Nur als Beispiel.
Am anderen Ende der Leitung entstand eine Stille, in der man beinahe hören konnte, wie Sabine Möller fieberhaft nach einer Erklärung suchte.
— Ich weiß nicht, wovon du sprichst, — sagte sie schließlich. Bedächtig. Viel zu bedächtig für jemanden, der angeblich nichts zu verbergen hatte.
— Doch, das wissen Sie, — erwiderte Marie Krüger ruhig. — Morgen um zwölf. Ich schicke Ihnen die Adresse des Cafés.
Dann legte sie auf.
Moritz stand im Türrahmen der Küche und starrte seine Frau an, als sähe er sie zum ersten Mal. Vielleicht war es tatsächlich so. Denn die Marie, an die er sich gewöhnt hatte — bequem, nachgiebig, geduldig, schweigend — war in diesem Moment verschwunden. Die Frau, die jetzt vor ihm stand, blickte ihn klar und ohne jede Wut an. Und genau das machte sie viel gefährlicher.
— Marie, warte. Lass uns vernünftig reden…
— Morgen, — sagte sie nur. — Heute muss ich noch etwas erledigen.
Sie nahm ihre Jacke vom Haken, stieg über seine Chipstüte hinweg und verließ die Wohnung.
Wohin willst du? Diese Frage brachte Moritz nicht mehr heraus. Die Tür war bereits ins Schloss gefallen.
Marie ging hinunter auf den Hof, setzte sich in den Wagen — in ihren Wagen, den sie selbst bezahlt hatte — und fuhr in die Innenstadt. In einem Bürohaus an der Friedrichstraße wartete ein Mann auf sie, mit dem sie schon eine Woche zuvor kurz telefoniert hatte. Ein Anwalt. Ein guter Anwalt. Einer, der sich auf Familienrecht verstand.
Denn Marie Krüger bereitete nicht einfach nur einen Streit vor.
Sie bereitete ein Gespräch vor, nach dem sich das Leben verändern würde. Für alle drei.
Der Anwalt war jünger, als sie erwartet hatte, vielleicht Mitte dreißig. Er trug eine schmale Brille und sprach knapp, sachlich, ohne unnötige Ausschmückungen. Sein Name war Anton Vogel. Das Büro war klein und nüchtern: Schreibtisch, Stühle, Regale voller Aktenordner. Keine teuren Ledersessel, keine demonstrative Wichtigkeit. Gerade das gefiel Marie sofort.
Sie legte die Ausdrucke vor ihm auf den Tisch. Kontoauszüge, Überweisungsdaten, Beträge. Drei Jahre, sauber in Tabellen geordnet.
Anton Vogel blätterte schweigend durch die Unterlagen. Dann nahm er die Brille ab und rieb sich kurz über den Nasenrücken.
— Seit wann sammeln Sie das?
— Seit sieben Monaten, — antwortete Marie.
— Verstehe. — Er setzte die Brille wieder auf. — Auf wen läuft die Wohnung?
— Auf mich. Ich habe sie vor der Ehe gekauft, mit Geld meiner Eltern.
— Und das Auto?
— Ebenfalls auf mich. Den Kredit habe ich allein abbezahlt.
Anton Vogel nickte knapp, ohne einen Kommentar abzugeben, und machte sich eine Notiz.
— Sabine Möller, also die Mutter Ihres Mannes, hat regelmäßig Geld erhalten. Ihr Mann hat von einem Gemeinschaftskonto überwiesen, auf das überwiegend Ihr Gehalt einging. Das lässt sich über die Bankauszüge belegen. Die entscheidende Frage ist: Was möchten Sie am Ende erreichen?
Marie schwieg einen Augenblick.
— Ich möchte, dass alles sauber geregelt wird. Kein Schlamassel vor Gericht, kein öffentliches Zerreißen. Aber auch keine Selbsttäuschung mehr.
— Scheidung?
— Ja.
Das Wort kam ruhig heraus. Ohne Zittern, ohne Zögern. Sie sagte es — und spürte, wie sich in ihr etwas an den richtigen Platz schob. Als hätte sie viel zu lange eine schwere Tasche getragen und sie endlich auf den Boden gestellt.
Als sie nach Hause kam, war es bereits nach acht. Moritz saß in der Küche und starrte auf sein Handy. Die Chipstüte war aufgerissen, die Cola geöffnet. Er fragte nicht, wo sie gewesen war. Auch das sagte genug. Früher hatte er wenigstens noch so getan, als interessiere es ihn.
Die Nacht verlief schweigend. Sie lagen im selben Bett wie zwei Fremde in einem Zugabteil: jeder an seiner Kante, jeder in seine eigene Stille gekehrt.
Am Morgen stand Marie als Erste auf, kochte Kaffee — nur für sich — und fuhr zur Arbeit.
Das Café, in das sie ihre Schwiegermutter bestellt hatte, hieß „Patrick“. Ein ruhiger Ort im Zentrum, nicht zu laut, nicht zu voll. Die Tische standen mit Abstand zueinander. Marie kam zehn Minuten zu früh, nahm einen Platz in der Ecke und bestellte einen Americano.
Sabine Möller erschien Punkt zwölf. Sie trug einen hellgrauen Mantel und eine Handtasche, die Marie sofort erkannte: genau jene aus Leder, die vor zwei Jahren angeblich „als Geschenk“ gekauft worden war — bezahlt allerdings vom gemeinsamen Konto. Damals hatte Marie sich nichts weiter dabei gedacht. Jetzt sah sie die Tasche an und dachte nur: Interessant, welche Kleinigkeiten plötzlich Bedeutung bekommen.
Ihre Schwiegermutter sah sich kurz um, entdeckte Marie und setzte ein Gesicht auf, das irgendwo zwischen Lächeln und Sorge lag. Dann nahm sie ihr gegenüber Platz, ohne den Mantel auszuziehen, wie jemand, der nur kurz bleiben wollte.
— Marie, du hast mich gestern wirklich erschreckt. Was soll das heißen, achttausendvierhundert Euro? Da muss ein Missverständnis vorliegen, ganz sicher.
— Nein, Sabine Möller. Es ist kein Missverständnis. — Marie öffnete die Mappe, die sie mitgebracht hatte, und schob mehrere Blätter über den Tisch. — Hier sind die Überweisungen. Datum, Betrag, Verwendungszweck: „Hilfe für Mama“, „Mama hat gefragt“, „dringend für Mama“. Über drei Jahre hinweg.
Sabine Möller sah auf die Ausdrucke. Dann hob sie den Blick.
— Ein Sohn unterstützt seine Mutter. Daran ist nichts Ungewöhnliches.
— Mit dem Geld seiner Frau? — Maries Stimme blieb vollkommen ruhig. — Denn eigenes Geld lag auf diesem Konto praktisch nie. Gar keines.
Für einen winzigen Moment veränderte sich etwas im Gesicht ihrer Schwiegermutter. Kaum sichtbar, nur ein feiner Riss in der Fassade, den man nur bemerkte, wenn man genau hinsah.
— Du übertreibst maßlos.
— Ich bin Analystin, Sabine Möller. Ich übertreibe nicht. Ich rechne.
Eine Pause entstand. Der Kellner brachte Sabine Möllers Kaffee; sie hatte ihn mechanisch bestellt, ohne überhaupt in die Karte zu schauen. Nun umklammerte sie die Tasse mit beiden Händen, als könne sie sich daran wärmen.
