„Du bist keine Hausfrau, Emilia. Du bist ein Missverständnis“ fuhr Sabine Köhler an und trocknete sich siegesgewiss die Hände am Küchentuch

Diese hässliche Heuchelei ist zutiefst beschämend.
Geschichten

Das scheppernde Aufschlagen des leeren Topfes auf dem Boden der Spüle hätte der letzte, triumphale Ton in dieser ganzen Demütigungsaufführung sein sollen. Sabine Köhler stand mitten in der Küche, die Schultern straff zurückgenommen, und in ihren Augen glomm ein hässliches Siegerfeuer. Nicht einmal die Spritzer auf ihrem seidenen Morgenmantel hielt sie für nötig abzuwischen.

Emilia Weiß, die wie erstarrt im Türrahmen stehen geblieben war, senkte langsam ihr Handy.

„Wirklich alles?“, fragte sie leise, ohne eine Miene zu verziehen.

„Alles!“, fuhr die Schwiegermutter sie an und trocknete sich mit großspuriger Zufriedenheit die Hände am Küchentuch. „Das konnte man keinem Menschen zumuten. Nur Salz, Gift und Unrat. Ich lasse nicht zu, dass du meinen Sohn mit so einer Brühe ruinierst. Begreifst du überhaupt, dass Leon einen empfindlichen Magen hat? Oder willst du ihn absichtlich zugrunde richten?“

„Leons Magen ist völlig in Ordnung, Sabine Köhler. Gestern hat er drei Teller von genau diesem Borschtsch gegessen und sogar Nachschlag verlangt.“

„Aus Höflichkeit hat er gegessen!“, rief Sabine Köhler und trat einen Schritt näher. „Mein Junge ist viel zu gut erzogen, um dir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Genau deshalb bin ich hier: damit wenigstens jemand sie ausspricht. Du bist keine Hausfrau, Emilia. Du bist ein Missverständnis.“

Emilia warf einen Blick auf die Uhr. Sechs Uhr abends. Leon würde in ungefähr einer Stunde nach Hause kommen. Für gewöhnlich begann sie um diese Zeit hektisch herumzuwirbeln, röstete Brotwürfel, schnitt Salat oder versuchte auf irgendeine Weise, die scharfen Kanten im Umgang mit der zweiten Mutter abzuschleifen. Doch heute hatte innerlich etwas hörbar eingerastet. Vielleicht war es auch nur der Klang des Deckels gewesen, der in die Spüle geflogen war.

„Also gibt es keinen Borschtsch mehr“, stellte Emilia nüchtern fest.

„Nein. Und bilde dir bloß nicht ein, ich würde dir erlauben, diesen Fraß noch einmal aufzuwärmen oder neu zusammenzukochen. Das Abendessen mache ich selbst.“

„Nur keine Umstände“, sagte Emilia und entsperrte erneut ihr Handydisplay. „Ich habe bereits vorgesorgt.“

„Was soll das heißen, vorgesorgt?“ Sabine Köhler kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Rennst du jetzt in den Supermarkt und kaufst Fertigkram?“

„Nein, wozu denn. Ich habe einfach Pizza bestellt.“

Der Schwiegermutter blieb für einen Moment die Luft weg.

„Pizza? Zum Abendessen? Für deinen Mann, der täglich zehn Stunden arbeitet?“

„Nicht für meinen Mann“, erwiderte Emilia und bestätigte in der App die Zahlung. „Ich habe eine Pizza für eine Person bestellt. Für mich. Mit extra Sardellen und scharfer Peperoni. Leon kann beides nicht ausstehen, das wissen Sie ja.“

„Und Leon?“ Sabine Köhler sank regelrecht auf einen Stuhl. „Und ich?“

„Sie, Mama, haben doch eben erklärt, dass Sie selbst kochen werden. Also nur zu. Die Lebensmittel stehen im Kühlschrank, der Topf liegt in der Spüle. Waschen Sie ihn aber vorher aus, da sind noch fettige Schlieren dran.“

„Du… du wirst frech zu mir?“ Die Stimme der Schwiegermutter begann zu zittern. „Du lässt deine Familie hungern, nur weil dein Stolz gekränkt ist?“

„Wieso hungern? Sie sind doch da. Eine kulinarische Meisterin, die Beschützerin empfindlicher Mägen. Leon wird sicher begeistert sein, Ihre Schonkost zu genießen. Und ich habe heute frei. Ich esse meine Pizza im Schlafzimmer und schaue eine Serie.“

Emilia drehte sich um und ging in ihr Zimmer, während Sabine Köhler mit dem leeren, schmutzigen Topf allein in der Küche zurückblieb. Vierzig Minuten später klingelte es. Der Lieferbote überreichte ihr einen Karton, aus dem ein himmlischer Duft nach Knoblauch, Gewürzen und heißem Teig aufstieg.

„Emilia!“, schallte Sabine Köhlers Stimme aus der Küche. „Wo ist das Mehl? Ich finde kein Mehl!“

Mit dem Pizzakarton in den Händen trat Emilia in den Flur.

„Im rechten Schrank, ganz oben. Neben Ihrem geliebten Zichorienkaffee.“

„Da ist nichts!“

„Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein.“

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