„Du kochst doch gern“, sagte er achselzuckend, während sie mit zwei Einkaufstüten und einer vier Kilo schweren Gans in der Küche stand

Dieses erdrückende Ritual ist zutiefst ungerecht.
Geschichten

„Vergiss die Gans nicht“, sagte Stefan Schmitt, ohne den Blick von seinem Handy zu lösen. „Mama mag sie mit Äpfeln.“

Ich stand mitten in der Küche, in jeder Hand eine schwere Einkaufstüte. In der einen lagen Kartoffeln, Möhren und Zwiebeln, in der anderen eine vier Kilo schwere Gans. Stefan hatte mich in der Mittagspause auf der Arbeit angerufen und mir beiläufig mitgeteilt, dass wir am Samstag Besuch bekommen würden. Zwanzig Personen. Sein Geburtstag, sechsundfünfzig Jahre.

Bis Samstag blieben noch zwei Tage.

Ich arbeite als Kalkulationsingenieurin. Acht Stunden lang Zahlen, Tabellen, Angebote. Danach Supermarkt, danach Küche. Und so ging das seit zwölf Jahren, seit Stefan irgendwann beschlossen hatte, unser Haus sei wie geschaffen für große Runden. Eine geräumige Küche, ein langer Wohnraum, ein Garten mit Grillplatz. Und vor allem: eine Ehefrau, die sich um alles kümmerte.

„Stefan, ich habe dich doch gebeten, mir so etwas mindestens zwei Wochen vorher zu sagen“, sagte ich und packte die Einkäufe aus. „Zwei Tage reichen dafür nicht.“

Er zuckte nur mit den Schultern. „Was ist denn daran so aufwendig? Ein paar Salate, etwas Warmes, fertig. Du kochst doch gern.“

Ja, ich koche gern. Für zwei Menschen. Für vier, wenn die Kinder vorbeikommen. Aber nicht für zwanzig. Nicht alle anderthalb Monate. Und ganz sicher nicht allein.

In diesen zwölf Jahren hatte ich grob sechsundneunzig solcher Feiern gezählt. Acht im Jahr: Geburtstage, Feiertage, „die Jungs schauen nur kurz rein“. Jede davon kostete mich vierzehn Stunden meines Lebens. Zwei Tage Vorbereitung, ein Abend Bedienung, ein halber Tag Aufräumen. Und kein einziges Mal, wirklich kein einziges Mal, hatte Stefan auch nur einen Teller abgewaschen.

Ich schob die Gans in den Kühlschrank und begann, Kartoffeln zu schälen.

Am Freitagabend schnitt ich bereits die vierte große Schüssel Kartoffelsalat mit Gemüse. Meine Hände rochen nach Marinade, Essig und Zwiebeln. Auf dem Tisch standen drei Bleche mit gefüllten Teigtaschen: mit Fleisch, mit Kohl, mit Ei. Im Ofen schmorte die Gans. Auf dem Herd köchelten Borschtsch in einem Zehn-Liter-Topf und Sülze, die ich schon am Donnerstag angesetzt hatte.

Stefan kam in die Küche, nahm sich eine Teigtasche und biss hinein.

„Mit Fleisch sind es ein bisschen wenig“, meinte er. „Andreas Mayer isst davon locker fünf Stück.“

„Ich habe vierzig gemacht“, erwiderte ich.

„Vierzig für zwanzig Leute? Das sind zwei pro Person. Das ist knapp.“

Ohne ein Wort holte ich das Hackfleisch wieder aus dem Kühlschrank.

„Und morgen kauf noch Limonade“, rief er aus dem Flur. „Cola und irgendwas für die Kinder.“

Bis ein Uhr nachts formte ich weitere Teigtaschen. Am Samstag stand ich um sechs auf. Ich stellte Stühle zurecht, legte Tischdecken auf, polierte Gläser. Stefan wachte um zehn auf, trank seinen Kaffee und fuhr Getränke holen. Zurück kam er mit zwei Tüten: Limo, Cola und drei Flaschen Wodka. Er stellte alles ab, zog ein neues Hemd an und setzte sich vor den Fernseher, um Fußball zu schauen.

Die Gäste kamen gegen vier. Zwanzig Menschen, und jedem musste eingeschenkt, gereicht, nachgelegt und abgeräumt werden. Ich trug Schüsseln von der Küche ins Wohnzimmer, sammelte schmutzige Teller ein, füllte Getränke nach, schnitt Brot, wärmte abgekühlte Speisen wieder auf. Den ganzen Abend über setzte ich mich kein einziges Mal. Nicht einmal für ein Glas Wasser blieb Zeit; ich trank im Vorbeigehen aus einer Tasse, stehend am Herd.

Stefan saß am Kopfende des Tisches, erzählte Anekdoten und lachte laut. Seine Mutter aß die Gans mit Äpfeln und nickte zufrieden, als wolle sie sagen: gut gelungen. Eine der Frauen, Laura Schmitt, die Ehefrau von Andreas Mayer, hielt mich auf, als ich wieder mit einem Stapel Teller an ihr vorbeiging.

„Clara Stein, setz dich doch endlich. Iss wenigstens etwas.“

„Gleich“, sagte ich. „Ich bringe nur noch das Warme, dann komme ich.“

Ich kam nicht. Nach dem Hauptgericht folgte der Nachtisch. Nach dem Nachtisch Tee. Nach dem Tee die Frage: „Gibt es noch ein paar Teigtaschen?“

Um elf Uhr abends gingen die letzten Gäste. Auf dem Tisch türmte sich das Geschirr. Ich zählte: sechzig Teller, dreißig Gläser, Salatschüsseln, Backbleche, Gabeln, Messer. Die Tischdecke war mit Flecken von Roter Bete und Wein übersät. Unter dem Tisch lagen Krümel, ein angebissener Gurkenrest und eine Serviette, die sich mit Soße vollgesogen hatte.

Ich spülte bis halb zwei in der Nacht. Stefan war um zwölf ins Bett gegangen. Vorher steckte er noch kurz den Kopf in die Küche, sah auf das Spülbecken voller Töpfe und sagte: „Lass es stehen, morgen machst du den Rest.“

LebensKlüber