»Gesehen? Hier wird alles von oben entschieden.«
»Habe ich gesehen.«
»Dann sorgen Sie dafür, dass Ihr Blick auch unten bleibt.«
Ich nickte nur und wandte mich wieder meinem Eimer zu.
Nach der Mittagspause trat Emilia Krüger zu mir. In ihren Augen lag noch immer diese wache, offene Geradheit, die man in diesem Haus offenbar mit aller Kraft auszutreiben versuchte. Sie trug einen Stapel Teller vor sich her und blieb neben mir stehen, als sei es reiner Zufall.
»Legen Sie sich nicht mit denen an«, murmelte sie. »Sonst sind Sie Ihre Schicht los.«
»Und was haben Sie verloren?«
Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, in dem nichts Fröhliches lag.
»Dienstplan. Geld. Ruhe.«
»Weshalb?«
»Wegen der Listen. Ich habe mich einmal geweigert, für ein Essen zu unterschreiben, das ich nie bekommen habe. Sandra sagte, ich würde aufmucken. Danach erklärte mir Alexander Hermann, die Kette sei groß, die Kosten seien kompliziert, und ich sei eben nur eine kleine Angestellte.«
»Haben Sie ihm das abgenommen?«
»Nein. Aber ich brauche diese Arbeit.«
Ich wrang den Lappen aus und schob den Eimer näher an die Wand.
»Gibt es irgendetwas außer Ihren Worten?«
Emilia wurde sofort vorsichtig.
»Wozu wollen Sie das wissen?«
»Um herauszufinden, wo die Wahrheit liegt.«
Eine Weile musterte sie mich schweigend. Dann zog sie aus ihrer Tasche ein zusammengefaltetes Blatt.
»Keine Ahnung, warum ich es aufgehoben habe. Vielleicht, damit ich mir selbst nicht einrede, ich hätte mir alles nur eingebildet.«
Auf dem Papier war die Kopie einer Abrechnungsliste zu sehen. Unten standen die Unterschriften der Mitarbeiter. Neben Emilias Namen befand sich eine Signatur, die eindeutig nicht ihre war.
»Das ist nicht Ihre Unterschrift?«, fragte ich.
»Nein. An dem Tag habe ich ausdrücklich nicht unterschrieben.«
»Wer war es dann?«
»Ich weiß es nicht. Aber das Blatt ging anschließend an Sandra.«
»Darf ich die Kopie behalten?«
»Nur, wenn Sie nicht sagen, dass Sie sie von mir haben.«
»Das werde ich nicht.«
Emilia presste die Lippen zusammen.
»Sie sind seltsam, Katharina Ludwig. Normale Aushilfen stellen solche Fragen nicht.«
»Normale Aushilfen sehen oft mehr, als man glaubt. Man hört ihnen nur nicht zu.«
Sie wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment schlug im Flur die Bürotür. Alexander Hermann telefonierte. Ich nahm meinen Eimer und ging langsam weiter, als müsste ich ausgerechnet vor der Schwelle noch einmal gründlich wischen.
»Nein, morgen unterschreiben wir«, sagte er. »Die Inhaberin wird keine Einwände haben. Sie mischt sich schon lange nicht mehr ins Tagesgeschäft ein.«
Ich blieb an der Wand stehen und fuhr mit dem Lappen über eine Stelle, die längst sauber war.
»Die Anzahlung geht heute raus«, fuhr er fort. »Dreitausend Euro. Den Rest begleichen wir nach der Eröffnung.«
In mir wurde es mit einem Mal kalt und vollkommen klar. Ein neues Objekt? Eine Anzahlung? Ohne meine Zustimmung?
Alexander schwieg kurz, hörte seinem Gesprächspartner zu und sagte dann:
»Machen Sie sich keine Sorgen. Die Unterlagen liegen bei mir. Katharina Ludwig unterschreibt später, wie immer. Entscheidend ist, dass wir uns den Standort sichern.«
Er beendete das Gespräch und trat hinaus. Als er mich neben der Tür bemerkte, blieb sein Blick an mir hängen.
»Was machen Sie hier?«
»Ich putze.«
»In mein Büro gehen Sie nicht.«
»Die Tür war zu.«
»Dann halten Sie auch Ihre Ohren geschlossen, wenn die Geschäftsleitung spricht.«
»Ich werde mich bemühen«, sagte ich.
Er runzelte die Stirn, als wolle er mich genauer betrachten. In diesem Augenblick kam Sandra König heran.
»Alexander, wegen der Verpflegung ist alles vorbereitet.«
»Gut. Und reden Sie auch noch einmal mit den Leuten. Morgen könnte jemand aus der Zentrale auftauchen.«
»Werden die wieder Fragen stellen?«
»Falls ja, antworten Sie. Alle sollen dasselbe sagen.«
»Und was genau?«
»Dass jeder, dem während der Schicht Verpflegung zusteht, sie auch bekommt.«
»Und die Reinigungskräfte?«
Alexander lachte kurz und trocken.
»Die Reinigungskräfte sollen am besten gar nichts sagen.«
Ich senkte den Blick, damit er mein Gesicht nicht lesen konnte.
Der erste Schlag zeichnete sich deutlich ab: In diesem Restaurant wurden Menschen klein gehalten, und Geld verschwand hinter ordentlich aussehenden Listen. Doch jetzt war noch etwas hinzugekommen. Alexander versuchte, die ganze Kette in einen Vertrag hineinzuziehen, den ich nie genehmigt hatte.
Wenn ich alles sofort offenlegte, würde er behaupten, ich hätte die Expansion sabotiert und den Schaden selbst verursacht. Es genügte also nicht, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich musste verhindern, dass eine fremde Unterschrift irgendwann zu meinem Problem wurde.
Gegen Abend rief Sandra die Beschäftigten in den Nebenraum.
»Morgen kann eine Kontrolle kommen«, verkündete sie. »Deshalb hören jetzt alle gut zu. Auf Fragen wird ruhig geantwortet. Die Verpflegung wird nach Vorschrift ausgegeben. Es gibt keine Beschwerden. Und der Arbeitsablauf ist jedem klar.«
Lena Werner stand am Herd und sagte kein Wort. Emilia Krüger blickte zur Seite. Der junge Lagerarbeiter Anton König trat unruhig von einem Fuß auf den anderen; man sah ihm an, dass er etwas sagen wollte, aber den Mut nicht fand.
»Und wenn jemand direkt fragt?«, sagte Emilia.
Sandra drehte sich langsam mit dem ganzen Körper zu ihr.
»Emilia, möchten Sie wieder die besonders Kluge spielen?«
»Ich möchte nicht lügen.«
»Dann möchten Sie offenbar Ihre Stelle verlieren.«
»Man verliert Stellen nicht nur wegen der Wahrheit«, sagte ich.
Alle Köpfe wandten sich zu mir.
Sandra lächelte langsam.
»Ach, unsere Aushilfe hat eine Stimme. Wer hat Ihnen erlaubt zu reden?«
»Niemand. Ich habe es mir selbst erlaubt.«
»Dann dürfen Sie auch gleich selbst Ihre Schürze abgeben. Sie sind entlassen.«
»Meine Schicht ist noch nicht vorbei.«
»Für Sie schon.«
»Und mein Lohn?«
»Den gibt es nicht«, sagte Sandra. »Bei Disziplinverstößen besteht kein Anspruch.«
»So wie beim Essen?«
»Ganz genau. Sie fangen an zu begreifen.«
Alexander Hermann betrat den Nebenraum, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet.
»Was ist jetzt schon wieder?«
»Die Reinigungskraft bringt die Leute durcheinander«, sagte Sandra. »Ich habe sie rausgenommen.«
Er sah mich an, diesmal ohne das frühere spöttische Lächeln.
»Katharina Ludwig, ich hatte Sie gewarnt. Für Eigenmächtigkeiten ist hier kein Platz.«
»Aber für fremde Unterschriften schon?«
Im Raum wurde es schlagartig still.
»Was haben Sie gesagt?«, fragte er.
»Ich spreche von der Liste. Dort stehen Unterschriften von Leuten, die nie unterschrieben haben.«
Sandra machte einen heftigen Schritt nach vorn.
»Das ist gelogen.«
»Dann zeigen Sie das Original.«
»Einer Reinigungskraft?«
»Einem Menschen, dem Sie Lohn und Essen verweigern.«
Alexander kam näher.
»Für eine Aushilfe treten Sie erstaunlich selbstsicher auf.«
»Und Sie unterschreiben erstaunlich selbstsicher Dinge, die Sie gar nicht unterschreiben dürfen.«
Er erstarrte. Sandra sah zuerst ihn an, dann mich.
»Alexander, was redet sie da?«
»Schweigen Sie«, sagte er zu ihr.
Jetzt sah ich es deutlich: Er begriff, dass dieses Gespräch eine andere Richtung nahm. Noch hatte er nicht alles verstanden, aber er spürte bereits, wie der Boden unter seinen Füßen nachgab.
»Wer hat Sie geschickt?«, fragte er.
»Mein Gewissen.«
»Machen Sie sich nicht lächerlich.«
»Ich bin nicht hier, um Sie zu amüsieren.«
Er trat dicht an mich heran, senkte die Stimme und sagte:
