„Du bist eine Diebin. Dreitausend Euro. Wo ist das Geld, Laura? Sag es sofort, vor meiner Mutter, sonst gibt es keine Hochzeit.“ drohte Paul in meiner Küche, seine Mutter stand daneben wie eine Geschworene

Verrat fühlt sich bitter, ungerecht und demütigend an.
Geschichten

Das Budget lag bei zehntausend Euro. Mindestens.

Paul Hartmann verkündete damals mit feierlicher Miene:

„Laura, machen wir es sauber. Ich überweise meinen Anteil, also fünftausend Euro, auf ein separates Konto. Du deinen. Von dort zahlen wir alles. Dann ist es für beide transparent.“

Ich war erleichtert. Genau so klang für mich erwachsen, fair, richtig. Also eröffnete ich ein eigenes Hochzeitskonto und überwies dreitausend Euro von meinem Ersparten dorthin. Das war alles, was ich hatte. Drei Jahre lang hatte ich dieses Geld eigentlich für unsere Hochzeitsreise zurückgelegt. Meine Eltern legten noch zweitausend Euro dazu: Papa räumte seine eiserne Reserve, Mama verkaufte die goldenen Ohrringe meiner Großmutter. „Kind, es ist für deine Hochzeit. Da sparen wir nicht.“

Paul zahlte ein: nichts.

„Laura, bei mir brennt gerade ein Projekt, und die Prämie lässt auf sich warten. Im November ist alles drauf, versprochen.“

Ich nickte. Und ich glaubte ihm.

Im September wäre Maria Braun aus dem dritten Stock beinahe von einer drogensüchtigen Nachbarin bestohlen worden. Die Frau war bei ihr eingestiegen und hatte einen Pelzmantel und einen Laptop mitgehen lassen. Danach bekam ich es mit der Angst zu tun. Auf unserem Konto lagen bereits fünftausend Euro, zu Hause hatten wir manchmal Bargeld, mein Gehalt lief über die Karte. Also kaufte ich eine kleine Kamera für den Flur. Mit Mikrofon, Cloudspeicherung, Verbindung zu meinem Handy. Paul erzählte ich davon auch, ja, aber nur nebenbei. Er nickte, sagte irgendetwas und vergaß es sofort wieder.

Fast hätte ich die Kamera ebenfalls vergessen. Sie hing da, blinkte still vor sich hin, nahm auf, und gut war.

Im November bekam ich meine Jahresprämie: eintausendzweihundert Euro. Eine ordentliche Summe. Auch die schob ich auf das Hochzeitskonto.

Im Dezember fuhr ich für drei Tage zu meinen Eltern. Mein Vater musste am Knie operiert werden, nichts Dramatisches, ein geplanter Eingriff. Trotzdem wollte ich in der Nähe sein.

Paul blieb in unserer Wohnung.

Als ich zurückkam, sah ich, dass auf dem Hochzeitskonto dreitausend Euro fehlten.

Zuerst redete ich mir ein, es müsse ein Fehler der Bank sein. Ein technischer Aussetzer. Ich öffnete die Umsatzliste. Kein Fehler. Eine Überweisung. Dreitausend Euro. Empfängerin: Sabine Lange.

Pauls Mutter. Auf ihre Karte. Von unserem gemeinsamen Konto.

Ich saß am Küchentisch und bekam keine Luft. Also, doch, irgendwie schon, aber falsch. Beim Einatmen ging es noch. Beim Ausatmen fühlte es sich an, als hätte sich mir jemand auf die Brust gesetzt.

Ich ging zu Paul. Ruhig. Ohne zu schreien.

„Paul. Dreitausend Euro vom gemeinsamen Konto. An deine Mutter. Was ist das?“

Er hob den Blick von seinem Handy.

„Ach, das. Mama brauchte Geld für eine Behandlung. Wegen ihrem Rücken. Ich hab es nur geliehen. In einem Monat ist es wieder drauf.“

„Paul. Du hast von unserem Konto, das für die Hochzeit gedacht ist, dreitausend Euro genommen und sie deiner Mutter überwiesen. Ohne mich zu fragen. Für eine ,Behandlung‘. Habe ich das richtig verstanden?“

„Laura, sie ist meine Mutter. Darf ich das etwa nicht?“

„Nein. Darfst du nicht. Das ist gemeinsames Hochzeitsgeld. Gemeinsam heißt: Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Erstens. Und zweitens war da, wenn wir ehrlich sind, kein einziger Euro von dir drauf. Gar keiner. Dreitausend waren von mir, zweitausend von meinen Eltern. Du hast bisher keinen Cent eingezahlt.“

Paul verzog das Gesicht.

„Laura, fang jetzt nicht wieder an. Ich zahle es ein, hab ich doch gesagt. Im Dezember kommt meine Prämie. Bis Silvester ist alles zurück.“

Bis Silvester kam nichts zurück. Bis zum fünften Dezember übrigens auch nicht.

Und am achten Dezember kam ich von der Arbeit nach Hause, und dort erwartete mich die nächste Vorstellung.

Gleiche Bühne. Küche. Paul in Unterhose. Seine Mutter in einer rosafarbenen Bluse.

„Du bist eine Diebin! Dreitausend Euro! Wo ist das Geld, Laura?!“

Ich blinzelte. Einmal. Dann noch einmal.

„Paul. Erklär mir bitte, welche dreitausend Euro du bei mir suchst.“

„Tu nicht so unschuldig! Ich war bei der Bank, vom Konto sind dreitausend Euro verschwunden! Dreitausend! Meine Mutter kann das bestätigen!“

Sabine Lange nickte würdevoll, als säße sie vor Gericht.

„Lauralein“, sagte sie mit zuckersüßer Stimme, „Paul und ich haben beschlossen, dass es für eine Hochzeit noch zu früh ist. Zuerst soll Paul sein Geld zurückbekommen, das du dir… sagen wir es höflich… ausgeliehen hast. Und dann sehen wir weiter.“

Stopp.

Nein.

Noch mal ganz langsam.

Ich legte das Messer, mit dem ich gerade Mandarinen geschält hatte, behutsam auf den Tisch.

LebensKlüber