Kaum war es sechs, stürmte Sebastian Friedrich aus dem Büro, als hätte jemand hinter ihm den Feueralarm ausgelöst, und fuhr direkt zum großen Supermarkt am Stadtrand. In der Mittagspause Lebensmittel zu kaufen, wäre Unsinn gewesen; das Fleisch hätte in seinem stickigen Arbeitszimmer bis zum Abend keine Chance gehabt.
An der Fleischtheke nahm er sich ungewöhnlich viel Zeit. Er ließ sich mehrere Stücke zeigen, musterte die Maserung, fragte nach Reifezeit und Zuschnitt und entschied sich schließlich für zwei prächtige Steaks aus marmoriertem Rindfleisch. Danach landeten noch ein Stück Blauschimmelkäse, ein Glas Oliven, eine schwere Traube mit großen dunklen Beeren und eine Flasche ordentlicher, keineswegs billiger trockener Rotwein in seinem Wagen.
Als die Kassiererin die Summe nannte und der Bon aus dem Drucker schnarrte, verzog er kurz das Gesicht.
„Man lebt schließlich nur einmal“, murmelte er und steckte die Karte wieder ein.
Auf dem Heimweg machte er noch einen Abstecher in ein Blumengeschäft. Schon beim Öffnen der Tür schlug ihm feuchte, kühle Luft entgegen, durchzogen vom Geruch nasser Blätter und frisch angeschnittener Stiele.
„Guten Abend“, wandte er sich an die Floristin, eine Frau ungefähr in seinem Alter. „Ich brauche einen Strauß. Für unseren Jahrestag. Zwanzig Jahre.“
„Porzellanhochzeit“, sagte sie sofort und lächelte warm. „Dann gratuliere ich herzlich. Möchten Sie Rosen? Lilien? Was mag Ihre Frau denn besonders?“
Sebastian schwieg einen Moment. Ausgerechnet diese Frage traf ihn unvorbereitet.
„Wissen Sie“, begann er dann langsam, „Hannah kann diese riesigen, schweren Gebinde nicht ausstehen, die in knisternde Folie gewickelt sind und aussehen, als kämen sie direkt vom Bahnhofskiosk. Machen Sie bitte etwas… Natürliches. Leichtes. Etwas, bei dem man merkt, dass ich mir Mühe gegeben habe.“
Die Floristin nickte, als hätte sie genau verstanden, was er nicht in Worte fassen konnte. Keine Viertelstunde später hielt Sebastian einen ungewöhnlich schönen Strauß in den Händen: zarte Ranunkeln, Eukalyptuszweige und kleine Nelken, locker gebunden und nur mit einem schlichten Satinband zusammengehalten.
Zu Hause kam er beinahe schwebend zur Tür herein. Die Wohnung empfing ihn mit einer Stille, die um diese Uhrzeit fast fremd wirkte; Lukas Wagner war, wie verabredet, brav zur Großmutter verschwunden. Sebastian warf die Jacke über die Garderobe und machte sich sofort ans Werk.
Da vibrierte sein Handy. Eine Nachricht von Hannah Lang: „Sebastian, tut mir leid. Mein Chef hat mir noch einen Berg Änderungen auf den Tisch geknallt. Ich schaffe es erst gegen acht. Mach bitte kein Essen, ich koche mir später schnell Maultaschen oder so. Ich kann nicht mehr.“
Sebastian grinste unwillkürlich. Besser hätte es kaum laufen können.
Er holte aus dem hintersten Fach des Schranks die Leinentischdecke hervor, die sonst nur an Weihnachten benutzt wurde, und bügelte sie mit ungewohnter Gründlichkeit glatt. Dann stellte er die guten Teller aus dem Festservice auf den Tisch, suchte zwei unversehrte Kerzen, die vom letzten Winter übrig geblieben waren, und platzierte die Vase mit dem Strauß genau in der Mitte.
Punkt halb acht legte er die Steaks in die glühend heiße Grillpfanne. Sofort erfüllte ein satter Duft nach gebratenem Fleisch, Butter und Rosmarin die kleine Küche. Während er hantierte, verbrannte er sich an einem Spritzer Fett den Finger, ließ eine Gabel scheppernd auf die Fliesen fallen und schaffte es sogar, sein Lieblingsshirt mit Mehl zu bestäuben. Doch als der Zeiger fünf Minuten vor acht stand, war alles bereit.
Die Steaks ruhten auf vorgewärmten Tellern, der Rotwein durfte in der geöffneten Flasche atmen, und das Kerzenlicht warf weiche, goldene Flecken an die Wände ihrer alten Küche. Direkt gegenüber von Hannahs Platz, verborgen unter einer sauber gefalteten Serviette, lag das kleine Samtkästchen mit dem Armband.
Im Flur klickte das Schloss.
Sebastian atmete tief ein, löschte das Deckenlicht, sodass nur noch die Kerzen brannten, und ging ihr entgegen. Hannah stand in der Tür, als hätte sie den ganzen Tag schwere Kisten geschleppt. Ihr dicker Wintermantel hing an ihr, als gehörte er jemandem, der zwei Nummern größer war.
