„In meinem Saal stellt man keine überflüssigen Fragen.“ sagte die Restaurantleiterin und schob das Glas mit zwei Fingern weg, ahnungslos, wen sie da zurechtwies

Diese schamlose Demütigung fühlte sich tief ungerecht an.
Geschichten

»Sie gehen jetzt hier hinaus«, flüsterte er. »Und vergessen jedes Wort, das man Ihnen eingeredet hat. Menschen jammern gern, besonders dann, wenn sie keine Lust zum Arbeiten haben.«

»Und Sie sprechen gern im Namen aller.«

»Ich leite diesen Betrieb.«

»Noch.«

Alexander Hermann wurde so plötzlich blass, dass Sandra König unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

»Was soll das heißen — noch?«

Ich nahm das Tuch vom Kopf. Danach öffnete ich meine Tasche, zog meinen Ausweis heraus und die Eigentümerkarte, die ich nie bei den gewöhnlichen Unterlagen aufbewahrte.

»Das bedeutet, Alexander, dass die Aushilfsputzfrau ihre Schicht für heute beendet hat. Und dass die Inhaberin der Kette jetzt mit der Prüfung beginnt.«

Lena Werner schlug sich die Hand vor den Mund. Emilia Krüger richtete sich kerzengerade auf. Anton König hörte auf, verlegen von einem Fuß auf den anderen zu treten, und stellte sich plötzlich fester hin.

Sandra öffnete die Lippen, brachte jedoch keinen Laut hervor.

Alexander war der Erste, der sich wieder fing.

»Tante«, sagte er, nun mit völlig anderer Stimme. »Du hast also eine Vorstellung inszeniert?«

»Nein. Ich wollte sehen, wie unser Restaurant von unten aussieht.«

»Du hättest mich einfach rufen können.«

»Drei Jahre lang habe ich dich gerufen und mir makellose Berichte angehört.«

»Weil ich die Kette zusammengehalten habe.«

»Heute habe ich gesehen, worauf du sie gebaut hast.«

Hastig blickte er zu den Angestellten hinüber.

»Lass uns das nicht vor Publikum besprechen. Die Leute verstehen keine unternehmerischen Entscheidungen.«

»Die Leute verstehen sehr genau, wenn man sie erniedrigt.«

Da erwachte Sandra plötzlich aus ihrer Starre.

»Katharina Ludwig, Sie haben das falsch verstanden. Ich habe nur nach den Anweisungen gehandelt, die ich bekommen habe. Mir wurde gesagt, ich solle sparen.«

»Von wem?«

Ihr Blick glitt zu Alexander.

»Ich frage Sie, Sandra König.«

»Von Alexander Hermann.«

»Das ist gelogen«, fuhr er scharf dazwischen. »Ich habe gesagt, dass Ausgaben kontrolliert werden müssen. Nicht, dass hier jeder nach Belieben schalten und walten soll.«

»Sie haben gesagt, dass den Reinigungskräften kein Mittagessen zusteht«, sagte Lena leise.

»Lena«, Alexander wandte sich zu ihr. »Halten Sie sich da raus.«

»Ich habe mich schon heute Morgen eingemischt, als ich ihr Tee hingestellt habe.«

Emilia machte einen Schritt nach vorn.

»Und in der Liste wurde an meiner Stelle unterschrieben.«

Anton hob die Hand.

»Ich habe außerdem gesehen, wie Lebensmittel auf dem Papier abgeschrieben wurden, obwohl in der Küche viel weniger ankam.«

»Genug«, sagte Alexander. »Sind jetzt plötzlich alle mutig geworden?«

»Nein«, erwiderte ich. »Du bist nur nicht länger die einzige Stimme in diesem Raum.«

Wieder wechselte er die Rolle. Seine Stimme wurde weicher, fast vertraulich.

»Tante, du siehst nur die eine Seite. Morgen haben wir einen entscheidenden Termin wegen der neuen Fläche. Wenn du jetzt eine Prüfung lostrittst, verlieren wir die Anzahlung.«

»Dreitausend Euro?«

Er zuckte zusammen.

»Du hast das Gespräch gehört?«

»Ich habe gehört, dass du ohne meine Zustimmung unterschreiben wolltest.«

»Das ist Wachstum für die Kette.«

»Das ist eine Verpflichtung, zu der du nicht befugt bist.«

»Ich habe eine Vollmacht.«

»Für das Tagesgeschäft. Nicht für neue Mietobjekte.«

»Der Anwalt wird das bestätigen.«

»Dann rufen wir ihn an.«

Er sah mich mit schwerem Blick an. Schließlich zog er sein Handy hervor und wählte eine Nummer. Diesmal klang er längst nicht mehr so sicher wie am Nachmittag.

»Christian, guten Abend. Eine Frage zu meiner Vollmacht. Fällt ein neuer Mietvertrag unter meine laufenden Befugnisse?«

Am anderen Ende dauerte es einen Moment, bis eine Antwort kam. Ich hörte nur eine ruhige Männerstimme, aber es reichte.

»Es ist die schriftliche Zustimmung der Eigentümerin erforderlich«, wiederholte Alexander laut und zog sofort die Stirn kraus. »Verstanden.«

Er beendete das Gespräch.

»Christian sichert sich nur ab.«

»Christian liest die Unterlagen.«

»Wenn du den Vertrag jetzt stoppst, bekommen wir die Anzahlung nicht zurück. Und alle werden erfahren, dass du persönlich die Erweiterung verhindert hast.«

»Alle werden erfahren, wer Geld angewiesen hat, ohne unterschriftsberechtigt zu sein.«

Er kam noch einen Schritt näher.

»Mach das nicht vor den Leuten. Ich gehöre zur Familie.«

»Familie ersetzt keine Ehrlichkeit.«

»Ich habe diese Kette groß gemacht.«

»Groß gemacht haben sie die Menschen, denen du heute den Mund verbieten wolltest.«

Sandra sagte leise:

»Katharina Ludwig, die Mappe mit den Essenslisten liegt im Büro.«

Alexander fuhr zu ihr herum.

»Was tust du da?«

»Ich rette mich selbst«, antwortete sie. »Ich werde nicht allein für Ihre Anweisungen geradestehen.«

»Die Schlüssel«, sagte ich.

Sandra zog einen Schlüsselbund hervor. Ihre Hand zitterte.

»Alles liegt in der unteren Schublade.«

Wir gingen ins Büro. Emilia, Lena und Anton blieben in der Tür stehen. Ich schloss die Schublade auf und fand eine Mappe mit Abrechnungslisten, sauber nach Monaten sortiert.

Auf dem obersten Blatt standen genau jene Unterschriften: glatt, ordentlich, bequem — als hätten die Menschen nicht gegessen, sondern lediglich eine fremde Ordnung bestätigt.

»Das sind interne Arbeitsunterlagen«, sagte Alexander. »Die dürfen nicht mitgenommen werden.«

»Niemand nimmt sie mit. Wir halten nur fest, was hier liegt.«

»Du bist keine Prüferin.«

»Ich bin die Eigentümerin.«

Er verstummte.

Ich breitete die Blätter auf dem Schreibtisch aus.

»Emilia, zeigen Sie mir bitte Ihre Unterschrift.«

Sie trat näher, nahm einen Stift und unterschrieb auf einem leeren Blatt. Die Schrift war völlig anders. Lena tat es ihr gleich. Anton wies auf eine Zeile, in der sein Name an einem Tag stand, an dem er überhaupt nicht im Dienst gewesen war.

Sandra lehnte an der Wand und sprach immer schneller, als hätte sie Angst, der Mut könne ihr gleich wieder entgleiten.

»Man hat mir fertige Listen gebracht. Ich habe nur die Schicht abgeschlossen. Mir wurde gesagt, sonst würde das Restaurant die Kosten nicht tragen.«

»Wer hat Ihnen diese Listen gebracht?«, fragte ich.

»Alexander Hermann.«

»Sandra«, sagte er warnend.

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Heute haben Sie gesagt, wenn Fragen auftauchen, wäre ich schuld. Aber ich will nicht allein übrig bleiben.«

Alexander sah sie an, als hätte sie ihm eine sorgfältig einstudierte Rolle verdorben.

»Du hast die Prämien selbst genommen.«

»Mit Ihrer Erlaubnis.«

»Du wolltest doch das Geld.«

»Und Sie wollten, dass alle schweigen.«

Ich hob die Hand.

»Schluss. Ab jetzt sprechen nur noch die Dokumente.«

Ich rief unsere Hauptbuchhalterin Helena Roth an. Sie arbeitete seit vielen Jahren mit mir zusammen und erkannte meine Stimme zuverlässiger als mancher Verwandte.

»Helena Roth, guten Abend. Ich brauche sämtliche Zahlungen des Restaurants in der Gartenstraße und alle Unterlagen zur Anzahlung für die neue Fläche.«

»Katharina Ludwig?«, fragte sie überrascht. »Alexander Hermann sagte, Sie seien auf Reisen.«

»Ich bin im Restaurant.«

Die Pause war kurz, aber sehr deutlich.

»Verstanden. Ich schicke alles an Ihre private E-Mail-Adresse.«

»Und sperren Sie Zahlungen von allen Konten, bis ich sie persönlich freigebe.«

»Ich erledige es sofort.«

Alexander drehte sich abrupt zu mir um.

»Du legst die Arbeit lahm.«

LebensKlüber