Nora Vogel stellte sich als Nächste vor: Sie war für den serverseitigen Teil des Systems zuständig. Leon Köhler, achtundzwanzig, arbeitete an der mobilen Anwendung. Markus Schubert, zweiunddreißig, betreute die Datenbank, also jenen Bereich, in dem sämtliche Informationen über die Nutzer abgelegt wurden. Ich schrieb mit. Knapp, sachlich, ohne Ausschmückungen: Name, Projekt, aktueller Stand.
Dann kam Lukas an die Reihe.
Er räusperte sich. Seine Stimme klang noch immer selbstsicher, doch seine Haltung hatte sich verändert. Er saß nicht mehr breit hingelümmelt da, sondern aufrecht.
„Lukas. Frontend. Ich baue den persönlichen Nutzerbereich.“
„Frontend ist der Teil, den ein normaler Anwender auf dem Bildschirm sieht“, sagte ich. Eigentlich erklärte ich es eher für meine Notizen, damit alles sauber geordnet war. „Schaltflächen, Eingabefelder, Seitenaufbau. Und der persönliche Bereich ist der Abschnitt, in dem sich ein Nutzer mit Login und Passwort anmeldet, Einstellungen ändert und seine Historie einsehen kann. Richtig?“
Lukas nickte kurz.
„Welche Frist ist dafür vorgesehen?“, fragte ich.
„Na ja. Läuft. Alles im Rahmen.“
„Bitte genauer. Bis zu welchem Datum?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Wahrscheinlich bis Freitag.“
„Gut. Dann möchte ich heute um fünf sehen, was bereits fertig ist. Zur Durchsicht. Ich will den aktuellen Zustand kennen.“
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Kaum sichtbar, nur ein Mundwinkel bewegte sich. Aber ich bemerkte es. Und die beiden Kollegen neben ihm ebenfalls. Einer von ihnen — derselbe, der am Morgen geschnaubt hatte — lehnte sich demonstrativ in seinem Stuhl zurück.
Die Besprechung war beendet. Nach und nach standen alle auf und gingen zur Tür. Ich legte gerade mein Notizbuch zusammen, als ich draußen auf dem Flur Lukas’ Stimme hörte. Nicht laut, aber auch keineswegs geflüstert. Er sprach genau in dieser Lautstärke, bei der jeder es mitbekommt und man später trotzdem behaupten kann, es sei gar nicht für diese Person bestimmt gewesen.
„Die haben sie doch nur über Beziehungen hier reingesetzt. Habt ihr gesehen? Ihr kleines Notizbuch, ihr Stiftchen. Wie in der Buchhaltung. Dreiundzwanzig Jahre Erfahrung — und angezogen wie eine Bibliothekarin. Mal sehen, wie lange sie durchhält.“
Jemand lachte leise.
Nora Vogel stand am Wasserspender. Sie hatte alles gehört. Ihr Blick traf meinen. Ich wandte mich zum Monitor.
Drei Mal.
Drei Mal innerhalb eines halben Tages.
Das erste Mal auf dem Flur: „Tantchen, geh mal zur Seite“, vor zwei Zeugen. Das zweite Mal dieses verächtliche Grinsen während der Besprechung, als ich ihm eine konkrete Aufgabe gab. Und nun das dritte Mal: „über Beziehungen“, hinter meinem Rücken, aber so platziert, dass es mich erreichen musste.
Ich öffnete den Projektcode auf meinem Bildschirm. Zuerst musste ich verstehen, was bereits vorhanden war. Meine Finger fanden die Tastatur, und mit einem Mal wurde es in mir ruhiger. Das hier war mein Gebiet. Hier zählte kein Geburtsjahr. Hier gab es nur eine einzige Frage: Funktioniert es — oder funktioniert es nicht?
Kurz vor fünf schickte Lukas seinen Code zur Prüfung.
Ich öffnete die Dateien. Zwölf Module, etwas mehr als vierhundert Zeilen. Der persönliche Nutzerbereich — also genau jene Seite, auf der sich ein Mensch anmeldet, seine Daten ändert und nachschauen kann, was er gekauft hat. Keine übermäßig komplizierte Aufgabe, aber eine, die Sorgfalt verlangt. Vor allem, wenn es um Sicherheit geht. Denn hinter so einer Oberfläche stehen keine Spielkonten, sondern echte Menschen mit echten persönlichen Daten.
Lukas kam an meinen Tisch. Die Hände steckten in den Taschen, das Kinn war leicht angehoben, die Kopfhörer hingen um seinen Hals.
„Hab’s geschickt. Läuft alles. Kann ich gehen?“
„Warte kurz.“ Ich scrollte durch den Code. „Setz dich bitte.“
Er setzte sich nicht. Er blieb stehen und verlagerte nur unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
Den ersten Fehler fand ich nach drei Minuten.
Die Passwortprüfung war falsch umgesetzt. Das Programm ließ ein leeres Feld durchgehen. Es war, als hätte man ein Türschloss eingebaut, das aufgeht, sobald man nur an der Klinke zieht. Ohne Schlüssel. Jeder hätte in einen fremden Nutzerbereich gelangen können, ohne das Passwort zu kennen.
„Hier“, sagte ich und zeigte auf die entsprechende Zeile. „Die Prüfung greift nicht. Ein Nutzer kann sich mit leerem Passwort anmelden. Ist dir klar, was das bedeutet? Irgendein Fremder kommt in dein Konto und sieht alles: Name, Adresse, Kartennummer.“
Lukas beugte sich zum Bildschirm.
„Ach so. Ja. Kleinigkeit. Korrigiere ich später.“
„Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Tür ohne Schloss.“
Der zweite Fehler: Nutzerdaten wurden ungeschützt übertragen. So, als würde man einen Brief mit Ausweisdaten nicht in einen Umschlag stecken, sondern auf eine Postkarte schreiben. Jeder, der unterwegs hinsieht, kann mitlesen.
Der dritte: Dieselbe Aktion war an vier verschiedenen Stellen programmiert worden, statt sie einmal sauber auszulagern. Als würde in einem Kochrezept der Satz „Den Ofen auf hundertachtzig Grad vorheizen“ viermal abgedruckt — auf jeder Seite erneut. Dadurch wird ein Programm langsamer, unübersichtlicher und anfälliger für Brüche.
Dann der vierte Fehler. Der fünfte. Der sechste.
Lukas sagte nichts mehr. Seine Ohren waren inzwischen nicht nur rosa, sondern knallrot. So rot wie Krebse auf einer Servierplatte. Die Hände hatte er aus den Taschen genommen und vor der Brust verschränkt.
Beim siebten Fehler zeigte sich, dass das Programm gar nicht prüfte, ob der Nutzer existiert, bevor ihm die Seite angezeigt wird. Wie ein Paketbote, der eine Lieferung zu einer Adresse trägt, ohne vorher festzustellen, ob es dieses Haus überhaupt gibt. Das Paket verschwindet im Nirgendwo. Und die Daten landen bei irgendwem.
„Sieben Fehler“, sagte ich und klappte mein Notizbuch zu. „In gut vierhundert Zeilen. Drei davon kritisch. Wäre dieser Code auf eine echte Website gegangen, hätten die persönlichen Daten der Nutzer offen dagelegen.“
Lukas stand reglos vor mir. Seine Arme hingen jetzt nicht mehr verschränkt vor der Brust, sondern seitlich am Körper. Die Finger waren zu Fäusten geballt.
„Ich bessere es aus“, sagte er leise.
„Natürlich wirst du das. Morgen um zehn Uhr erwarte ich die korrigierte Version. Alle sieben Punkte.“
Er wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.
