„Nora, mein Schätzchen, wir bleiben wirklich nur zwei Wochen, höchstens!“ jammerte meine Schwiegermutter und schob ihren riesigen Reisesack wie einen Rammbock in unsere Wohnung, ohne die Schuhe auszuziehen

Unverschämte Eindringlinge raubten mir jede erträgliche Würde.
Geschichten

„Das ist unser Schlafzimmer“, sagte ich leise, aber jedes Wort schnitt klar durch den Raum. „Hier schlafen Maximilian und ich.“

Sandra König würdigte mich keines Blickes. Sie hatte bereits Emilia Lehmanns Kosmetiktasche aufgerissen und kippte eine ganze Batterie kleiner Fläschchen, Tiegel und Glasphiolen direkt auf meine Tagesdecke.

„Meine Tochter hat einen Rücken wie ein zerbrechlicher Faden“, erklärte sie scharf. „Sie braucht eine feste, hochwertige Matratze. Eine teure.“

Dann sah sie mich doch an, mit diesem süßlichen Lächeln, das mir inzwischen körperlich wehtat.

„Und du, Nora Meyer, bist jung und kräftig. Dir schadet das Sofa im Wohnzimmer überhaupt nicht. Im Gegenteil, das ist gut für die Haltung.“

Emilia Lehmann nickte zustimmend, wischte sich die Hände an meinen Zierkissen ab und begann seelenruhig, ihre Jeans auszuziehen.

Ich sah zu Maximilian hinüber. Ich wartete darauf, dass er endlich den Mund aufmachte. Dass er wenigstens jetzt sagte, dass es Grenzen gab. Dass dies unser Zuhause war.

Doch mein Mann stieß nur einen schweren Seufzer aus und zog das Laken glatt, ohne mir in die Augen zu sehen.

In diesem Augenblick begriff ich, dass drei Jahre Kreditraten, gemeinsamer Alltag und all meine Kompromisse nur der lange, zähe Vorlauf zu genau dieser Szene gewesen waren.

Ich ging zum Kleiderschrank. Sandra König hatte es in der kurzen Zeit bereits geschafft, meine Sachen auf den Boden zu befördern und stattdessen Emilia Lehmanns Kleidung dort hineinzuhängen.

„Also soll Töchterchen hier schlafen?“, fragte ich.

Meine Stimme klang so ruhig, dass Maximilian zusammenzuckte.

„Natürlich, Nora Meyer“, säuselte Sandra König und zeigte dabei ihre makellosen, porzellanweißen Zähne. „Sei doch nicht so gierig. Eine Familie muss einander helfen.“

Ich antwortete nicht.

Stattdessen griff ich nach Emilia Lehmanns riesigem, prall gefülltem Koffer, den sie noch nicht vollständig ausgepackt hatte. Die Griffe lagen erstaunlich gut in meinen Händen. Für einen absurden Moment nahm ich sogar die solide Qualität der Beschläge wahr und spürte das angenehme Gewicht dieses fremden Besitzes.

„Nora Meyer, was hast du vor?“, fragte Maximilian und stellte sich mir in den Weg.

Ich schob ihn mit der Schulter beiseite. Nicht einmal besonders heftig. Trotzdem taumelte er zurück und prallte gegen die Wand.

Dann trat ich ans Fenster unseres Schlafzimmers, riss mit einer einzigen Bewegung den Flügel auf und ließ den Lärm der abendlichen Stadt hereinströmen.

„Zeit für eine große Bestandsaufnahme, meine Lieben“, sagte ich und hob den Koffer über die Fensterbank.

Emilia Lehmann kreischte, als ihr grellrosa Eigentum in der Dunkelheit des achten Stocks verschwand.

Von unten kam ein dumpfer, satter Aufprall. Gleich darauf klirrte es hell. Offenbar hatte sich darin auch die berühmte Sammlung von Souvenirtellern befunden.

Sandra König blieb wie erstarrt stehen, den Mund offen. Ihr Gesicht wechselte von wütendem Rot zu einem fahlen, erdigen Grau.

„Was… was hast du getan?!“, schrie sie und stürzte so hastig zum Fenster, dass sie beinahe hinterhergefallen wäre.

Ich hatte währenddessen schon die zweite Reisetasche gepackt. Dem Geräusch nach lagen darin Emilia Lehmanns Cremes, Bürsten und ihr Lockenstab.

„Nora Meyer, hör auf!“, rief Maximilian und packte mich am Ellbogen.

Ich sah ihn nur an.

Sofort lösten sich seine Finger.

Auch die zweite Ladung flog hinaus, überschlug sich elegant im Licht der Straßenlaternen und verstreute unterwegs irgendwelche Reklameblättchen.

LebensKlüber