„Warum hast du deinen Pass auf den Tisch gelegt? Damit ich ihn zufällig entdecke, oder damit ich dich selbst danach frage?“
Anna Werner stand mit einem nassen Schwamm in der Hand an der Spüle und begriff im ersten Moment nicht einmal, worauf Julia Krause hinauswollte. In der Küche mischte sich der Geruch von Chlorreiniger mit gebratenen Zwiebeln und dem Ausdünsten der neuen Möbel, das noch immer in der Luft hing. Julia Krause, die Mutter von Lukas Hartmann, hielt Annas Ausweis nur mit zwei Fingern fest, als wäre es kein Dokument, sondern eine Tüte mit verdorbenem Fisch.
„Ich habe ihn nicht hingeworfen, Julia Krause. Er lag auf der Kommode. Wir waren gestern beim Bürgeramt.“
„Beim Bürgeramt“, wiederholte die Schwiegermutter gedehnt. „Interessant, wie schnell das geht. Kaum ist die Hochzeit eine Woche her, bist du schon hier gemeldet.“
„Lukas Hartmann meinte, das sei richtig so. Wir wohnen schließlich zusammen.“

„Zusammen wohnen“, sagte Julia Krause und schnippte mit dem Fingernagel gegen den Einband des Passes. „Nur gehört diese Wohnung nicht euch. Nicht einmal Lukas Hartmann hat sie gekauft. Sondern ich. Von meinem Geld. Zwanzig Jahre habe ich mir in der Klinik den Rücken krumm gearbeitet, damit mein Sohn nicht von einer Mietbude in die nächste ziehen muss.“
„Das weiß ich. Und ich bin Ihnen wirklich dankbar.“
„Dankbar ist sie“, spottete Julia Krause leise. „Heutzutage lässt sich Dankbarkeit offenbar am besten mit einem Stempel im Ausweis absichern. Nur für alle Fälle.“
Anna Werner legte den Schwamm beiseite. „Was genau werfen Sie mir gerade vor?“
„Noch gar nichts. Ich sehe mich nur um. Ich war mein Leben lang Ärztin, ich beobachte gut. Menschen durchschaue ich meistens sehr schnell.“
„Dann sehen Sie bitte auch, dass ich Ihrem Sohn nichts Böses will.“
„Das wird sich zeigen, Anna Werner. Die Zeit zeigt so etwas. Und Taten erst recht.“
Als Anna Werner Lukas Hartmann am Abend von dem Gespräch erzählte, winkte er nur müde ab. Er saß auf dem Küchenhocker, aß Nudeln mit Frikadelle und scrollte nebenbei auf seinem Handy.
„Mama meint das nicht böse. Sie macht sich nur Sorgen wegen der Wohnung.“
„Wegen der Wohnung? Oder weil ich darin atme?“
„Fang bitte nicht schon wieder an. Sie hat sie wirklich bezahlt. Für sie ist wichtig zu wissen, dass ihre Arbeit nicht umsonst war.“
„Lukas Hartmann, sie hat meinen Pass behandelt wie ein Beweisstück.“
„Anna Werner, versuch doch auch mal, sie zu verstehen. Sie hat mich allein großgezogen und alles in mich gesteckt.“
„Und mich? Hat irgendjemand vor, mich zu verstehen?“
„Ich verstehe dich doch. Aber lass uns keinen Krieg anfangen. Wir sind gerade erst verheiratet.“
„Ich will keinen Krieg. Ich will nur eine Tür. Eine ganz normale Tür, vor der man klingelt, bevor man hereinkommt.“
„Ich rede mit ihr.“
„Wann?“
„Na ja… wenn es sich ergibt.“
Eine passende Gelegenheit ergab sich natürlich nie. Dafür ergab sich Julia Krause selbst mit erstaunlicher Regelmäßigkeit: dienstags, donnerstags und an jedem anderen Tag, an dem sie plötzlich „gerade in der Nähe“ war. Ihre Wege waren merkwürdig verschlungen. Von zu Hause zum Supermarkt, vom Supermarkt zur Apotheke und von dort aus aus unerfindlichen Gründen immer zu ihrem Hauseingang.
„Ich habe ein Huhn mitgebracht. Lukas Hartmann mag kräftige Brühe. Kochst du ihm überhaupt Brühe?“
„Wenn er darum bittet, ja.“
„Ein Mann sollte nicht bitten müssen. Eine Frau sollte so etwas sehen.“
„Ich kann keine Gedanken lesen. Ich habe einen anderen Beruf.“
„Welchen denn? Im Büro Papier von links nach rechts schieben?“
„Ich bin Buchhalterin.“
„Ach ja, mit Zahlen kennst du dich aus. Das merkt man.“
„Möchten Sie Tee, Julia Krause?“
„Später. Im Bad hängen nasse Handtücher. So bekommt ihr Schimmel. Und im Kühlschrank liegt angeschnittene Wurst ohne Dose. Lukas Hartmann hat einen empfindlichen Magen.“
„Lukas Hartmann hat die Wurst gestern selbst geöffnet und selbst nicht weggeräumt.“
„Bist du die Hausfrau oder wer? Ein Mann kommt von der Arbeit, er ist erschöpft.“
„Ich komme auch von der Arbeit.“
„Du sitzt den ganzen Tag. Das kann man nicht vergleichen.“
Manchmal gab Anna Werner eine Antwort, manchmal schwieg sie. Schweigen war oft günstiger, weil daraus wenigstens kein offener Streit wuchs. Doch in ihr sammelte sich trotzdem alles an, wie Wasser unter Linoleum: Oben sieht es trocken aus, aber sobald man auftritt, schmatzt es darunter.
Sieben Monate nach der Hochzeit zeigte Anna Werner Lukas Hartmann den Test. Zwei Streifen zeichneten sich so deutlich ab, als hätte jemand sie mit einem Filzstift nachgezogen.
„Lukas Hartmann, fall jetzt bitte nicht um.“
„Was ist?“
„Schau hin.“
Er starrte darauf. „Ist das… wirklich?“
„Nein, ich dachte, ich mache morgens mal ein kleines Chemieexperiment.“
„Anna Werner“, stieß er hervor, packte sie, wirbelte sie in der Küche herum und erschrak sofort. „Oh. Das darf man wahrscheinlich nicht, oder?“
„Keine Ahnung. Aber wenn du mich fallen lässt, dann ganz sicher nicht.“
„Wir bekommen ein Kind.“
„Sieht so aus.“
„Sagen wir es Mama?“
„Vielleicht sagen wir es zuerst einem Arzt.“
„Mama wird beleidigt sein.“
„Deine Mutter ist sogar vom Wetterbericht beleidigt, wenn es regnet, ohne dass sie vorher gefragt wurde.“
Lukas Hartmann lachte, und Anna Werner hatte zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, vielleicht könne tatsächlich alles gut werden.
Julia Krause erfuhr es eine Woche später. Sie stand fast sofort vor der Tür, mit einer Tüte voller Vitamine, ausgedruckten Laborwertlisten und der Miene einer Chefexpertin für fremde Schwangerschaften.
„Also, Anna Werner. Kein Kaffee. Keine hohen Absätze. Und keine Nervenkriege in diesem Büro von dir.“
„Mein Büro ist völlig normal. Dort verliert höchstens der Drucker die Nerven.“
„Mach keine Witze. Eine Schwangerschaft ist ernst. Du musst zu einem guten Arzt zur Vorsorge. Ich kümmere mich darum.“
„Ich habe schon einen Termin bei einer Frauenärztin.“
„Bei der Praxis um die Ecke? Da sitzen doch nur hustende alte Frauen im Wartezimmer, und die Ärzte sind gerade erst mit dem Studium fertig.“
„Die Ärztin ist gut. Eine Freundin hat sie mir empfohlen.“
„Freundinnen empfiehlt man für Maniküre, nicht für Medizin. Ich suche dir jemanden in einem privaten Zentrum.“
„Danke, Julia Krause, aber das entscheiden wir selbst.“
„Selbst“, wiederholte sie und sah Lukas Hartmann an. „Hörst du das? Jetzt entscheidet ihr schon alles selbst. Und wenn dann etwas schiefläuft, rennt ihr zu mir.“
„Mama, mal bitte nicht den Teufel an die Wand.“
„Ich male gar nichts. Ich warne nur. Offenbar bin ich hier die Einzige, die den Kopf benutzt.“
Die Schwangerschaft war gewöhnlich, nicht wie im Film. Anna Werner wurde schon vom Geruch der Zahnpasta übel, sie hatte ständig Lust auf Gewürzgurken und aus irgendeinem Grund mitten im Juli auf Mandarinen. Abends saß sie auf dem Balkon, hörte unten Jugendlichen zu, die sich bei den E-Scootern stritten, und dachte, dass Mutterschaft offenbar nicht mit seligem Lächeln begann, sondern mit einem endlosen inneren Satz: Hauptsache, alles geht gut.
Lukas Hartmann bemühte sich. Er kaufte Quark, schleppte Einkaufstaschen, strich über ihren Bauch und sprach mit dem Kind.
„Kleines, tritt deine Mutter da drin nicht so fest. Sie ist bei uns ein bisschen empfindlich.“
„Du bist hier empfindlich.“
„Ich bin verantwortungsbewusst.“
„Ein verantwortungsbewusster Mensch vergisst nicht ständig, die Zählerstände aufzuschreiben.“
„Wenn das Kind da ist, werde ich mich ändern.“
„Gott bewahre das Kind davor, diese Märchen schon ab der Geburt hören zu müssen.“
Julia Krause brachte Ratschläge mit, als trüge sie sie neben den Überziehschuhen immer in ihrer Handtasche.
„Den Kinderwagen nehmt ihr nicht in dieser modischen Spielzeugversion, sondern einen ordentlichen, mit großen Rädern.“
„Unser Aufzug ist klein.“
„Dann klappst du ihn eben zusammen.“
„Und nach einem Kaiserschnitt klappe ich mich gleich mit zusammen?“
„Wer hat dir denn etwas von Kaiserschnitt eingeredet? Gebären muss man selbst. Eine Frau muss das.“
„Eine Frau muss niemandem etwas, außer vielleicht dem Finanzamt.“
„Was für eine Zunge du hast, Anna Werner. Lukas Hartmann, hörst du, wie deine Frau redet?“
„Ich höre es. Mir gefällt es.“
„Dir gefällt es. Später wirst du noch heulen.“
Die Tochter kam Ende November zur Welt, als die Stadt bereits mit schmutzigem Schnee bestäubt war. Das Mädchen schrie zornig, als hätte man sie nicht geboren, sondern widerrechtlich aus einer warmen Wohnung geräumt. Anna Werner lag völlig erschöpft da, die Lippen aufgesprungen, die Haare feucht an der Stirn, doch als man ihr das Baby auf die Brust legte, wurde es in ihr plötzlich still.
„Marie Schmitt“, flüsterte die Hebamme. „Dreitausendzweihundert Gramm. Ein kräftiges Mädchen.“
Lukas Hartmann traf eine Stunde später ein, knetete eine Tüte mit Wasser und Keksen in den Händen und sah durch die Scheibe zu Anna Werner hinüber wie ein Schuljunge vor einem Schaufenster.
„Ist sie schön?“
