„Sag mal, bist du eigentlich noch bei Verstand?“ Sebastian Krüger stand mitten im Wohnzimmer. In seiner Stimme lag ein Ton, bei dem Julia Mayer sofort wusste, dass dieses Gespräch nicht nach zwei Sätzen beendet sein würde. „Ich habe es dir deutlich genug gesagt: Entweder meine Mutter zieht zu uns, oder ich gehe zu ihr. Und zwar endgültig.“
Julia ließ die Zeitschrift sinken, in der sie seit einer halben Stunde geblättert hatte, ohne auch nur eine Zeile aufzunehmen. Sie sah ihren Mann an. Den kerzengeraden Rücken, die fest zusammengepressten Kiefer, diesen vertrauten Blick von unten herauf – den Blick eines Menschen, der seine Entscheidung längst getroffen hatte und nur noch so tat, als gäbe es etwas zu besprechen.
„Sebastian“, erwiderte sie ruhig, „wir haben das alles schon durchgekaut.“
„Offenbar nicht oft genug.“
Er trat ans Fenster. Draußen lag ein gewöhnlicher Aprilabend über der Stadt: Laternenlicht, dunkle Umrisse von Passanten auf dem Gehweg, Autoscheinwerfer, die über die Scheiben glitten. Nichts an diesem Abend passte zu dem, was sich in diesem Zimmer abspielte.

Julia kannte dieses Thema auswendig. Nicole Ludwig, ihre Schwiegermutter, rief ihren Sohn jeden Tag an. Manchmal sogar zweimal. Ihre Stimme klang dabei stets gleich: ein wenig brüchig, ein wenig leidend, mit einer ganz besonderen Betonung auf dem Wort „allein“.
Sebastian, mir geht es so schlecht allein. Sebastian, ich langweile mich so. Komm doch wenigstens für ein Stündchen vorbei. Oder noch besser: Hol mich zu euch. Ich bin doch keine Fremde.
Keine Fremde. Das war ihr Lieblingssatz.
Julia hatte sie zuletzt vor drei Wochen gesehen, an Sebastians Geburtstag. Nicole Ludwig war mit einer Torte erschienen, die sie natürlich nicht selbst gebacken hatte – sie stammte aus einer Konditorei in der Schillerstraße, Julia hatte die Schachtel erkannt. Trotzdem erzählte Nicole jedem, wie viel Mühe sie sich damit gemacht habe. Sie hatte am Kopfende des Tisches Platz genommen, obwohl niemand sie dorthin gebeten hatte; es hatte sich einfach so ergeben. Und dann hatte sie geredet. Über ihre Krankheiten. Über die Nachbarn. Über ihre Einsamkeit. Ihr lockiges, rötlich gefärbtes Haar – mit zweiundsechzig selbstverständlich nicht mehr naturbelassen – war aufwendig frisiert, und ihr Lächeln blieb den ganzen Abend auf ihrem Gesicht. Genau dieses Lächeln, bei dem Julia jedes Mal unbehaglich wurde. Zu breit. Zu unbeweglich. Als wäre es festgeklebt.
„Sie ist eine ältere Frau“, sagte Sebastian, ohne sich vom Fenster abzuwenden. „Sie braucht Unterstützung.“
„Sie ist zweiundsechzig, Sebastian. Und sie ist gesund.“
„Du hast keine Ahnung, wie sie sich fühlt.“
„Ich weiß, was sie sagt. Das ist nicht dasselbe.“
Jetzt drehte er sich doch zu ihr um. In seinen Augen stand Ärger, aber darunter lag noch etwas anderes. Etwas Kindliches, Gekränktes. Sebastian war sechsunddreißig, leitete eine Abteilung in einer Baufirma, konnte mit Subunternehmern verhandeln und Zahlenkolonnen in Kostenvoranschlägen auseinandernehmen. Doch sobald es um seine Mutter ging, schaltete sich in ihm etwas um. Dann wurde er ein anderer. Wieder der kleine Junge, dem seine Mutter erklärt hatte, die ganze Welt sei gegen sie beide, und sie hätten nur einander.
„Also bist du dagegen“, sagte er. Es war keine Frage. Es war ein Urteil.
„Ich bin nicht dagegen, dass wir uns um deine Mutter kümmern. Ich bin dagegen, dass sie in unsere Wohnung einzieht.“
„Wo soll da der Unterschied sein?“
Julia stand auf. Sie ging zum Bücherregal und rückte irgendein Buch gerade, nur um nicht reglos dazustehen.
„Der Unterschied“, sagte sie, „besteht darin, dass ich seit drei Jahren mit deinen abendlichen Telefonaten lebe, mit Wochenenden, die wir bei ihr verbringen, mit jedem Urlaub, der erst einmal zur Diskussion steht, weil es deiner Mutter angeblich schlecht geht. Wenn sie hier einzieht, Sebastian, ist das hier nicht mehr unsere Wohnung.“
„Du übertreibst.“
„Nein.“
Eine Weile sahen sie einander nur an. In solchen Momenten fragte Julia sich, wie so etwas überhaupt möglich war: Da stand ein Mensch vor ihr, mit dem sie ein Bett teilte, Frühstücke, Versicherungen, Sommerpläne. Und zugleich war er ihr vollkommen fremd. Als hätte jemand eine Glasscheibe zwischen sie geschoben.
Sebastian wandte zuerst den Blick ab.
„Dann packe ich jetzt meine Sachen“, sagte er.
Julia schwieg.
Sie hatte nicht erwartet, dass er es so rasch aussprechen würde. Und sie hatte auch nicht geglaubt, dass er es wirklich ernst meinte. Doch er machte auf dem Absatz kehrt und ging ins Schlafzimmer. Kurz darauf drangen Geräusche zu ihr herüber: Schubladen wurden aufgerissen, Stoff raschelte, etwas fiel dumpf zu Boden.
Julia blieb im Wohnzimmer stehen und hörte zu.
Dann nahm sie ihr Handy.
Sie öffnete die Taxi-App und bestellte einen Wagen. Zieladresse: Waldstraße 8. Dort wohnte Nicole Ludwig. Der Wagen sollte in sieben Minuten eintreffen.
Julia steckte das Telefon wieder in die Tasche und ging in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen.
Wenig später kam Sebastian aus dem Schlafzimmer. Über der Schulter hing eine große Reisetasche, in der Hand hielt er einen Rucksack. Es war erstaunlich schnell gegangen – schneller, als Julia vermutet hätte. Fast so, als sei er längst vorbereitet gewesen. Oder als hätte er diesen Auftritt schon oft in Gedanken geprobt.
Er ging an der Küche vorbei in den Flur. Schlüssel klirrten.
„Ich gehe“, rief er, ohne noch einmal hereinzukommen.
„Ich höre es“, antwortete Julia.
Stille.
„Willst du dazu gar nichts sagen?“
Sie trat aus der Küche und blieb im Türrahmen stehen. Sie betrachtete ihn: die Tasche, den Rucksack, die Jacke, die bereits bis oben geschlossen war. In seinem Gesicht mischten sich Entschlossenheit und Verwirrung. Er wartete darauf, dass sie losstürzte. Dass sie ihn bat zu bleiben. Dass sie weinte.
„Doch“, sagte sie. „Das Taxi ist unterwegs. In ungefähr drei Minuten steht es unten vor dem Haus. Ich habe es zur Waldstraße bestellt.“
Sebastian erstarrte.
„Was?“
„Der Wagen kommt schon, Sebastian. Du solltest ihn nicht verpassen.“
Er starrte sie an, als hätte sie in einer Sprache gesprochen, die er nicht verstand. Dann stellte er langsam die Tasche ab.
