Sophia Krause war gerade dabei, im Flur die letzten Bahnen zu wischen, als ihr Handy auf der Waschmaschine vibrierte. Auf dem Display erschien eine vertraute Nummer: ihre Schwiegermutter, Sabine Fuchs. Sophia trocknete sich die Hände an ihrer alten Haushose ab, strich über den Bildschirm – und was sie im nächsten Augenblick hörte, ließ ihr den Wischmopp direkt aus der Hand in den Wassereimer fallen.
„Sophia, wir sind an der Haltestelle. Komm uns abholen.“
„An welcher Haltestelle?“ Sophia trat ans Fenster und sah hinaus. Ende Mai, Samstag, elf Uhr vormittags. Eigentlich hatte sie vorgehabt, nach dem Winter gründlich sauber zu machen und sich danach um die Setzlinge zu kümmern.
„Na an unserer. Bei eurem Häuschen. Wir sind mit den Kindern gekommen. Mit Antonias Kindern.“
„Sabine Fuchs, mit welchen Kindern denn? Wovon reden Sie?“

„Wie, mit welchen? Emma, Finn und Emil. Die bleiben jetzt den Sommer über bei uns. Antonia und ihr Mann fliegen in drei Tagen in die Türkei, danach müssen beide wieder arbeiten. Und wohin mit den Kindern? Da habe ich mir gedacht: Warum sollen sie in der Stadt hocken, wenn ihr doch dieses Grundstück habt? Frische Luft, der Fluss nicht weit weg. Wir bleiben erst mal einen Monat. Du freust dich doch, oder?“
Sophia sagte kein Wort. Sie schwieg so lange, dass Sabine am anderen Ende unsicher nachhakte:
„Sophia? Hörst du mich? Ist die Verbindung schlecht?“
„Ich höre Sie, Sabine Fuchs. Sehr gut sogar. Sie hätten wenigstens vorher Bescheid sagen können. Ich weiß ja nicht einmal, womit ich alle füttern soll. Ich habe nur für Lukas und mich fürs Wochenende eingekauft.“
„Ach, stell dich nicht so an, wir werden schon satt. Du bist doch eine tüchtige Hausfrau. Wir laufen schon los, es ist ja nicht weit. Nur die Taschen sind schwer. Komm uns entgegen und hilf ein bisschen.“
Dann war die Leitung tot.
Sophia ließ sich auf den Hocker im Flur sinken und starrte auf den nassen Boden. Der Mopp lag halb im Eimer, das Wasser darin war bereits grau. Eigentlich hätte sie es wegkippen, frisches holen und zu Ende wischen müssen.
Stattdessen blieb sie sitzen und rechnete. Ein Monat. Vier zusätzliche Personen. Die Schwiegermutter und drei Kinder. Ihre Schwägerin Antonia Winter fuhr mit ihrem Mann in die Türkei und ging danach wieder arbeiten. Und sie, Sophia, sollte offenbar den ganzen Sommer über die Betreuerin spielen. Kostenlos. Ohne Absprache. Einfach nur, weil es hier „ein Häuschen, gute Luft und den Fluss“ gab.
Das Haus war nicht aus Gummi. Es war ein schlichtes Fertighäuschen mit vierzig Quadratmetern: zwei Zimmer, eine Küche, eine Veranda. Das Grundstück maß achthundert Quadratmeter. Sophia und Lukas Lehmann hatten es vor sieben Jahren gekauft – mit dem Erbe ihrer Tante. Dafür hatten sie eine kleine Einzimmerwohnung in einer Kreisstadt verkauft und alles dazugelegt, was sie in fünf Jahren mühsam angespart hatten.
Lukas hatte damals gerade in einer Möbelfabrik angefangen, Sophia arbeitete als Technologin in einer Konservenfabrik. Einen Kredit hatten sie vermieden; sie wollten keine Schulden. Dafür gab es auch keinen Luxus. Drei Sommer hintereinander hatten sie das Haus mit eigenen Händen instand gesetzt: isoliert, ausgebessert, das Dach neu gedeckt. Handwerker hatten sie nur für das Fundament geholt, weil sie zu zweit mit Betonmischer und Schalung überfordert gewesen wären.
Mehr war da nicht. Niemand aus Lukas’ Familie hatte auch nur einen Euro in dieses Haus gesteckt. Die Verwandtschaft war ein paarmal zum Grillen gekommen, hatte alles gelobt und war wieder verschwunden. Und nun tat man offenbar so, als sei das Ganze eine Außenstelle eines Ferienlagers.
Sophia stand auf, trug den Eimer hinaus und kippte das schmutzige Wasser in den Garten. Danach spülte sie ihn aus und hängte den Moppaufsatz über den Rand. Anschließend ging sie zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Zehn Eier, ein Päckchen Butter, ein Stück Käse, Milch, Quark, Gurken, eine angebrochene Packung Fleischwurst, Kräuter und saure Sahne. Zum Abendessen hatten sie und Lukas kalte Suppe mit Kartoffeln und Kräutern geplant. Für sechs Personen mehr reichte das natürlich nicht.
Sie zog die Gummistiefel an, die neben der Treppe standen, und ging durch das Gartentor hinaus. Auf dem unbefestigten Weg von der Haltestelle her näherte sich eine kleine Kolonne: Sabine Fuchs in ihrer unvermeidlichen fliederfarbenen Windjacke, hinter ihr drei Kinder verschiedener Größe, jedes mit einer Tasche oder einem Rucksack bepackt. Sabine selbst schleppte eine riesige karierte Reisetasche, wie man sie sonst auf Märkten sieht, wenn Leute Kartoffeln oder Kohl nach Hause tragen.
„Ach, Sophia, da sind wir ja!“ Die Schwiegermutter stellte die Tasche auf den Boden und breitete die Arme aus, als müsse man ihre organisatorische Großtat bewundern. „Kinder, sagt schön guten Tag zur Tante.“
„Guten Tag“, murmelten die drei fast im Chor. Die Älteste, Emma Werner, ein Mädchen von etwa zwölf Jahren, hatte Kopfhörer um den Hals und blickte auf ihr Handy. Finn Köhler, ungefähr zehn, stocherte mit einem Stock im Staub. Der kleine Emil Bergmann, vielleicht sechs Jahre alt, hielt in der einen Hand eine Tüte mit Spielzeugautos und in der anderen eine halb leere Limonadenflasche.
„Guten Tag“, erwiderte Sophia knapp. „Kommt.“
Sie griff nach der schweren Tasche und trug sie zum Tor. Sabine folgte ihr und strich sich dabei die Haarsträhnen zurück, die unter dem Kopftuch hervorgekommen waren.
„Wir dachten schon, es wäre viel heißer, aber hier ist es richtig angenehm. So ein Lüftchen! Kinder, bleibt nicht zurück! Sophia, wo ist Lukas eigentlich?“
„In der Fabrik. Seine Schicht geht bis sechs, danach hilft er noch einem Nachbarn beim Aufbau eines Schranks. Vor acht wird er kaum hier sein.“
„Na, wunderbar. Dann hast du genug Zeit, uns unterzubringen. Räum uns einfach ein Zimmer frei, wir passen da schon zu viert hinein. Ich schlafe auf dem Sofa, die Kinder auf dem Boden. Eine Luftmatratze habe ich mitgebracht. Die ist in der Tasche. Bettwäsche und Handtücher habe ich übrigens auch eingepackt.“
Mitten auf dem Gartenweg blieb Sophia stehen.
„Sabine Fuchs, lassen Sie uns das gleich klären. Im Haus werden Sie nicht wohnen.“
„Wie bitte?“ Die Schwiegermutter hob überrascht die Augenbrauen.
„Es gibt keinen Platz. Wir haben zwei Zimmer. Eines ist das Schlafzimmer von Lukas und mir, das andere ist sein Arbeitsraum, wenn er Aufträge mit nach Hause nimmt. Dort stehen Werkzeuge, Zeichnungen und Material. Sie haben das alles gesehen, als Sie zuletzt hier waren.“
„Dann räumt man das Arbeitszimmer eben für einen Monat aus. Die Werkzeuge können in den Schuppen.“
„Nein. Lukas muss in einer Woche zwei Aufträge abgeben. Er wird abends und am Wochenende daran arbeiten.“
„Dann nehmen wir euer Zimmer.“
„Und wo sollen wir schlafen? Auf der Veranda?“
Sabine presste die Lippen zusammen. Sophia kannte diesen Gesichtsausdruck: gekränkte Empörung, vermischt mit der festen Überzeugung, dass sich die Dinge gleich doch noch zu ihren Gunsten wenden würden, wenn sie nur genügend Druck ausübte.
„Sophia, du verstehst doch, dass wir nicht irgendwo unterkommen können. Es sind schließlich Kinder dabei.“
„Sie werden in der Sommerküche schlafen. Dort ist es sauber, Strom gibt es auch, Klappbetten stehen bereit, und eine elektrische Kochplatte ist vorhanden. Ich habe gestern extra vor der Saison dort geputzt.“
Die Sommerküche befand sich am hinteren Ende des Grundstücks. Früher war es ein Geräteschuppen gewesen. Vor drei Jahren hatte Lukas ihn umgebaut: isoliert, mit Holz verkleidet, Strom gelegt und eine zweiflammige Elektroplatte aufgestellt, die nach der Renovierung ihrer Stadtwohnung übrig geblieben war.
Für einen Wasserkocher oder zum Aufwärmen von Essen reichte es völlig. An der Wand standen Klappbetten, daneben ein altes Regal mit Geschirr und ein Waschbecken. Die Toilette war zwar draußen, aber die Dusche hatten Sophia und Lukas ordentlich gebaut: warm, geschlossen, mit einem Fünfzig-Liter-Boiler.
„Im Schuppen?“ Sabine blieb wie angewurzelt stehen. „Du willst mir ernsthaft zumuten, mit den Kindern in einem Schuppen zu schlafen?“
„Das ist kein Schuppen mehr, sondern eine Sommerküche. Es ist sauber, nicht staubig, und Mücken kommen auch nicht hinein – die Fliegengitter habe ich schon im letzten Jahr angebracht. Vier Klappbetten sind da, also reicht es für alle.“
„Sophia, das kann nicht dein Ernst sein. Ich bin eine erwachsene Frau, ich gehe auf die sechzig zu. Und die Kinder sind klein. Emil ist gerade mal sechs!“
„Sabine Fuchs, Sie sind unangemeldet zu Besuch gekommen. Gäste schlafen dort, wo man ihnen Platz anbietet. Ich habe Sie nicht erwartet, und niemand hat mich gefragt. Deshalb ist das jetzt die einzige Möglichkeit.“
Sie wandte sich ab und ging zum Haus. Die Schwiegermutter blieb einen Moment stehen, dann setzte sie sich ebenfalls in Bewegung. Auch die Kinder trotteten hinterher: Emma nahm den Blick nicht vom Handy, Finn kickte einen kleinen Stein vor sich her, und Emil blieb mit seiner Limonadenflasche in der Hand dicht bei den anderen.
