Ich genoss es, Simon so hilflos zu sehen. Es war beinahe körperlich wohltuend, mitzuerleben, wie sein fester Glaube zerbröckelte, die Welt müsse sich um seinen sogenannten strategischen Vorrat drehen. Dieses Gefühl war hässlich, scharfkantig, fast giftig. Und gerade deshalb erschreckte es mich mehr als sein Geschrei.
Dann merkte ich, wie ruhig ich atmete. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr saß mir nicht dieser schwere Knoten in der Brust, den ich mir so lange als „Verantwortung für die Familie“ schön geredet hatte.
Als ich schließlich in die Küche ging, saß Simon am Tisch. Vor ihm stand ein Teller mit einem undefinierbaren schwarzen Klumpen, der vermutlich einmal Rührei hatte werden sollen. Auf der Arbeitsfläche und dem Tisch türmten sich Einkaufstüten aus dem Supermarkt. Er hatte ganz offensichtlich Vorräte gekauft — planlos, hektisch und viel zu teuer. Fertige Wurst- und Käsepackungen, Konservendosen, irgendein Aufstrich, drei verschiedene Brotsorten.
„Mila“, sagte er und hob den Kopf. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. „Lass uns damit aufhören. Gestern… ich bin zu weit gegangen. Ich war wütend. Ich hab überreagiert. Sieh mal, ich habe eingekauft. Für alle. Auch für Mama, falls sie noch einmal vorbeikommt.“
Er schob mir eine Tüte entgegen, gefüllt mit teuren Kleinigkeiten. Ein klassisches Freikaufen. Genau so schicken säumige Kunden Obstkörbe ins Büro, wenn sie hoffen, dass man ihnen die Verzugszinsen erlässt.
„Simon, du hast es immer noch nicht verstanden“, sagte ich und setzte mich ihm gegenüber, ohne die Tüte auch nur anzusehen. „Es geht nicht um Lebensmittel. Und auch nicht nur um diese sechshundert Euro. Das eigentliche Problem ist, dass du meine Rolle in dieser Wohnung wie eine Art kostenlos verfügbare Ressource behandelt hast. Und Ressourcen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie sind irgendwann aufgebraucht.“
Ich nahm mehrere Blätter aus meiner Mappe. Ich hatte sie am Abend zuvor ausgedruckt. Meine berufliche Deformation hatte endlich eine praktische Verwendung gefunden.
Simon runzelte die Stirn. „Was soll das sein?“
„Ein Vertrag über haushaltsnahe Dienstleistungen.“ Ich schob ihm die Papiere über den Tisch. „Wenn wir schon angefangen haben, in rein wirtschaftlichen Kategorien zu sprechen, dann sollten wir wenigstens konsequent bleiben. Da steht alles drin: der Preis für ein zubereitetes Abendessen, der Zeitaufwand für Reinigung, die marktübliche Pauschale für Einkauf und Vorratshaltung. Wenn du möchtest, dass es hier nach Manti riecht und nicht nach verkohltem Ei, wirst du diese Leistungen bezahlen. Aus deinem Reservefonds.“
Er nahm die Seiten in die Hand. Ich beobachtete, wie seine Augen hastig über die Zeilen sprangen. Als er beim Abschnitt „Pflichten und Haftung der Parteien“ ankam, wurde er blass.
„Du… du willst, dass ich dich dafür bezahle, dass du meine Frau bist?“ Seine Stimme kippte. „Mila, das ist doch krank. Das ist zynisch. Das ist ja fast… häusliche Prostitution.“
„Nein, Simon. Prostitution wäre es, wenn jemand zahlt und dafür Vergnügen bekommt. Das hier ist Outsourcing. Du zahlst für Komfort, den du selbst offenbar nicht herstellen kannst. Entweder leben wir als Partner, mit gemeinsamem Budget und gemeinsam getragenen Pflichten. Oder wir leben als Auftraggeber und Dienstleister. Such es dir aus. Aber die frühere ‚vernünftige Mila‘, die Suppe kocht, damit sie sich weiterhin deine Ehefrau nennen darf, gibt es nicht mehr.“
Er starrte mich an, als hätte ich mir vor seinen Augen ein zweites Gesicht wachsen lassen. In seinem Blick lag keine Liebe. Nur ein fieberhafter Versuch, den Schaden zu berechnen.
„Und wenn ich nicht unterschreibe?“, fragte er leise.
„Dann ernährst du dich weiter aus Plastiktüten. Und ich reiche in einem Monat die Vermögensauseinandersetzung ein. Als Finanzberaterin kann ich dir schon jetzt sagen: Das kostet dich ungefähr vierzig Prozent deiner Kapitalisierung. Einschließlich deines Anteils an dieser Wohnung und der Ersparnisse für das Auto.“
Wieder wurde es still in der Küche. Man hörte nur das regelmäßige Tropfen des Wasserhahns. Ich hatte ihn am Tag zuvor mit Absicht nicht reparieren lassen. Das sollte seine erste Aufgabe auf der Liste der sogenannten Männerpflichten werden. Für deren Nichterfüllung hatte ich übrigens ebenfalls Abzüge von seinem Anteil vorgesehen.
Noch am selben Abend unterschrieb er. Ohne wirklich hinzusehen. Mit einer wütenden, großen Bewegung. Danach schleuderte er den Stift auf den Tisch.
Zwei Monate vergingen.
Bremen wurde von den ersten Frühlingsregen blank gewaschen. Unsere Wohnung war nun wieder sauber, und meistens roch es nach Essen. Aber dieser Geruch machte mich nicht mehr glücklich. Simon war schweigsam geworden. Er überwies mir pünktlich die vereinbarten Beträge — „gemäß Vertrag“, wie er jedes Mal in den Verwendungszweck schrieb. Wir waren zu einem vorbildlich organisierten Unternehmen für gemeinsames Wohnen geworden.
Sabine Huber kam nicht mehr „nur kurz auf Manti“ vorbei. Nach jenem Vorfall erklärte sie ihrem Sohn, Mila sei mit ihren Zahlen endgültig verrückt geworden, und beschränkte den Kontakt auf Telefonate. Meine eigene Mutter seufzte ebenfalls lange in den Hörer. „Mila, musste das denn so hart sein? Ein Mann ist doch wie ein Kind. Mit Wärme erreicht man mehr…“
Ich hörte ihr zu und begriff: Sie lebten alle noch in demselben alten Film, in dem die Heldin lächelt, Teller verteilt und am Ende für ihre Geduld belohnt wird. Nur war ich aus diesem Film ausgestiegen.
Eines Abends kam Simon mit einem riesigen Rosenstrauß nach Hause. Keine billigen Nelken, wie er sie mir früher zum Frauentag mitgebracht hatte, sondern echte Rosen, schwer und dunkelrot wie Wein.
„Mila“, begann er und blieb unbeholfen im Flur stehen. „Lass uns diese Papiere zerreißen. Das ist doch Unsinn. Wir sind doch eine Familie. Ich habe es verstanden. Ich war ein Idiot. Wirklich. Ab jetzt überweise ich mein ganzes Gehalt auf ein gemeinsames Konto, ehrlich. Lass uns wieder so sein wie früher.“
Ich sah die Rosen an. Sie waren wunderschön. Trotzdem erkannte ich darin keine Entschuldigung, sondern den Versuch, sich jene Kontrolle zurückzukaufen, die ihm entglitten war. „Wie früher“ bedeutete, dass ich wieder berechenbar werden sollte. Bequem. Verlässlich. Handlich.
Da bemerkte ich, dass meine Finger bereits an meinem Ehering drehten. Mein Kopf hatte noch keine Entscheidung formuliert, aber meine Hand war ihm voraus. Langsam zog ich den Ring ab und legte ihn im Flur auf die schmale Ablage neben die Schlüssel.
„Früher gibt es nicht mehr, Simon. Von jetzt an nur noch anders. Oder gar nicht.“
Ich nahm meinen Mantel.
„Wohin gehst du?“ In seiner Stimme tauchte plötzlich wieder dieser alte, beleidigte Ton auf. „Ich habe Rosen gekauft… Ist das Abendessen fertig?“
„Das Essen steht im Kühlschrank. Du kannst es dir selbst warm machen. Heute ist Samstag. Laut Vertrag ist das meine freie Zeit.“
Ich trat zur Wohnungstür. Und da war sie wieder, diese merkwürdige Spiegelung: Zwei Monate zuvor hatte ich genau an dieser Schwelle gestanden und mich nicht hinausgetraut, gelähmt von der Angst, etwas zu verlieren, das ich Stabilität nannte. Jetzt stand ich erneut dort. Nur fühlte ich diesmal festen Boden unter den Füßen.
Ich machte den ersten Schritt hinaus. Nicht auf der Flucht. Nicht mit einem zugeschlagenen Knall. Sondern einfach, weil ich in mein eigenes Leben ging. Freiheit stellte sich nicht als Fest mit Feuerwerk heraus. Freiheit war ein kleines gemietetes Studio, das ich mir eine Woche zuvor heimlich angesehen hatte. Freiheit waren lange Gespräche mit einem Anwalt und ein Stapel Unterlagen auf einem fremden Küchentisch.
War das ein Sieg? Vielleicht. Aber er schmeckte nach kalt gewordenem Tee.
Ich verzieh Simon. Wirklich. Ich blieb sogar noch einen Monat in der Wohnung, während die Formalitäten liefen. Doch den Ring steckte ich nie wieder an. Er blieb auf der Ablage liegen und sammelte eine feine Staubschicht — ein kleiner goldener Nullpunkt, das Zeichen eines Lebens, das in dem Moment geendet hatte, als man mir „sechshundert Euro für Lebensmittel“ anbot.
Wissen Sie, was ich damals begriffen habe? Manchmal findet man erst zu sich selbst zurück, wenn man den Appetit auf die Spielregeln anderer verliert.
