„Bis zum letzten Nagel“ — drohend in die Leere gesprochen, während sie das durchtrennte Schloss betrachtete

So schäbig, dass mir das Herz zerspringt.
Geschichten

„Dann baut sie ab. Bis auf den Grund.“

Gegen vier Uhr nachmittags sah das Grundstück aus wie eine Kulisse, die man nach dem Dreh vergessen hatte: leer, ausgeweidet, fremd.

Dort, wo vorher das Gewächshaus gestanden hatte, zogen sich dunkle Streifen frisch aufgerissener Erde hin. Anstelle des kleinen Häuschens blieb nur ein Kasten mit blinden, leeren Fensterhöhlen zurück. Sogar die Pumpe war weg. Aus dem Brunnen ragte nur noch ein abgeschnittenes Stück Seil, einsam wie ein vergessenes Ende.

Ein einziges Zeichen blieb noch zu setzen.

Ich stand mitten in diesem verwüsteten Paradies und hielt das alte Küchenmesser in der Hand, mit dem ich eben noch die Wurzeln der Funkien gelöst hatte.

Dann ging ich in den Schuppen. Das war der einzige Ort, den ich nicht angerührt hatte. Er war schon dagewesen, bevor ich kam.

Auf einem Brett stand dort ein Teekessel. Emaille, am Ausguss angeschlagen. Genau jener Kessel, aus dem Helena Böhm so gern getrunken hatte, während sie seufzte: „Ach, Sophie Köhler, bei dir ist es hier einfach so gemütlich.“

Ich nahm ihn, trug ihn hinaus und stellte ihn mitten auf das Grundstück. Direkt auf die nackte Erde. Genau dorthin, wo einmal mein Blumenbeet gewesen war.

Daneben rammte ich eine Distel in den Boden. Groß, stachelig, widerspenstig.

Bitte sehr. Das ist nun euer Garten, liebe Verwandtschaft.

„Fertig, Chefin! Der Wagen ist voll!“, rief Jonas Krüger.

„Wohin damit?“

„In die Stadt. Ins Lager.“

Der Bumerang kam frei Haus.

Ich war schon auf der Landstraße, als mein Handy beinahe explodierte.

Zuerst rief Franziska Richter an. Gleich danach Helena Böhm.

Ich schaltete auf Lautsprecher.

„WAS HAST DU GETAN?!“ Franziskas Kreischen schnitt mir ins Ohr. „Wir sind angekommen… wir haben Möbel mitgebracht… hier ist nichts mehr! Du hast sogar die Fenster gestohlen!“

„Ich habe nichts gestohlen, Franziska. Ich habe mitgenommen, was mir gehört. Die Quittungen liegen bei mir. Und Zeugen gibt es auch. Ich habe nichts zerstört, sondern alles sauber ausbauen lassen.“

„Mama ist ohnmächtig geworden! Die Polizei ist schon unterwegs!“

„Soll sie kommen. Aber erklär ihnen vorher, auf welcher Grundlage du meine Fenster benutzen wolltest. Die Parzelle gehört dir? Dann nutz sie. Pflanz Kartoffeln in den Lehm. Du bist doch jung und kräftig. Du brauchst das alles ja nötiger.“

Ich beendete das Gespräch.

Zehn Minuten später meldete sich mein Exmann.

„Sophie… das war jetzt wirklich zu viel. Mutter weint, ihr Blutdruck ist fast bei zweihundert. Warum musstest du das machen? Du hättest doch wenigstens etwas stehen lassen können. Wir sind schließlich Familie.“

„Leon Krüger, Familie bedeutet, dass man einander achtet. Wenn man jemanden nur ausnutzt, nennt man das nicht Familie, sondern Ausbeutung. Willst du deiner Mutter helfen? Dann kauf ihr ein neues Gewächshaus. Du hattest doch immer irgendwo Geld übrig. Nur für den Unterhalt hat es merkwürdigerweise nie gereicht.“

Blockiert. Ruhe.

Ein Monat verging.

Mein Balkon in der Stadt hatte sich in einen kleinen Dschungel verwandelt. Die Hortensien gedeihen prächtig in großen Kübeln. Die Pfingstrosen brachte ich zu meiner Schwester; dort werden sie geliebt.

Man erzählt, Franziska Richter habe versucht, auf der „freien Fläche“ irgendetwas anzupflanzen. Doch ohne Pumpe, ohne Schutz und ohne die zehn Jahre Humusschicht, die ich mitsamt den Rasensoden unter den Sträuchern abgetragen hatte, wuchs dort nichts.

Der Boden dort entpuppte sich als schwerer, grauer Lehm.

LebensKlüber