— Was willst du? — fragte sie schließlich. Leise diesmal. Und ohne dieses falsche, verniedlichende „Mariechen“.
Marie Krüger schob die Mappe zu und legte beide Hände darauf.
— Ich will, dass Sie begreifen: Ich weiß alles. Und ich will, dass Sie Moritz klarmachen, dass eine friedliche Lösung für ihn die bessere Wahl ist. Denn wenn es vor Gericht geht, landen diese Unterlagen ebenfalls dort.
Sabine Möller sah sie lange an. Dann sagte sie mit gedämpfter Stimme, und in ihrem Gesicht lag etwas Seltsames — kein Hass, eher eine widerwillige Anerkennung:
— Ich habe dich unterschätzt.
— Ja, — antwortete Marie ruhig. — Das tun viele.
Moritz König rief um drei Uhr nachmittags an. Marie saß im Büro, vor ihr der Bildschirm mit Tabellen und Zahlenkolonnen, als ihr Handy auf dem Tisch vibrierte.
— Meine Mutter hat mir alles erzählt, — begann er. Seine Stimme klang angespannt, wie ein Drahtseil kurz vor dem Reißen.
— Gut.
— Marie, können wir normal miteinander reden? Ohne diese ganzen Papiere von dir?
— Können wir. Aber die Papiere verschwinden dadurch nicht.
Am anderen Ende blieb es lange still.
— Willst du dich wirklich scheiden lassen?
Marie wandte den Blick zum Fenster. Draußen zog der Alltag vorbei: Menschen hasteten über den Gehweg, jemand lachte vor dem Eingang des Nachbarbüros, Autos rollten durch die Straße. Ein ganz gewöhnlicher Tag. Ein ganz gewöhnliches Leben.
— Moritz, hast du mich in den letzten drei Jahren auch nur ein einziges Mal gefragt, wie es mir geht? Nicht: „Was gibt es zu essen?“ Nicht: „Wo ist das Geld?“ Sondern wirklich: Wie geht es dir? Was passiert in deinem Leben? Was brauchst du?
Keine Antwort.
— Genau, — sagte Marie. — Heute Abend sprechen wir weiter.
Dann beendete sie das Gespräch und legte das Telefon weg.
Doch als sie am Abend gerade ihren Rechner herunterfuhr und das Büro verlassen wollte, erschien eine Nachricht auf dem Display. Nicht von Moritz. Von einer unbekannten Nummer. Nur drei Wörter:
„Wir müssen reden.“
Marie blieb mitten im Flur stehen. Sie las die Nachricht ein zweites Mal, dann ein drittes. Schließlich tippte sie zurück:
„Wer sind Sie?“
Die Antwort kam fast ohne Verzögerung.
„Moritz’ erste Frau.“
Marie atmete langsam aus. Also so war das.
Unten vor dem Gebäude blieb sie neben ihrem Wagen stehen und starrte ein paar Sekunden lang durch die Windschutzscheibe, ohne wirklich etwas zu sehen. Dann schrieb sie:
„Morgen. Schicken Sie mir die Adresse.“
Denn wenn Moritz bereits eine Ehe hinter sich hatte — und er ihr nie ein Wort davon gesagt hatte —, dann war die Geschichte, die Marie für ihre eigene gehalten hatte, offenbar eine andere. Länger. Dunkler. Und weitaus aufschlussreicher, als sie angenommen hatte.
Moritz’ erste Frau hieß Sandra Lange.
Sie trafen sich am nächsten Tag in einem kleinen Café am Gendarmenmarkt. Sandra hatte die Adresse Punkt acht Uhr morgens geschickt, knapp, sachlich, ohne Einleitung. Als Marie eintrat, erkannte sie sie sofort: eine Frau um die vierzig, kurz geschnittenes Haar, ein ruhiger Blick, wie ihn Menschen haben, die schon zu viel erlebt haben, um sich noch leicht erschüttern zu lassen.
Für Höflichkeiten verschwendeten sie keine Zeit.
— Ich habe nur zufällig von dir erfahren, — sagte Sandra und hielt ihre Teetasse mit beiden Händen umfasst. — Eine gemeinsame Bekannte hat dich erwähnt. Danach habe ich lange überlegt, ob ich dir schreiben soll. Am Ende dachte ich: Ich tue es. Weil mir damals niemand geschrieben hat.
Sandras Geschichte war kürzer als Maries, aber erschreckend ähnlich. Drei Jahre Ehe. Ein gemeinsames Konto. Moritz hatte fast von Anfang an kaum gearbeitet — mal gab es Gründe, mal Erklärungen, mal vorübergehende Schwierigkeiten. Sabine Möller tauchte regelmäßig auf, jedes Mal mit irgendeinem Problem, das Geld erforderte. Die Beträge flossen leise ab, fast unmerklich, bis Sandra sich eines Tages hinsetzte und alles zusammenrechnete.
— Ich habe die Scheidung eingereicht, — sagte sie. — Er hat sich nicht besonders gewehrt. Rückblickend glaube ich, dass er da schon nach der Nächsten Ausschau gehalten hat.
Marie hörte ihr zu und spürte dabei etwas Unerwartetes. Keine Wut. Auch kein Selbstmitleid. Eher eine kalte, schneidende Klarheit. Wie bei einem verschwommenen Bild, das plötzlich scharf gestellt wird.
— Hat er dir das Geld zurückgezahlt? — fragte sie.
Sandra lachte kurz, ohne Freude.
— Nein. Aber ich habe es auch nicht mehr erwartet. Ich bin gegangen und habe neu angefangen. — Sie schwieg einen Augenblick. — Du bist anders. Du hast Unterlagen, hast du gesagt. Das ist wichtig. Ich hoffe wirklich, dass du es zu Ende bringst.
Sie blieben noch ungefähr eine Stunde. Beim Abschied wechselten sie keine großen Worte. Vor der Tür nickten sie einander nur zu. Trotzdem saß Marie danach noch lange in ihrem Auto, ehe sie den Motor startete.
Das Gespräch mit Moritz fand noch am selben Abend statt.
Er wirkte verändert. Nicht wie der Mann, der er vor drei Jahren gewesen war. Marie sah es sofort. Er saß am Küchentisch, das Handy lag unberührt neben ihm, er tat nicht beschäftigt, wich nicht aus. Er wartete einfach. Allein das war ungewöhnlich.
— Du weißt von Sandra? — fragte er als Erstes.
— Jetzt weiß ich es.
Moritz fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die Geste sah müde aus, beinahe ehrlich — und gerade deshalb unangenehm.
— Das ist lange her. Ich hielt es nicht für nötig, darüber zu sprechen.
— Eine interessante Auffassung, — sagte Marie. — Du hieltest es nicht für nötig, mir von deiner ersten Ehe zu erzählen. Du hieltest es nicht für nötig, die Überweisungen an deine Mutter zu erklären. Du hieltest es nicht für nötig, in den letzten zwei Jahren ernsthaft zu arbeiten. Du hältst offenbar sehr vieles nicht für nötig.
Er schwieg.
— Moritz, ich reiche die Scheidung ein. Anton Vogel bereitet die Unterlagen bereits vor. — Ihre Stimme blieb gleichmäßig, ohne Pathos, ohne Zittern. — Die Wohnung gehört mir, daran gibt es nichts zu rütteln. Das Auto ebenfalls. Gemeinsames Vermögen existiert im Grunde nicht, weil alles, was angeschafft wurde, von mir erarbeitet und bezahlt wurde.
— Marie …
— Lass mich ausreden. Was die Überweisungen an deine Mutter betrifft, ist das ein eigenes Thema. Achttausendvierhundert Euro innerhalb von drei Jahren. Anton Vogel sagt, es gebe eine Grundlage, das als zweckwidrige Verwendung gemeinsamer Mittel prüfen zu lassen. Wir können vor Gericht gehen. Oder du einigst dich gütlich mit mir.
