„Lina Hermann, überweise das Geld sofort wieder zurück auf das Konto!“ rief Beatrice Meyer und stürmte ohne anzuklopfen in die Wohnung, den Kontoauszug fuchtelnd

Herzloses Anspruchsdenken, zutiefst ungerecht und erschütternd.
Geschichten

— fiel Lina ihr ins Wort. — Ich beschäftige mich seit sechs Monaten damit! Ich habe einen Geschäftsplan, eine genaue Kostenaufstellung und sogar schon ein passendes Ladenlokal im Blick.

— Ein Ladenlokal? — Jonas Friedrich wandte sich verblüfft zu seiner Frau. — Du hast schon etwas gefunden? Warum erfahre ich davon erst jetzt?

— Weil du jedes Mal abgeblockt hast, wenn ich versucht habe, mit dir darüber zu reden! — In Linas Stimme brach nun die ganze angestaute Kränkung hervor. — „Später“, „nach dem Urlaub“, „Mama meint, das sei nichts Ernstes“ … Wie lange soll ich denn noch warten?

Beatrice Meyer zog mit einer scharfen Bewegung ihr Handy hervor.

— Schluss mit dieser Aufführung. Ich rufe jetzt bei der Bank an und lasse die Überweisung stoppen.

— Das wird nicht funktionieren. — Lina richtete sich auf. — Das Konto läuft auf meinen Namen. Nur ich habe Zugriff darauf.

Das Gesicht ihrer Schwiegermutter lief dunkelrot an.

— Du undankbares Ding! Wir haben dich in diese Familie aufgenommen, dich versorgt, dir alles gegeben, und du …

— Versorgt? — Jetzt riss auch Lina der letzte Geduldsfaden. — Ich arbeite von zu Hause aus und verdiene nicht weniger als Jonas! Ich koche, putze, wasche und halte hier den ganzen Haushalt am Laufen. Sogar Ihre Rechnungen bezahle ich, wenn Sie sie mal wieder „vergessen“. Mit welchem Recht wollen Sie über mein Erbe bestimmen?

— Mit dem Recht einer Schwiegermutter! — schleuderte Beatrice Meyer ihr entgegen. — In unserer Familie läuft das so. Sämtliches Geld geht durch meine Hände, und ich entscheide, wofür es verwendet wird. Bei der Frau meines ältesten Sohnes war es genauso, und bei dir wird es nicht anders sein.

Lina wurde eiskalt. Elias Weiß’ frühere Frau, Anna Lehmann, hatte sich vor zwei Jahren von ihm scheiden lassen. Damals hatte Beatrice Meyer jedem erzählt, Anna sei eine leichtsinnige Verschwenderin gewesen, die mit Geld nicht umgehen konnte. Erst jetzt begann Lina zu begreifen, was vermutlich wirklich hinter dieser Trennung gesteckt hatte.

— Ach ja? — sagte sie langsam. — Und was ist mit Annas Geld passiert? Mit den dreißigtausend Euro, die ihr Vater ihr zur Hochzeit geschenkt hatte?

Für einen winzigen Moment zuckte Beatrice Meyer zusammen, doch sie fing sich rasch wieder.

— Das geht dich überhaupt nichts an! Anna hat freiwillig zugestimmt, das Geld in ein Familienprojekt zu stecken.

— In welches Projekt? — Lina ließ nicht locker. — In diese angebliche Kosmetikfirma, die nach drei Monaten wieder verschwunden war?

— Mama, stimmt das? — Jonas starrte seine Mutter fassungslos an. — Du hast doch gesagt, Anna hätte alles für Pelzmäntel und Schmuck ausgegeben …

— Halt dich da raus! — fuhr Beatrice ihn an. — Das ist lange her und spielt keine Rolle mehr. Jetzt geht es um etwas anderes.

Lina nahm ihr Handy und tippte eine Nummer ein.

— Was soll das werden? — Beatrice Meyer wirkte plötzlich alarmiert.

— Ich rufe Anna an. Ich möchte ihre Version hören.

— Das wagst du nicht! — Die Schwiegermutter machte einen Schritt auf sie zu und wollte ihr das Telefon entreißen, doch Lina wich rechtzeitig zurück.

— Warum nicht? Haben Sie Angst, dass sie die Wahrheit sagt?

Es tutete einige Male. Dann meldete sich eine vertraute Stimme.

— Lina? Hallo! Das ist ja eine Überraschung.

— Anna, hallo. Entschuldige bitte den frühen Anruf. Darf ich dich etwas fragen?

— Natürlich. Ist etwas passiert?

Lina stellte auf Lautsprecher.

— Anna, erinnerst du dich an das Geld, das dir dein Vater damals zur Hochzeit geschenkt hat? Was ist damit geschehen?

Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Augenblick still.

— Lina, weshalb fragst du danach? Das ist doch ewig her …

— Bitte, Anna. Es ist wichtig.

Ein schwerer Seufzer kam durch den Lautsprecher.

— Beatrice Meyer hat mich überredet, das Geld in ihr Vorhaben zu investieren. Sie versprach mir, ich würde nach einem halben Jahr das Doppelte zurückbekommen. Drei Monate später erklärte sie, das Geschäft sei gescheitert und alles sei verloren. Als ich Belege sehen wollte, machte sie einen Riesenskandal. Sie sagte Elias, ich würde seine Mutter des Diebstahls beschuldigen. Und wie es danach weiterging, weißt du ja.

— Danke, Anna. Es tut mir sehr leid.

— Lina, wenn sie gerade versucht, mit dir etwas Ähnliches abzuziehen, dann lauf. Geh, solange du noch kannst.

Lina beendete das Gespräch. Danach legte sich eine bedrückende Stille über den Raum.

— Also ist es so gewesen, — sagte sie schließlich leise und sah ihre Schwiegermutter an. — Sie sind nichts anderes als eine Diebin.

— Wie kannst du es wagen! — kreischte Beatrice Meyer. — Jonas, hast du das gehört? Deine Frau beleidigt deine Mutter!

Doch Jonas schwieg. Er blickte Beatrice an, als sähe er sie zum ersten Mal in seinem Leben.

— Mama, — brachte er schließlich heiser hervor. — Ist das wahr? Hast du Annas Geld genommen?

— Ich habe es für die Familie eingesetzt! — schrie Beatrice Meyer. — Alles habe ich für euch getan, ihr Undankbaren! Wovon glaubt ihr denn, haben wir das Ferienhaus fertiggebaut? Wovon haben wir Elias das Auto gekauft?

— Dann stimmt es also, — murmelte Jonas und ließ sich schwer aufs Bett sinken. — Du hast Anna ihr Geld weggenommen.

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