„Bis zum letzten Nagel“ — drohend in die Leere gesprochen, während sie das durchtrennte Schloss betrachtete

So schäbig, dass mir das Herz zerspringt.
Geschichten

Ich blieb stehen und starrte auf das Tor. In den Händen hielt ich Tüten mit edlen Hortensien, schwer vom feuchten Torf, dessen Geruch mir in die Nase stieg.

Über dem Zettel hing ein neues Schloss. Glänzend, frech, modern, mit sauberer Lasergravur. Mein alter kleiner „Krebs“, den ich jeden Frühling eigenhändig geölt hatte, lag im Staub. Mit der Flex durchtrennt.

In meinem Kopf gab es einen Kurzschluss. Wie bei einem alten Fernseher: ein Knall, dann wird der Bildschirm schwarz.

„Helena Böhm“, sagte ich leise in die Leere, „das hätten Sie besser nicht getan. Ich habe Sie gewarnt: Wenn es schäbig wird, räume ich hier alles fort. Bis zum letzten Nagel.“

„Sophie Köhler, bist du das?“ Hinter dem Lattenzaun der Nachbarn tauchte Ella Krause auf. In der Hand wie immer ihre Teetasse, in den Augen blanke Neugier.

„Ja, Ella. Sie haben das Schloss ausgetauscht. Mein Schlüssel passt nicht mehr.“

Ella nahm einen Schluck, schnalzte mit der Zunge und nickte bedeutungsvoll.

„Die waren gestern schon hier zugange. Helena Böhm und Franziska Richter mit ihrem Mann. Franziska hat deine Sitzgruppe im Pavillon betatscht, als wäre sie im Möbelhaus, und ständig geseufzt: ‚Ach, wie schön wir hier im Sommer sitzen werden!‘ Und Helena hat ihr noch zugeredet: ‚Alles ist fertig, du musst nur einziehen. Sophie hat hier jeden Zentimeter auf Hochglanz gebracht.‘ Gute Käufer, weißt du. Aus der Familie.“

Ich sah auf meine Hände hinab. Am Zeigefinger saß eine harte Schwiele vom Gartenschneider. Meine Nägel hatten seit einem Monat keinen Lack mehr gesehen, weil ich seit Wochen pflanzte, grub und schleppte.

Zehn Jahre.

Zehn Jahre lang hatte ich jede Sonderzahlung in dieses Stück Erde gesteckt. Während mein Mann sogar beim Unterhalt knauserte, baute ich mir hier eine eigene kleine Welt. Mist für 150 € pro Fuhre, eine deutsche Pumpe, ein Gewächshaus für 450 €.

Franziska braucht es dringender

Ich setzte mich ins Auto und rief meine Schwiegermutter an.

Es klingelte lange. Schließlich erklang ihre Stimme, süßlich wie Sirup.

„Hallo, Sophiechen? Bist du auf dem Wochenendgrundstück? Ach, ich wollte dich ja noch informieren …“

„Helena Böhm, was soll dieser Zettel? Und warum ist das Schloss gewechselt?“

Am anderen Ende wurde schwer und leidend ausgeatmet.

„Du verstehst das doch, mein Kind. Franziska hat einen Kredit laufen. Und das Grundstück ist nun einmal auf mich eingetragen. Ich bin Mutter, ich musste helfen. Franziska hat es mir abgekauft. Rein symbolisch natürlich. Die Papiere sind schon fertig. Du bist doch ein guter Mensch, Sophiechen. Franziska braucht es eben nötiger. Sei nicht so kleinlich, wir gehören doch zur selben Familie.“

„Zur selben Familie?“ Ich richtete mich auf.

„Helena Böhm, für diese ‚Familie‘ habe ich zehn Jahre lang meinen Rücken krumm gemacht.“

„Laut Unterlagen gehört das Grundstück mir!“, wurde ihre Stimme schlagartig hart. „Ich habe jedes Recht dazu. Und deine Sachen … Franziska meinte, sie bringen sie in die Garage. Falls sie es nicht vergisst.“

Dann piepte es. Sie hatte aufgelegt.

Ich saß da und lauschte dem abkühlenden Motor. Trrr. Trrr.

Gut. Wenn Franziska es dringender brauchte, sollte sie es benutzen. Aber nur das, was ihr wirklich zustand. Und ich würde sehr genau unterscheiden, was davon tatsächlich ihr gehörte.

LebensKlüber