Ich ließ den Satz einen Moment im Raum stehen und nahm mir seelenruhig eine Mandarinenspalte.
„Oder Möglichkeit zwei“, fuhr ich fort. „Ich gehe morgen früh zu einem Anwalt. Danach erstatte ich Anzeige wegen Betrugs nach § 263 StGB. Die Aufnahme bekommt die Polizei. Die Kontoauszüge ebenfalls. Und Zeugen dafür, dass wir die Hochzeit gemeinsam geplant haben, gibt es genug: meine Eltern, eure Familie, das Restaurant, der Moderator, die Floristin. Alle werden bestätigen, wie es war. Zusätzlich reiche ich zivilrechtlich Klage ein: Rückzahlung der kompletten Summe plus Schmerzensgeld. Paul, bei dir endet es vielleicht mit einer Geldstrafe oder Bewährung. Vielleicht. Aber Sabine Lange, als Beteiligte und Empfängerin des Geldes, könnte das deutlich härter treffen. Sie sind noch nicht im Rentenalter. Mit ‚arme alte Frau‘ kommen Sie da nicht durch.“
Sabine Lange begann zu weinen. Nicht gespielt. Diesmal echt.
„Laura, Kindchen… wir wollten doch nichts Böses… Paul hat nur…“
„Ich bin nicht Ihr Kindchen, Frau Lange. Und ich werde es auch nie sein. Entscheiden Sie sich. Zwei Stunden haben Sie.“
Natürlich nahmen sie die erste Variante.
Keine vierzig Minuten später waren die dreitausend Euro wieder auf dem Hochzeitskonto. Absenderin: Sabine Lange. Offenbar hatte sie das Geld noch nicht weiterverteilt. Zum Glück.
Am nächsten Morgen hatte Paul seine Sachen zusammengesucht: drei T-Shirts, den Laptop, seine Spielkonsole. Mehr war es kaum gewesen. Mit genau dem Besitz, mit dem er bei mir eingezogen war, zog er wieder aus. Nur diesmal zurück zu seiner Mutter.
An der Tür blieb er stehen und drehte sich noch einmal um.
„Laura… überleg’s dir doch noch, ja? Vielleicht kriegen wir das wieder hin. Ich liebe dich doch.“
Ich sah ihn an und dachte nur: Mein Gott. Mit diesem Mann wollte ich wirklich alt werden.
„Paul. Geh einfach. Und weißt du was? Danke.“
Er blinzelte verwirrt. „Wofür?“
„Dafür, dass du dich jetzt gezeigt hast. Nicht erst in zwei Jahren, wenn wir ein Kind, eine gemeinsame Baufinanzierung und denselben Nachnamen gehabt hätten.“
Dann machte ich die Tür zu. Beide Schlösser. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen.
Und zum ersten Mal seit anderthalb Jahren konnte ich richtig ausatmen.
Epilog.
Die Hochzeit wurde abgesagt. Vom Restaurant bekam ich die Hälfte der Anzahlung zurück, die andere Hälfte behielten sie laut Vertrag als Stornogebühr. Die Floristin und der Moderator überwiesen alles zurück. Anständige Menschen, sie hatten Mitleid. Ein Kleid hatte ich zum Glück noch nicht gekauft. Ich hatte die Entscheidung immer vor mir hergeschoben. Wahrscheinlich hatte mein Bauchgefühl längst mehr gewusst als ich.
Die dreitausend Euro von Sabine Lange behielt ich. Für mich war das der Ausgleich für den ganzen seelischen Schaden. Ich legte das Geld auf ein Sparkonto. Mit Zinsen.
Die Reise, für die ich ursprünglich gespart hatte, fiel übrigens nicht aus. Sie fand statt. Ein Jahr später. Zwei Wochen Georgien. Allein. Und es war großartig.
Paul Hartmann begegnete mir nie wieder. Ein halbes Jahr nach seinem Auszug schrieb er mir einmal über den Messenger: „Laura, bei Mama wurde Krebs festgestellt. Wegen dem Rücken hat sie also nicht gelogen. Kannst du mir verzeihen?“
Ich antwortete nicht.
Nicht, weil ich grausam bin. Sondern weil es wieder dasselbe war: Druck. Schuld. Mitleid als Werkzeug. Manipulation bis zum letzten Atemzug.
Vor Kurzem fragte mich Katharina Weiß:
„Laura, was wäre gewesen, wenn du diese Kamera nicht gehabt hättest? Wenn du sie damals nicht gekauft hättest?“
Ich schwieg eine ganze Weile.
Dann sagte ich: „Weißt du, Katharina… ohne die Kamera hätte ich ihm wahrscheinlich auch noch die restlichen zweitausend Euro gegeben. Danach hätte ich mein Leben mit einem Mann verbracht, der mich bestohlen, beschuldigt und vor seiner Mutter erniedrigt hat. Und ich hätte ihn meinen Ehemann genannt. Ich hätte für ihn gekocht, seine Hemden gewaschen und geglaubt, das sei Liebe.“
„Furchtbar.“
„Nein“, sagte ich. „Nicht furchtbar. Sondern der ganz normale Alltag von Millionen Frauen, die keine Kamera im Flur haben.“
Die Kamera hängt übrigens immer noch dort. Ich habe sie nie abgenommen.
Nicht, weil ich paranoid wäre. Sondern weil man nie weiß. Das Leben ist lang. Und die Aufnahme liegt in der Cloud. Immer erreichbar.
Mein Rat an alle Frauen: Installiert Kameras. Bewahrt Kontoauszüge auf. Und gebt niemals — wirklich niemals — eure gesamten Ersparnisse auf ein angeblich gemeinsames Konto, wenn der Mann bis dahin selbst keinen einzigen Cent eingezahlt hat.
Liebe ist wunderbar.
Aber ein Kontoauszug ist verlässlicher.
