— Lina Hermann, überweise das Geld sofort wieder zurück auf das Konto! — Beatrice Meyer stürmte ohne anzuklopfen in die Wohnung und fuchtelte mit einem Kontoauszug in der Luft. — Wie konntest du es wagen, fünftausend Euro abzuheben, ohne mich vorher zu fragen?
Lina blieb wie angewurzelt stehen, die Teetasse noch in der Hand. So hatte sie sich diesen Morgen ganz bestimmt nicht vorgestellt. Beatrice Meyer stand bereits in der Schlafzimmertür, das Gesicht vor Zorn gerötet, in den Augen ein offener Vorwurf.
— Das war das Geld meiner Großmutter, — erwiderte Lina ruhig, obwohl sie spürte, wie ihre Finger zitterten. — Sie hat es ausdrücklich mir hinterlassen. Nicht irgendeiner Familienkasse.
— Familienkasse? — Ihre Schwiegermutter lachte spöttisch auf. — Du gehörst seit vier Jahren zu dieser Familie, meine Liebe. Was dir gehört, gehört uns allen. In unserem Haus war das schon immer so.
Lina stellte die Tasse auf den Nachttisch und richtete sich langsam auf. Hinter ihr wurden Schritte laut: Jonas Friedrich kam aus dem Bad, noch mit nassen Haaren, die er mit einem Handtuch trocken rieb.

— Mama? — fragte er verblüfft. — Was machst du denn so früh hier?
— Frag lieber deine Frau! — Beatrice Meyer stieß ihm den Kontoauszug fast gegen die Brust. — Sie hat heimlich fünftausend Euro vom gemeinsamen Konto genommen!
Jonas nahm das Blatt, überflog die Zeilen und zog die Augenbrauen hoch.
— Lina, stimmt das? Du hast das Geld abgehoben?
— Ja, — sagte sie und nickte. — Gestern. Es ist das Erbe von Oma Ida König, das letzte Woche eingegangen ist. Ich habe es auf ein eigenes Konto übertragen.
— Wozu denn? — Jonas wirkte ehrlich überfordert. — Wir hatten doch abgesprochen, dass größere Beträge auf dem Gemeinschaftskonto bleiben. Mama hat Zugriff darauf, damit sie die Familienfinanzen im Blick behalten kann.
Lina atmete tief ein. Diese Aussprache war ohnehin nicht mehr lange aufzuschieben gewesen.
— Weil ich mein eigenes Kosmetikstudio eröffnen möchte. Erinnerst du dich daran, dass ich vor einem Jahr die Kurse abgeschlossen und alle Zertifikate bekommen habe? Jetzt habe ich endlich das Startkapital.
Beatrice Meyer brach in ein hartes, unangenehmes Lachen aus.
— Ein Kosmetikstudio? Ausgerechnet du? Ein Mädchen, das nicht einmal ein ordentliches Abendessen auf den Tisch bekommt, will plötzlich ein Geschäft führen?
— Was hat denn das Abendessen damit zu tun? — Lina fuhr empört auf. — Ich bin ausgebildete Wimpernstylistin und Brow-Artistin. Außerdem habe ich längst einen festen Kundenstamm.
— Den du dir aufgebaut hast, während du zu Hause gesessen und Unternehmerin gespielt hast! — schnitt Beatrice ihr das Wort ab. — Jonas, nun sag ihr doch etwas! Erklär ihr, dass dieses Geld für wichtigere Dinge gebraucht wird.
Jonas zögerte. Sein Blick wanderte unsicher zwischen seiner Mutter und seiner Frau hin und her.
— Lina, vielleicht hat Mama nicht ganz unrecht, — begann er vorsichtig. — Ein Studio ist ein großes Risiko. Man könnte das Geld doch in etwas Solideres stecken. Zum Beispiel in die Renovierung des Ferienhauses. Mama spricht schon lange davon, dort eine Sauna bauen zu lassen.
— Eine Sauna? — Lina traute ihren Ohren nicht. — Du schlägst mir ernsthaft vor, das Erbe meiner Großmutter für die Sauna deiner Mutter auszugeben?
— Nicht nur für die Sauna! — ergänzte Jonas hastig. — Da müsste noch einiges gemacht werden. Das Dach ist fällig, der Zaun müsste erneuert werden …
— Und all das ist wichtiger als mein Traum? — Linas Stimme bekam einen brüchigen Klang.
Beatrice Meyer trat näher. Ihr Ton wurde plötzlich honigsüß, doch in ihren Augen blieb diese kalte Härte.
— Lina, Liebes, du verstehst doch sicher, dass das Ferienhaus etwas ist, das der ganzen Familie zugutekommt. Dort werden später unsere Enkel ihre Sommer verbringen. Deine Kinder! Und ein Studio … Wenn es schiefgeht, was dann? Dann ist das Geld weg. Das Haus aber bleibt.
— Woher wollen Sie wissen, dass es schiefgeht? — Lina ballte die Hände zu Fäusten. — Sie haben mir nicht einmal die Möglichkeit gegeben, es zu versuchen.
— Weil ich das Leben kenne, Mädchen! — fuhr Beatrice sie an und ließ die freundliche Maske endgültig fallen. — Wie viele Frauen wie du haben ein paar Zeitschriften gelesen, irgendein kleines Studio eröffnet und waren nach einem halben Jahr pleite? Sei nicht töricht. Überweise das Geld zurück!
Lina sah zu ihrem Mann hinüber und hoffte, in seinem Gesicht Unterstützung zu finden. Doch Jonas wich ihrem Blick aus.
— Jonas, — sagte sie leise. — Sag wenigstens irgendetwas. Es ist mein Erbe. Meine Großmutter wollte, dass ich selbst darüber entscheide.
— Mama, vielleicht sollten wir Lina es versuchen lassen, — schlug er unsicher vor. — Falls es nicht klappt, können wir den Rest immer noch ins Ferienhaus stecken …
— Den Rest?! — Beatrice Meyer schnappte nach Luft. — Was für einen Rest? Sie wird alles für ihren Unsinn verpulvern! Miete, Geräte, Werbung — hast du überhaupt eine Vorstellung, was so etwas kostet?
— Das weiß ich sehr genau!
