Doch das moderne Induktionsfeld ließ sich nicht mit einem einfachen Dreh am Knopf überreden. Es verlangte eine bestimmte Reihenfolge von Berührungen, Symbole und Tasten, die Sabine Köhler sonst grundsätzlich überging, weil sie jedes Mal verlangte, Emilia solle „dieses Höllengerät“ gefälligst selbst anmachen.
Da meldete sich das Telefon auf dem kleinen Schränkchen mit einem hellen Ton. Widerwillig nahm sie es in die Hand. Eine Nachricht von Emilia: „Die Anleitung für den Herd liegt in der ersten Schublade unter der Spüle. Das WLAN-Passwort ist unser Hochzeitsdatum, Leon hat es Ihnen gestern gesagt. In der Liefer-App ist meine Karte hinterlegt. Sie können Lebensmittel bis 20 € bestellen. Bitte nichts Überflüssiges auswählen.“
Sabine spürte, wie ihr die Wut heiß in den Kopf stieg. Am liebsten hätte sie das Handy gegen die Wand geworfen. Stattdessen starrte sie einige Sekunden auf den Bildschirm und öffnete dann doch die App. Die Fotos von Brötchen, Fleisch, Gemüse und fertigen Gerichten sahen eindeutig zu verführerisch aus.
Als Emilia und Leon am Abend nach Hause kamen, schlug ihnen schon im Flur ein Duft entgegen, der so kräftig und appetitlich war, dass beide stehen blieben.
„Wow“, sagte Leon und trat in die Küche. „Frikadellen? Mama, du hast also doch noch Mehl gefunden?“
„Ich habe Paniermehl bestellt“, erwiderte Sabine knapp, ohne ihre Schwiegertochter anzusehen. „Und Fleisch. Und Gemüse.“
Auf dem Tisch wartete eine Pfanne mit goldbraun gebratenen Frikadellen, daneben stand ein Topf mit Kartoffelpüree.
„Setzt euch“, befahl Sabine. „Sonst heißt es am Ende wieder, ich ließe euch verhungern.“
Emilia nahm ruhig Platz, griff zur Gabel und schnitt sich ein kleines Stück von einer Frikadelle ab.
„Und?“, fragte Sabine herausfordernd. „Zu salzig?“
Emilia kaute langsam, während sie ihr direkt in die Augen sah.
„Genau richtig gesalzen. Fast so gut wie mein Borschtsch.“
Leon verschluckte sich an seinem Wasser. Sabine wandte sich abrupt zum Fenster, als müsse sie dort draußen etwas Wichtiges prüfen.
„Das Rezept habe ich im Internet gefunden“, brummte sie. „Da stand, das seien die perfekten Frikadellen.“
„Das Wichtigste ist doch, dass Sie mit der App zurechtgekommen sind“, sagte Emilia und lächelte. „Das ist ein großer Schritt nach vorn.“
„Freu dich nicht zu früh.“ Sabine drehte sich wieder um. In ihren Augen blitzte der alte Funke auf, doch diesmal fehlte ihm die frühere Bosheit. „Morgen lerne ich, wie man Lebensmittel für eine ganze Woche bestellt. Und wenn du noch einmal diesen furchtbaren Zichorienkaffee statt richtigem Kaffee kaufst, suche ich selbst die beste Sorte aus. Von deiner Karte.“
„Abgemacht, Mama“, sagte Emilia und nickte. „Aber eine Regel gilt: Essen wird nicht mehr weggekippt. Auch dann nicht, wenn Ihnen angeblich etwas Pfeffer fehlt.“
„Das werden wir sehen.“ Sabine setzte sich ihr gegenüber. Dann räusperte sie sich und fragte, scheinbar beiläufig: „Übrigens, Emilia… diese Pizza mit Sardellen, die du damals bestellt hattest… war die wirklich lecker?“
Emilia warf Leon einen kurzen Blick zu und zwinkerte.
„Wollen wir morgen eine für uns beide bestellen?“
„Für uns drei“, mischte sich Leon sofort ein. „Ich bin bereit, das Risiko einzugehen.“
Zum ersten Mal seit ihrem Einzug in diese Wohnung lächelte Sabine Köhler. Nur schmal, kaum sichtbar, aber ehrlich.
„Na gut. Aber nur, wenn da vernünftiger Käse drauf ist und nicht dieses Gummizeug, das du so gern magst.“
Der Streit war damit nicht endgültig beendet, und sicher warteten noch etliche kleine Kämpfe um Gewohnheiten, Grenzen und Zuständigkeiten auf sie. Doch in dieser Wohnung flogen keine Töpfe mehr in die Spüle. Manchmal musste man, um wieder Ordnung in ein Zuhause zu bringen, nur klarstellen, wer hier die Hausherrin war — und dass Gäste trotzdem immer eine Auswahl bekamen. Selbst wenn diese Auswahl mit einem leeren Topf begann und einer Bestellung für eine einzige Person.
