„Ja, ich arbeite!“ wehrt sie sich, ohne den Blick vom Monitor zu lösen, als er verlangt, seine Mutter zu ihnen zu holen

Egoistische Forderung stellt unbequeme, notwendige Verantwortung in Frage.
Geschichten

Doch ungefähr eine Woche später kippte die Stimmung. Dorothea Schwarz hatte sich inzwischen so selbstverständlich eingenistet, als hätte sie schon immer hier gewohnt, und beschloss nun, nach ihren eigenen Vorstellungen Ordnung zu schaffen. Als Clara Engel mit einer Tasse Kaffee aus der Küche zurückkam, blieb sie im Wohnzimmer abrupt stehen: Sämtliche Bücher in den Regalen waren umgestellt worden.

„Dorothea Schwarz, was soll das?“ Clara stand mitten im Raum, die Tasse noch in der Hand.

„Was soll was?“ Ihre Schwiegermutter fuhr mit einem Staubtuch über das Brett. „Ich bringe hier ein bisschen System hinein. Vorher sah das ja aus wie Kraut und Rüben. Die Bücher standen völlig durcheinander. Jetzt sind sie nach Größe sortiert, so wirkt es viel ordentlicher.“

„Für mich war es aber genau so praktisch, wie es vorher war.“

„Praktisch!“ Dorothea Schwarz schnaubte abfällig. „Ihr jungen Leute habt doch überhaupt keinen Begriff mehr davon, was Ordnung bedeutet. In der Küche habe ich auch schon nachgesehen: Töpfe kreuz und quer, Vorräte in irgendwelche Gläser gefüllt … Da muss man einmal gründlich umorganisieren.“

Clara presste die Lippen zusammen, sagte jedoch nichts. Wegen ein paar Bücherregalen einen Streit vom Zaun zu brechen, erschien ihr sinnlos. Also drehte sie sich um, ging in ihr Zimmer zurück und zog die Tür hinter sich zu.

Mit jedem weiteren Tag mischte sich ihre Schwiegermutter stärker in alles ein. Sie bemängelte, wie Clara die Suppe würzte, erklärte, in der Wohnung werde nicht gründlich genug geputzt, die Wäsche müsse häufiger gemacht werden, und selbst beim Abwasch hatte sie eine andere, angeblich bessere Methode. Wenn Clara sich bei Lukas Otto beschwerte, winkte er nur ab. Seine Mutter meine es doch gut, sagte er immer wieder, sie wolle bloß helfen, und Clara solle sich nicht alles so zu Herzen nehmen.

An einem Mittwochmorgen saß Clara vor ihrem Rechner und arbeitete an der Landingpage für einen großen Kunden. Der Abgabetermin rückte näher, nur noch zwei Tage blieben, und es gab noch genug Feinheiten zu korrigieren. Gerade verschob sie konzentriert einzelne Elemente auf dem Bildschirm, als die Tür ohne Vorwarnung aufgerissen wurde und Dorothea Schwarz ins Zimmer platzte.

„Clara Engel, hast du denn wirklich nichts Vernünftigeres zu tun?“ Sie blieb mit in die Hüften gestemmten Händen auf der Schwelle stehen. „Geh bitte einkaufen. Für das Mittagessen fehlt einiges. Kartoffeln sind aus, Zwiebeln brauchen wir auch, und Möhren.“

Clara drehte sich halb zu ihr um. „Dorothea Schwarz, ich arbeite. In einer halben Stunde habe ich einen Termin mit dem Auftraggeber.“

„Du arbeitest!“ Die Schwiegermutter machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du sitzt im Internet und schiebst Bildchen hin und her. Das nennst du Arbeit? Als ich jung war, habe ich in der Fabrik geschuftet, das war Arbeit!“

„Das ist mein Beruf, und ich verdiene damit Geld. Ich kann jetzt nicht einfach in den Laden gehen.“

„Kannst du nicht?“ Dorothea Schwarz hob empört die Stimme. „Und wer soll es dann machen? Soll ich in meinem Alter die Treppen rauf und runter laufen? Mein Rücken bringt mich um.“

Clara atmete langsam ein und schluckte die scharfe Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag. „Wir reden später darüber. Gegen zwei bin ich fertig, dann kann ich einkaufen gehen.“

Dorothea Schwarz murmelte verärgert etwas Unverständliches, wandte sich ab und schlug beim Hinausgehen die Tür so laut zu, dass Clara zusammenzuckte.

Am nächsten Tag wiederholte sich die Szene. Clara überprüfte gerade das technische Briefing eines neuen Kunden, als ihre Schwiegermutter erneut ohne Anklopfen hereinstürmte.

„Clara Engel, komm sofort und hilf mir beim Putzen! Allein schaffe ich das nicht, diese Wohnung ist viel zu groß.“

„Ich bin mitten in meiner Arbeitszeit“, sagte Clara, ohne sich überhaupt umzudrehen. Ihr Blick blieb auf dem Monitor.

„Genau das meine ich ja“, rief Dorothea Schwarz. „Nichts als Herumsitzen! Du bist den ganzen Tag zu Hause und nützt niemandem. Steh auf und pack mit an.“

„Ich arbeite“, brachte Clara zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Arbeit! Eine richtige Frau kümmert sich um den Haushalt und starrt nicht stundenlang auf irgendeinen Bildschirm.“

Da riss Clara der Geduldsfaden. Sie fuhr herum und sah ihre Schwiegermutter direkt an. „Dorothea Schwarz, es reicht. Sie können nicht ständig ohne Klopfen in mein Zimmer platzen. Das hier ist mein Raum und zugleich mein Arbeitsplatz. Ich verdiene Geld damit, und dieses Geld trägt übrigens auch dazu bei, dass Sie hier wohnen können.“

Dorothea Schwarz zog beleidigt den Mund zusammen und verließ das Zimmer, wobei ihre Schritte absichtlich schwer über den Boden polterten. Am Abend, als Lukas Otto nach Hause kam, beklagte sie sich sofort bei ihrem Sohn, die Schwiegertochter habe sie gekränkt. Lukas Otto suchte daraufhin das Gespräch mit Clara, doch daraus wurde nichts Konstruktives.

„Clara, warum musstest du so hart zu meiner Mutter sein? Sie ist schließlich nicht mehr jung.“

„Lukas Otto, sie reißt mich ständig aus der Arbeit. Ich habe Fristen, Kunden, Verantwortung.“

„Und trotzdem kannst du ihr nicht einmal fünf Minuten helfen?“

„Fünf Minuten? Zehnmal am Tag verlangt sie irgendetwas von mir.“

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