Eine bleierne Pause legte sich über die Verbindung. Selbst der Straßenlärm, der eben noch im Hintergrund zu hören gewesen war, schien plötzlich weit weg zu rücken.
„Was heißt das, sie packen?“ Andreas’ Stimme klang unsicher, dann gereizt. „Habt ihr euch schon wieder gestritten? Laura, bitte, nicht schon wieder. Meine Mutter ist nicht mehr die Jüngste, sie hat Bluthochdruck. Sei doch vernünftiger, gib ein bisschen nach. Worum geht es diesmal? Um ein Beet mit Dill?“
„Andreas, hör mir jetzt sehr genau zu“, fiel Laura ihm ins Wort. Ihre Stimme war nicht mehr ruhig, sondern hart wie Metall. „Ich bin ins Haus gekommen und habe gesehen, wie deine Mutter und deine Schwester gebratenes Fleisch und Kuchen essen. Und mein Sohn saß in der Ecke auf diesem durchgesessenen Sofa und würgte kalte, trockene Kartoffeln hinunter. Aus einem Plastikteller. Weil er angeblich bestraft werden musste, weil er im Hof hinter einem Ball hergelaufen ist. Sie haben ihm absichtlich nichts Vernünftiges zu essen gegeben. Während Finn Mayer ganz normal am Tisch saß und Kuchen gegessen hat.“
Andreas sagte nichts. Nur sein Atem war zu hören, abgehackt und schwer.
Laura ließ ihm keine Gelegenheit, sich zu sammeln. „Ich habe ihnen zwei Stunden gegeben, um ihre Sachen zu nehmen. Wenn sie in einer Stunde nicht freiwillig weg sind, rufe ich die Polizei. Und noch etwas: Deine Mutter und deine Schwester betreten mein Ferienhaus nie wieder. Nicht diesen Sommer. Nicht nächstes Jahr. Gar nicht mehr.“
Sie rechnete damit, dass er sofort Partei für die beiden ergreifen würde. Dass er von Erziehung sprechen würde, von Übertreibung, von einem Missverständnis. Dass er sagen würde, Kartoffeln seien schließlich auch Essen. Innerlich stellte sie sich bereits auf einen hässlichen Streit ein, vielleicht sogar auf das Ende ihrer ohnehin noch jungen Ehe.
Doch Andreas atmete nur tief aus, direkt in den Hörer.
„Ich habe verstanden.“
Laura blinzelte. „Das ist alles?“
„Was soll ich denn jetzt sagen?“ In seiner Stimme lag eine dumpfe, erschöpfte Müdigkeit. „Wenn sie wirklich so weit gegangen sind … sich an einem fremden Kind über Essen auszulassen, ist unterste Schublade, Laura. Dafür werde ich sie nicht verteidigen. Sie sollen nach Hause fahren. Heute Abend sehen wir uns, dann reden wir in Ruhe.“
Laura beendete das Gespräch. Triumph empfand sie nicht. Auch keine Erleichterung darüber, dass ihr Mann sich nicht gegen sie gestellt hatte. In ihr war nur noch eine riesige, saugende Leere, dazu eine Müdigkeit, die ihr bis in die Muskeln kroch.
Eine Stunde und zwanzig Minuten später ging sie wieder nach unten. Im Flur standen drei prall gefüllte Reisetaschen und zwei Plastiktüten mit Kleidung. Emilia Schmitt stand vor dem Spiegel, fuhr sich fahrig durchs Haar und zog nervös die Lippen nach. Johanna Otto saß auf dem kleinen Hocker im Eingangsbereich, eine Hand dramatisch auf die Brust gepresst, und atmete laut, stoßweise, als stünde sie kurz vor einem Zusammenbruch. Finn Mayer zerrte an Emilias Ärmel, quengelte, er wolle seinen Rucksack nicht tragen und schon gar nicht bei dieser Hitze zu irgendeinem Bahnhof laufen.
Laura ging wortlos in die Küche, füllte eine Plastikflasche mit kühlem Wasser aus dem Filter und brachte sie in den Flur. Sie stellte sie auf das Schränkchen neben Johanna Otto.
„Für unterwegs“, sagte sie knapp.
Johanna drehte den Kopf zur Wand, presste verächtlich die Lippen zusammen und rührte die Flasche nicht an.
„Diesen Tag wirst du noch bereuen, Laura“, zischte Emilia, während sie die schwerste Tasche an den Riemen hochriss. „Glaubst du ernsthaft, Andreas lässt sich gefallen, dass du seine Mutter wie Dreck behandelst? Er wird dich genauso hinauswerfen, wie du uns jetzt hinauswirfst! Männer kommen und gehen, aber Familie bleibt.“
„Andreas weiß Bescheid“, schnitt Laura ihr den Redeschwall ab. „Ich habe eben mit ihm gesprochen. Er hat gesagt, ihr sollt nach Hause fahren. Und verteidigt hat er euch nicht.“
Die Worte trafen Emilia wie ein Eimer Eiswasser. Sie erstarrte mit offenem Mund. Die Tasche glitt ihr aus der Hand und schlug dumpf auf den Boden. Johanna Otto hörte auf der Stelle auf, röchelnd zu atmen, richtete sich kerzengerade auf und starrte Laura mit einem Blick an, der plötzlich völlig gesund war und vor Hass brannte.
„Das hat er nicht gesagt!“, schrie Emilia. „Du lügst!“
„Ihr könnt ihn sofort anrufen und nachfragen. Aber bitte auf dem Weg zur Station. Eure Zeit ist vorbei. Raus.“
Sie gingen ohne ein weiteres Wort. Laura blieb auf der Veranda stehen, lehnte mit der Schulter an den hölzernen Pfosten und sah zu, wie Emilia die Taschen über den Kiesweg schleifte, während Johanna Otto hinter ihr hertrippelte und den unzufriedenen, jammernden Finn Mayer an der Hand zog. Das Gartentor fiel mit einem rostigen Quietschen ins Schloss.
Laura wartete noch einige Minuten, bis die drei hinter der Biegung der staubigen Ferienhausstraße verschwunden waren. Erst dann ging sie zurück ins Haus.
Sie schloss die Haustür zweimal ab. Danach trat sie in die Küche. Auf dem Tisch standen noch die Reste ihres Mahls: ein angebrochener Salat, angebissene Kuchenstücke, Wurstscheiben, die bereits an den Rändern trocken wurden. Laura holte einen großen Müllbeutel und schob alles hinein, ruhig, gründlich, ohne sichtbare Regung. Anschließend spülte sie Pfanne und Teller, wischte die Arbeitsflächen und den Tisch so lange mit einem feuchten Tuch ab, bis alles glänzte, als wollte sie jede Spur dieser Menschen aus dem Haus tilgen.
Dann kochte sie für Elias Schmitt etwas zu essen. Sie setzte Nudeln auf, briet zwei Würstchen an und schnitt frische Gurken und Tomaten aus den Tüten, die sie an diesem Tag mitgebracht hatte. Sie saßen zu zweit am sauberen Küchentisch. Elias aß mit großem Appetit und trank dazu Kirschsaft. Immer wieder warf er seiner Mutter verstohlene Blicke zu. In seinen Augen lag nicht mehr dieser eingeschüchterte, gehetzte Ausdruck. Nach und nach entspannte er sich.
Am Abend saß Laura hinter dem Steuer ihres Autos. Elias schlief fest angeschnallt auf der Rückbank, die Wange auf einen zusammengerollten Pullover gebettet. Sie fuhren über die Landstraße und ließen die Stadt immer weiter hinter sich. Draußen zogen dunkle Baumreihen vorbei, ab und zu flammten die Scheinwerfer entgegenkommender Wagen auf.
Noch vom Ferienhaus aus hatte Laura die Eltern ihres ersten Mannes angerufen, während Elias seine Nudeln aufaß. Christina Ludwig und Christian Meier lebten in einem großen Dorf, etwa hundertfünfzig Kilometer von der Stadt entfernt. Von ihrem früheren Mann hatte Laura sich vor fünf Jahren getrennt. Er war damals für längere Arbeitseinsätze fortgegangen, hatte sich später eine neue Familie aufgebaut und tauchte im Leben seines Sohnes höchstens einmal im Jahr zum Geburtstag auf. Elias’ Großeltern dagegen liebten ihren Enkel grenzenlos. Sie mischten sich nie ungefragt in Lauras Privatleben ein, verurteilten sie nicht wegen ihrer neuen Ehe und waren einfach immer da, wenn Hilfe gebraucht wurde.
Als Laura fragte, ob sie Elias für einen Monat zu ihnen bringen könne, war Christina Ludwig am Telefon so begeistert, dass Laura den Hörer ein Stück vom Ohr wegnehmen musste.
„Laura, was fragst du denn überhaupt! Natürlich bringst du ihn her, meinetwegen den ganzen Sommer! Morgen heizen wir ihm die Sauna an, und Opa hat ihm schon eine neue Angel gekauft. Er wartet seit Tagen darauf, mit ihm an den Teich zu gehen, sortiert ständig seine Haken und Schnüre. Die Erdbeeren sind reif, süß und aus dem eigenen Garten, und morgens holen wir frische Milch von den Nachbarn. Lass den Jungen hier herumlaufen, Luft schnappen und zu Kräften kommen. Dieses Ferienhaus braucht er überhaupt nicht!“
Laura hörte diese warme, aufrichtige Stimme, in der kein Vorwurf und keine versteckte Absicht lag, und zum ersten Mal an diesem verrückten Tag brannten ihr verräterisch die Augen. Sie blinzelte die Tränen fort, atmete tief ein und umklammerte das Lenkrad fester.
Als sie das Dorf erreichten, war die Sonne längst untergegangen. Vor dem großen Holzhaus mit den geschnitzten Fensterrahmen brannte Licht auf der Veranda. Man hatte auf sie gewartet. Christian Meier, ein kräftiger, grauhaariger Mann im karierten Hemd, trat durch das Gartentor, beugte sich sofort ins Auto und hob den schlaftrunkenen Elias vorsichtig vom Rücksitz.
„Na sieh mal einer an, was für ein schwerer Kerl du geworden bist“, brummte er mit tiefer Stimme und trug seinen Enkel ins Haus. „Komm, mein Junge, ich zeige dir gleich, was für fette Würmer wir für morgen ausgegraben haben. Die sitzen schon im Glas und warten nur auf dich.“
Christina Ludwig erschien auf der Veranda und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab.
