„Begreifst du überhaupt, was du da von dir gibst?!“ schleuderte Lukas Heinrich seine Jacke über die Stuhllehne und beschuldigte Hannah wütend, seit einem halben Jahr ohne Arbeit zu sein

Diese ungerechte Ruhe fühlt sich herzzerreißend an.
Geschichten

„Begreifst du überhaupt, was du da von dir gibst?!“ Lukas Heinrich schleuderte seine Jacke über die Stuhllehne, so heftig, dass sie darüber hinwegflog und auf dem Boden landete. „Seit einem halben Jahr sitzt du ohne Arbeit zu Hause und redest immer noch davon, auf ein passendes Angebot zu warten! Wer glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du dir so etwas leisten kannst?“

Hannah sagte nichts. Sie stand am Spülbecken und wusch eine Tasse aus, langsam und sorgfältig, als hinge von dieser kleinen Bewegung etwas Entscheidendes ab. Ihre Finger umklammerten das Porzellan. In ihr war es still. Nicht jene Stille, die entsteht, wenn einem die Worte fehlen, sondern eine andere: die Stille, in der jedes Wort bereits nutzlos geworden ist.

Hinter ihr redete Lukas Heinrich weiter. Es ging um den Kredit für die Wohnung, um seine Mutter, die „es ja immer gewusst“ hatte, und um irgendeinen Alexander Engel aus seiner Firma, dessen Frau angeblich „normal“ sei und „sich nicht so aufspiele“. Hannah drehte den Wasserhahn zu, trocknete sich die Hände ab und ging ins Zimmer. Nicht aus Trotz. Nur, weil sie keinen weiteren Satz mehr hören wollte.

Ein halbes Jahr zuvor hatte alles noch völlig anders ausgesehen.

Hannah Lange war Finanzanalystin bei der Baufirma „Orient Group“ gewesen. Sieben Jahre lang. Kein einziges Mal war sie zu spät gekommen, kein Projekt war ihr entglitten. Zwei Vorhaben hatte sie aus einer gefährlichen Schuldenlage herausgeführt, ein Berichtssystem praktisch aus dem Nichts aufgebaut und ein Loch im Budget entdeckt, durch das rund 140.000 Euro verschwunden wären. Genau diese Geschichte erzählte der Geschäftsführer Markus Meier später auf Betriebsfeiern gern so, als sei es sein eigener Triumph gewesen.

Die Prämie hätte beträchtlich ausfallen müssen. Hannah wusste das ziemlich sicher. In der Buchhaltung arbeitete Mia Lange, mit der sie in der Mittagspause manchmal Kaffee trank, und Mia hatte eines Tages beiläufig fallen lassen: „Hannah, für dieses Quartal ist dir wirklich ordentlich etwas berechnet worden.“

Am nächsten Morgen wurde Hannah zu Markus Meier gerufen.

„Frau Lange, wir haben beschlossen, die Struktur der Abteilung zu verschlanken. Ihre Stelle wird gestrichen. Selbstverständlich hat das nichts mit der Qualität Ihrer Arbeit zu tun.“

Er sprach noch fast zehn Minuten weiter. Vom Markt, von Umorganisation, von schwierigen Entscheidungen und davon, wie sehr man ihren Beitrag schätze. Hannah saß ihm gegenüber, betrachtete seine dunkelblaue Krawatte mit dem feinen Muster und dachte nur an eines: Morgen sollten die Prämien ausgezahlt werden. Ausgerechnet morgen.

In diesem Augenblick verstand sie alles.

Der Arbeitsvertrag war geschickt formuliert. Anspruch auf die Prämie hatten nur Beschäftigte, die am Tag der Abrechnung noch im Unternehmen waren. Kündigte man sie einen Tag vorher, blieb alles sauber. Kein Anspruch. Kein Geld. Keine Angriffsfläche.

Um drei Uhr nachmittags kam sie nach Hause. Lukas Heinrich war noch bei der Arbeit. Seine Mutter, Sabine Hartmann, saß in der Küche, eine Teetasse vor sich, und wischte mit dem Finger über ihr Handy. Sie wohnte bereits im zweiten Jahr bei ihnen, seit sie nach der Renovierung ihrer eigenen Wohnung „nur vorübergehend“ eingezogen war. Die Renovierung war längst abgeschlossen.

„Heute aber früh“, bemerkte Sabine Hartmann, ohne vom Bildschirm aufzublicken.

„Ich bin entlassen worden.“

Für einen Moment blieb es still. Dann hob die Schwiegermutter den Blick, langsam, mit jenem besonderen Ausdruck in den Augen, den man kaum in Worte fassen konnte, den Hannah aber inzwischen mühelos zu lesen verstand. Es lag etwas darin, das zwischen Genugtuung und heimlicher Schadenfreude schwankte.

„Na ja“, sagte Sabine Hartmann schließlich, „dann bist du wohl nicht gut genug gewesen. Gute Fachleute setzt man nicht einfach vor die Tür.“

Hannah stellte ihre Tasche auf einen Stuhl. Dann zog sie den Mantel aus und hängte ihn ordentlich an den Haken.

„Ich lege mich ein wenig hin“, sagte sie ruhig.

„Sie legt sich hin“, hörte sie hinter sich. „Lukas schuftet von früh bis spät, und sie legt sich hin. Erstaunlich.“

Die folgenden Wochen fühlten sich merkwürdig an. Lukas Heinrich war wütend, allerdings nicht offen. Seine Gereiztheit lag ständig in der Luft, wie ein Radio, das irgendwo leise weiterläuft und das niemand ausschaltet. Sabine Hartmann bewegte sich durch die Wohnung mit der Miene eines Menschen, der schon immer alles durchschaut hatte, bisher aber aus Höflichkeit geschwiegen hatte. Nun sah sie offenbar keinen Grund mehr dazu.

„Hannah, hast du schon einmal daran gedacht, in einem Laden als Verkäuferin anzufangen? Da hat man wenigstens etwas Sicheres.“

„Hannah, Lukas hat doch erzählt, ihr wolltet eine Baufinanzierung aufnehmen. Bei deinen Aussichten ist das ziemlich mutig.“

„Hannah, ich habe immer gesagt, Finanzen sind nichts für Frauen. Lehrerin hättest du werden sollen.“

Hannah ließ sich auf keine Diskussion ein. Überhaupt sprach sie immer weniger. Sie sparte ihre Kraft. Morgens stand sie vor allen anderen auf, kochte Kaffee, setzte sich mit dem Laptop an den Tisch und arbeitete. Sie suchte nicht einfach nach einer Stelle. Sie arbeitete. Sie ordnete alte Analysetabellen, schrieb an einer Methode weiter, die sie noch bei der „Orient Group“ begonnen hatte, und beschäftigte sich mit angrenzenden Märkten.

In ihrem Kopf nahm allmählich eine Idee Gestalt an. Noch war sie nicht ausgereift, aber sie lebte.

Eines Abends fragte Lukas Heinrich sie, diesmal ohne Zorn, nur erschöpft:

„Hannah, hast du eigentlich irgendwo Bewerbungen hingeschickt?“

„Ja“, antwortete sie.

„Und?“

„Ich warte.“

Er sah sie an, wie man jemanden ansieht, der etwas offensichtlich Sinnloses sagt, für einen Streit aber nicht mehr genug Energie übrig lässt. Dann ging er ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.

Im April meldete Hannah ein Gewerbe an.

Niemand bekam etwas davon mit. Sie erzählte es absichtlich keinem. Nicht, weil sie Angst hatte, sondern weil Erklärungen überflüssig gewesen wären. Geglaubt hätte ihr ohnehin niemand. Sabine Hartmann hätte irgendeinen Satz über „unernste Leute mit großen Ambitionen“ gesagt. Lukas Heinrich hätte nur schwer geseufzt. Also schwieg Hannah und machte weiter.

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