwiegermutter schnaubte verächtlich. „Früher sind Frauen auch arbeiten gegangen und haben es trotzdem geschafft, ein Essen zu kochen, den Mann zu empfangen und die Wohnung in Ordnung zu halten. Und du? Du trägst deine Karriere vor dir her wie einen Heiligenschein.“

Laura ging in die Küche und zwang sich, nicht darauf einzugehen. Auf dem Herd stand tatsächlich eine Pfanne mit dunkelbraunen Klumpen, die einmal Frikadellen gewesen sein mussten. Daneben eine Schüssel mit erkalteter Suppe. Sie begann, die Einkäufe auszuräumen, stellte die Lebensmittel in die Schränke, legte das Fleisch in den Kühlschrank und spülte das Geschirr ab, das sich im Laufe des Tages angesammelt hatte.

Elisabeth Möller ließ sich am Küchentisch nieder, stützte das Kinn auf die Hand und beobachtete ihre Schwiegertochter mit dem Blick einer Prüferin. Aus dem Wohnzimmer drangen gedämpfte Schüsse und Explosionen. Lukas spielte an der Konsole. Er war nicht einmal aufgestanden, um sie zu begrüßen.

„Lauralein“, begann Elisabeth plötzlich mit einer weichen, beinahe zärtlichen Stimme. Gerade diese Süße ließ Laura einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Lukas braucht für sein Start-up dreitausend Euro. Es bleibt nur noch eine Woche. Der Investor wartet nicht ewig, verstehst du? Und du lebst hier, als würdest du in Geld schwimmen.“

Laura hielt über dem Spülbecken inne. Langsam trocknete sie sich die Hände am Geschirrtuch ab und drehte sich um.

„Gestern habe ich ihm fünfhundert Euro für Werbung überwiesen. Davor habe ich seine Programmierkurse bezahlt. Wofür genau braucht er jetzt dreitausend Euro?“

„Wofür schon? Für die Sache natürlich!“ Elisabeth warf die Arme in die Luft. „Muss man dir denn alles erklären? In einer Familie gibt es ein gemeinsames Budget. Oder ist dir dein eigener Mann das Geld nicht wert? Uns würdest du am liebsten das letzte Hemd ausziehen. Jeden Tag kaufst du dir Kaffee zum Mitnehmen, aber wenn es um ein Familienprojekt geht, kriegst du plötzlich die Krämpfe. Du bist eine Schmarotzerin mit umgekehrtem Vorzeichen, genau das bist du.“

Laura presste die Kiefer aufeinander. Am Morgen hatte sie sich im Café neben dem Büro einen kleinen Cappuccino für zwei Euro gekauft. Die einzige freundliche Minute an diesem Tag. Und genau dieser Cappuccino wurde ihr seit Wochen vorgehalten, als handle es sich um einen verschwenderischen Luxus.

„Mama, lass sie“, rief Lukas aus dem Wohnzimmer. Nicht einmal dafür erhob er sich vom Sofa. „Laura, ehrlich gesagt bist du wirklich geizig geworden. Früher warst du anders. Da hast du noch an mich geglaubt.“

Laura trat in den Flur, von wo aus man ins Wohnzimmer sehen konnte. Lukas lag ausgestreckt auf der Couch, die Beine über die Armlehne geworfen, den Blick fest auf den Fernseher gerichtet. Auf dem Bildschirm rannten irgendwelche Monster, Maschinengewehre knatterten. Vierunddreißig Jahre alt war dieser Mann. Vierunddreißig.

„Lukas, lass uns bitte ohne deine Mutter sprechen“, sagte sie leise.

„Was soll denn dieses Getuschel?“ Elisabeth Möller tauchte sofort im Türrahmen der Küche auf. „Habt ihr jetzt Geheimnisse vor mir? Ich wohne hier übrigens auch. In dieser Wohnung steckt meine Seele. Meine Nerven. Meine Ersparnisse. Und du behandelst mich und meinen Sohn, als wären wir Fremde.“

Laura wandte sich langsam zu ihr um. Ihre Seele und ihre Ersparnisse. Tausend Euro für die Renovierung, die Elisabeth vor drei Jahren gegeben hatte. Tausend Euro, an die seitdem jeden einzelnen Tag erinnert wurde. Dabei hatte die Renovierung insgesamt über fünfzehntausend Euro gekostet, und jeden Cent davon hatte Laura verdient. Genau wie die Anzahlung für die Hypothek. Genau wie die monatlichen Raten.

Elisabeth Möller sah sie mit dem Ausdruck aufrechter Empörung an. Dann richtete sie den Blick auf ihren Sohn und sagte, als stünde Laura gar nicht im Raum:

„Aus der wird nie eine richtige Ehefrau. Sie denkt nur an sich. Aber keine Sorge, ich bringe sie schon noch auf ihren Platz. Die Wohnung gehört jetzt schließlich uns allen. Da kommt sie nicht so einfach weg.“

Laura antwortete nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich, setzte sich aufs Bett und starrte lange auf ihre Tasche, die mit Arbeitsunterlagen vollgestopft war. Schließlich nahm sie den Laptop heraus und öffnete die Banking-App. Fünfzehntausend Euro lagen auf ihrem Tagesgeldkonto. Ihr Sicherheitsnetz, das sie sich in den letzten drei Jahren mühsam zusammengespart hatte. Lukas wusste nichts davon. Elisabeth Möller erst recht nicht.

Laura klappte den Laptop zu und legte sich hin. Schlaf fand sie nicht.

Stattdessen dachte sie daran, wie alles begonnen hatte. Vor fünf Jahren war ihre Großmutter gestorben, der einzige Mensch, der ihr wirklich nahestand, und hatte ihr fünftausend Euro hinterlassen. Lukas hatte damals vorgeschlagen, das Geld als Eigenkapital für eine Wohnung einzusetzen. Er behauptete, auch er habe Ersparnisse. Doch als der Vertrag unterschrieben werden sollte, waren seine Mittel plötzlich „gerade nicht verfügbar“. Alles sei in ein „bahnbrechendes Projekt“ geflossen. Die Wohnung wurde auf Lauras Namen gekauft. Die Hypothek ebenso. Elisabeth Möller hatte damals nur gesagt: „Dann zahl auch allein, wenn du so selbstständig bist. Meinen Sohn ziehst du mir nicht in deine Schuldenfalle.“

Und Laura zahlte. Monat für Monat. Dreihundertfünfzig Euro Rate. Nebenkosten, Lebensmittel, Waschmittel, Medikamente, wenn jemand krank wurde, Kleidung, Geräte für den Haushalt — alles landete auf ihren Schultern. Lukas lieh sich immer wieder Geld für seine Start-up-Ideen, und nie kam auch nur ein Teil davon zurück. Elisabeth Möller arbeitete seit Jahren nicht mehr, lebte von einer winzigen Rente und erklärte ihrer Schwiegertochter trotzdem unermüdlich, wie man „richtig“ zu leben habe. Laura hielt es aus. Weil sie Lukas liebte. Weil sie glauben wollte, dass Familie das Wichtigste war. Weil ihre eigene Mutter getrunken und sie der Großmutter überlassen hatte. Laura hatte sich geschworen, später einmal ein anderes Leben zu führen. Eine andere Familie zu haben.

Am Ende sah diese Familie genau so aus.

Am Sonntag veranstaltete Elisabeth Möller ein Mittagessen wie eine kleine Aufführung. Das alte Service der Großmutter wurde aus dem Schrank geholt, auf dem Tisch standen Pasteten und Kuchen, und die Schwiegermutter thronte am Kopfende, als säße sie auf einem kaiserlichen Stuhl. Lukas hockte daneben, abwesend, und stocherte mit der Gabel in seinem Teller.

„Laura, noch ein wenig Suppe?“ säuselte Elisabeth. „Du bist so dünn geworden, diese Arbeit laugt dich völlig aus. Es wird Zeit, dass du an deine Seele denkst. An Mutterschaft. Die Uhr tickt, mein Kind. Schenk uns einen Enkel, geh in Elternzeit, und Lukas übernimmt endlich die männliche Rolle. Er wird verdienen. Und du bleibst zu Hause bei deinem Mann, sicher wie hinter einer Mauer.“

Laura hob den Blick vom Teller.

„Wovon sollen wir leben, während er diese Rolle übernimmt? Die Hypothek läuft auf mich. Wer bezahlt sie?“

Elisabeth Möller verzog missbilligend den Mund und tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab.

„Wenn Gott ein Kind schenkt, schenkt er auch das Nötige dazu. Widersprich nicht immer den Älteren. Muttersein ist deine eigentliche Bestimmung, nicht dieses ewige Herumwühlen in Papieren.“

„In diesen Papieren, Elisabeth Möller, steckt mein Gehalt. Und die Hypothek. Und der Kredit für den Kühlschrank. Und, wenn wir schon dabei sind, auch Ihre Pasteten.“

Lukas zuckte auf, als hätte man ihn aus einem Traum gerissen.

„Laura, wirklich, du siehst immer nur das Negative. Dann gibt es eben eine Hypothek, na und? Sobald mein Geschäft läuft, zahlen wir alles ab. Gib mir einfach Zeit.“

„Welche Zeit, Lukas? Du versprichst das seit drei Jahren. Kein einziges deiner Projekte funktioniert. Nicht einmal die Nebenkosten hast du je übernommen.“

„Bitte, jetzt geht das wieder los.“ Lukas schob seinen Teller von sich. „Mama hat recht. In deinem Kopf rattert ständig ein Taschenrechner.“

Elisabeth nickte zufrieden. Laura spürte, wie ihr Übelkeit in die Kehle stieg. Sie stand vom Tisch auf.

„Danke für das Essen. Ich lege mich hin, mir tut der Kopf weh.“

Am Abend kam Lukas ins Schlafzimmer. Laura saß mit einem Buch auf dem Bett und tat so, als würde sie lesen. Er setzte sich an die Bettkante und versuchte, ihre Hand zu nehmen. Sie zog die Finger zurück.

„Laura, lass uns nicht streiten. Mama meint es gut mit uns.“

„Mit uns?“ Laura sah ihn an. „Sie frisst mich bei lebendigem Leib auf.“

„Sie ist kein schlechter Mensch. Sie will nur, dass alles normal läuft.“

„Normal ist also, dass ich schufte wie ein Pferd, du auf dem Sofa liegst und deine Mutter mich Schmarotzerin nennt?“

Lukas verzog das Gesicht.

„So hat sie das nicht gemeint. Du verstehst immer alles falsch.“

„Dann erklär es mir, Lukas. Erklär es mir wirklich.“

LebensKlüber